Interview mit Barbara Budrich

"DEAL ist die falsche Lösung"

Open Access ist derzeit ein Top-Thema für Forscher und Wissenschaftsverlage. Das ehrgeizige Ziel der Wissenschaftsallianz, ab 2020 auf Open Access umzustellen, sorgt für Diskussionsstoff. Aber auch die DEAL-Verhandlungen, die Hunderte von Verlagen und den Fachbuchhandel aussperren. Börsenblatt Online hat darüber mit der Verlegerin Barbara Budrich gesprochen.        INTERVIEW: MICHAEL ROESLER-GRAICHEN

Barbara Budrich

Barbara Budrich © privat

Halten Sie die Forderungen der Initiativen "Plan S" und "OA2020" für realistisch, das wissenschaftliche Publikationssystem ab 2020 auf Open Access umzustellen?
Im Augenblick konzentriert sich die Wissenschaftspolitik in Deutschland und Europa mit Blick auf Open Access sehr intensiv auf Vereinbarungen mit den drei internationalen Großkonzernen. Im Grunde kann sie sich mit Abschluss der drei DEALs zufrieden zurücklehnen: Da in die Verhandlungen Open Access eingeschlagen ist und die übrigen rund 400 Wissenschaftsverlage in Deutschland in diesem Kontext ausgeblendet werden, ist das Ziel dann erreicht. Das könnte also bereits in diesem Jahr so weit sein. Allerdings ist dieser Erfolg keiner: Das Problem der einseitigen Preisgestaltungsmacht ist damit nicht erledigt. Es verschärft sich eher, weil diese Großverlage durch die DEAL-Abschlüsse eine noch bessere Marktposition erhalten. Autoren und Leser erhalten den Eindruck, das Publizieren im Open Access sei bei diesen Verlagen kostenlos. Das könnte für uns übrige Verlage große wirtschaftliche Probleme bedeuten.

Wie wirkt sich die Kostenlos-Mentalität auf das Publikationsverhalten aus?
Wenn "kostenlos" zum alles entscheidenden Merkmal wird, damit Wissenschaft rezipiert wird, dann ist für den Aufbau der wissenschaftlichen Reputation vor allem wichtig, dass die eigenen Werke kostenlos im Internet verfügbar sind. Solange der Staat, also die jeweilige Einrichtung, für die OA-Publikationen aufkommt, funktioniert das System; sobald aber Wissenschaftler aufgrund ihrer aktuellen Anstellungssituation die Gelder nicht aufbringen können, um für die Open Access-Publikation zu bezahlen, wird es schwierig. Mit Blick auf unsere Fachbereiche sehe ich teils sehr kritische Haltungen der Wissenschaftler selbst: Sie pochen auf ihre Publikationsfreiheit und sorgen sich um Kontrolle über Budgetierungen. Die gibt es natürlich bereits via Forschungsförderung; durch erzwungene Open-Access-Publikationen und entsprechend notwendige Gelder würden diese noch verschärft.

Hat sich Ihr eigenes Open-Access-Angebot bewährt?
Unser erster Open-Access-Titel ist 2005 erschienen – ein Jahr nach Gründung des Verlags Barbara Budrich. Wir tasten uns an die Kalkulation noch heran, da sich die Parameter verändern, je mehr Open Access veröffentlicht wird. Der Anteil von OA-Publikationen an unserem Programm wächst langsam, aber beständig. Mit unseren Autoren und einschlägigen Institutionen sind wir im Austausch: So sind wir zum Beispiel mit einigen anderen Verlagen in einem DFG-geförderten Projekt (Open Access in den Geistes- und Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt Monografien) Partner der Universität Duisburg-Essen. Zudem haben wir vor einigen Jahren das Soziologiemagazin – eine vom wissenschaftlichen Nachwuchs aufgesetzte OA-Fachzeitschrift – in unser Programm übernommen. Im Rahmen unserer Nachwuchsförderung ist dies eine Dienstleistung, die wir unentgeltlich erbringen. Als nachhaltiges Geschäftsmodell ist das natürlich nicht zu empfehlen.

Kann Open Access auch kontraproduktiv wirken?
Mir ist bislang nicht klar, wie eine OA-Kultur der Wissenschaft als Ganzes wirklich förderlich sein kann. Mal abgesehen davon, dass die schamlose Selbstbedienungsmentalität der Konzerne mit Blick auf Zeitschriftenabonnements natürlich für enorme Wut in der gesamten Wissenschaft gesorgt hat und man nach "irgendeiner Lösung" gesucht und mit DEAL meiner Meinung nach die falsche gefunden hat. Ich fürchte, dass Open Access insgesamt zu einer noch weiter ansteigenden Publikationsflut führen wird. Lehrbücher, die von uns einen großen konzeptionellen, redaktionellen, Lektorats- und Herstelleinsatz verlangen, müssen Gemein- und Fremdkosten einspielen. Unsere Mischkalkulation können wir vergessen, wenn Open Access von unseren Lesern selbstverständlich verlangt wird. Das bedeutet, dass wir vor allem für Lehr-, Studien- und Handbücher hohe "Book Processing Charges" verlangen müssen. Die Budgets sind aber jeweils bezogen auf die Einzelpublikation zumeist gedeckelt.

Welche Folgen hätte eine Umstellung auf Open Access für den Bestandsaufbau in Bibliotheken?
Da in den vergangenen Jahren die designierten DEAL-Gelder teils für Bibliothekseinkäufe genutzt wurden, ist in dem Augenblick, wo die Millionen an die Großkonzerne fließen, mit fehlenden Budgets für andere Anschaffungen zu rechnen. Was dann auch für das wissenschaftliche Sortiment weitere Einbußen bedeuten dürfte.

Welche Rolle kann ein Verlag in einer Open-Access-Umgebung noch spielen?
Die ideologisch standhaften Verfechter von Open Access brauchen in ihrer schönen neuen Welt keine Verlage. Allerdings sehe ich, dass die Qualitätssicherung durch Verlage, die alte "Gate-Keeper-Funktion", gerade in der beständig anwachsenden Publikationsflut wichtiger und wichtiger wird. 

  

Glossar zu Open Access

DEAL-Projekt: Verhandlungen der Wissenschaftsallianz mit Elsevier, Springer Nature und Wiley um eine Bundeslizenz für E-Journale; mit Open-Access-Komponente; Abschluss mit Wiley am 15. Januar 2019
Gold Open Access: frei und sofort zugängliche Veröffentlichung eines Autors; Kosten (article processing charge, APC) trägt das Forschungsinstitut
Green Open Access: frei zugängliche Veröffentlichung von Journal-Artikeln nach Ablauf einer Embargofrist (in der Regel zwölf Monate)
OA2020: Initiative von 136 Wissenschaftsorganisationen weltweit zur Umstellung des Publikationssystems auf Open Access ab 2020
Plan S: europäische Initiative von elf Forschungsförderorganisationen mit dem gleichen Ziel; unterstützt von Europäischem Forschungsrat und EU-Kommission

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1 Kommentar/e

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  • Dorothee Graf

    Dorothee Graf

    Ich möchte dem provokanten Titel des Börsenblatts eine differenzierende Replik auf die Aussagen von Frau Budrich entgegenstellen, die sich aus geisteswissenschaftlicher und bibliothekarischer Sicht ergeben:
    Dem ersten Satz der Verlegerin ist zweifelsohne zuzustimmen: Die öffentliche Aufmerksamkeit in Bezug auf Open Access ist recht einseitig auf DEAL fokussiert - damit läuft sie Gefahr, vor allem auf Zeitschriftenpublikationen, einige wenige marktbeherrschende Verlage und die STM-Fächer gerichtet zu sein. Es wird durch die DEAL-Gelder – wie für STM-Zeitschriften insgesamt – sehr viel öffentliches Geld gebunden, aber nicht sämtliche Erwerbungsmittel der Bibliotheken, da diese stets auch fachlich aufgeteilt werden.
    Darüber hinaus gibt es noch andere Diskussionsstränge und Aktivitäten in Bezug auf Open Access, die genauso wenig monopolisiert sind wie die Verlagslandschaft in den Geistes- und Sozialwissenschaften, deren Vertreterin hier zu Wort kommt. Frau Budrich nennt das Duisburg-Essener Projekt OGeSoMo, das allerdings nicht von der DFG, sondern vom BMBF finanziert ist – neben dieser Korrekturanmerkung zum Geldgeber möchte ich ergänzen, dass das Augenmerk der öffentlichen Wahrnehmung auch deshalb vornehmlich auf Zeitschriftenartikelgebühren liegt, da die DFG aufgrund der exorbitanten Preissteigerungen in diesem Bereich zunächst hier verstärkt mit Förderprogrammen aktiv wurde. Mittlerweise existieren auch Fördermaßnahmen zur Etablierung tragfähiger Geschäftsmodelle für die Publikation von wissenschaftlichen Open-Access-Monografien und monografischen Serien. Auch mit Mitteln des BMBF werden derzeit verschiedene Initiativen unterstützt, die Open Access für Buchfächer und nicht-STM-Fächer untersuchen und fördern, s. https://www.bildung-forschung.digital/de/im-ueberb lick-16-innovative-open-access-projekte-starten-21 98.html. Die Beteiligung wissenschaftlicher Verlage ist dabei nicht ausgeschlossen, wie speziell das Projekt OGeSoMo zeigt.
    Ich teile die Einschätzung Frau Budrichs zur Problematik intransparenter bzw. unsichtbarer Kosten: Für institutionell gebundene Wissenschaftler*innen sind alle (lizensierten) e-Books und e-Journals (scheinbar) kostenlos, in ihrer Funktion als Autor*innen tauchen dann plötzlich Kosten für Open Access auf – hier sind Verlage, aber auch die Bibliotheken in weit stärkerem Maße als bislang gefragt, Möglichkeiten zu entwickeln, Aufklärung über Kosten zu betreiben, und überdies neue und alternative Finanzierungsmodelle zu entwickeln. Dies geschieht bereits mit hoher Kreativität in verschiedenen Modellprojekten und Ideen, diese reichen von der konsortialen Finanzierung im Projekt Open Library Politikwissenschaft und anderen Aktivitäten von Knowledge Unlatched über die Unterstützung des Umstiegs einzelner Zeitschriften auf Open Access im Rahmen der Open Library of Humanities und die Einrichtung von Publikationsfonds bis hin zur Umschichtung von Erwerbungs- zu Publikationsmitteln. Es tut sich also einiges im wissenschaftlichen Publikationssystem auch außerhalb der Verhandlungen mit einigen wenigen Verlagen.
    Die Welt der zahlreichen, vielfältigen, kleinen und mittleren Verlage, die gute Beziehungen zu ihren Autor*innen pflegen – das sind die Wissenschaftler*innen unserer Universitäten - will von keiner Bibliothek zerstört werden! Ich möchte sie im Gegenteil einladen, ihre Dienstleistungen nicht nur offen zu legen, sondern auch offensiv zu bewerben. Diese können – so die Leistung eines Dienstes das rechtfertigt – mit angemessenen Preisen belegt werden, nur so kann Kostentransparenz hergestellt werden. Und auf diesem Weg kann letztendlich Akzeptanz für Kosten entstehen, die sowohl die Wissenschaft wie die Bibliotheken gewillt sein werden zu bezahlen.

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