Martina Bergmann über sprachliche Feldforschung im Handyladen

Den andren die Tür öffnen

Martina Bergmann will in ihrem Laden auch weiter Kunden bedienen, die Gendersternchen doof finden. Die Borgholzhausener Buchhändlerin fürchtet Sprachlosigkeit weit mehr als vermeintlich ungerechte Sprache.

Martina Bergmann

Martina Bergmann © privat

In Buchhandlungen wurden gesellschaftliche Veränderungen immer schnell sichtbar; das bringt die Ware so mit sich. Skeptiker behaupten, es sei nicht mehr an dem. Man merke heute an der Technik, welche Richtung wir nähmen. Alle zusammen, die Gesamtheit der in Deutschland lebenden Männer, Frauen und anderen. Ob das stimmt, wollte ich gern überprüfen. Feldforschung im Handyladen nebenan. Ich habe dort jetzt zwei Wochen noch mehr Kaffee getrunken als sonst und kann berichten: nein, falsch.

In Handyläden sind mehr Menschen als in einer Buchhandlung, nämlich auch die, die sich für Bücher nicht interessieren und das auch kaum je tun werden, weder als Konsumenten noch als Zeitgenossen. Kürzer: Im Handyladen sind die Buchladenkunden plus alle anderen. Viel mehr Frequenz und also weniger Zeit, tiefere Themen zu bereden. Den Wandel der Sprache zum Beispiel. Sprache bewegt sich, benennt Neues, vergisst anderes. Sprache ist unheimlich flexibel. Ich hatte niemals Sorge, Sprache würde sich zu wenig verändern. Wenn überhaupt, denke ich manchmal, dass Sprachlosigkeit Gesellschaften gefährdet. Milieus, die bei sich bleiben, sich einhegen, die womöglich andere Gruppen nicht mehr verstehen.

Ich habe mir überlegt, ob das Gendersternchen, ob die geschlechtergerechte Sprache wohl in diesen Bereich fallen. Einige finden, die Veränderungen der Personenbezeichnungen müssten im technischen Gebrauch auch abgebildet werden. Also: Gendersternchen auf Sparkassendokumenten. Ich finde das auch. Das Thema hat für mich aber keine Priorität; ich verkaufe kein Buch mehr oder weniger, wenn nun das Gendersternchen verbindlich gilt. Dass dieser ganze Komplex, dass das Sternchen, die Geschlechter, emotionaler diskutiert werden können, ist mir aber einleuchtend.

Nur: Gehört das in die Buchhandlung? Ja und nein. Die Buchhandlung ist ein Ort des Austauschs, eine Öffentlichkeit für sich. Nicht, weil die Frequenz geringer ist als im Handyladen oder der Eisdiele. Es liegt auch an der Ware, an den Büchern und den Texten. An dem, wo die Sternchen optisch auftauchen, wo die Inhalte erzählen: Es gibt mehr als diese beiden eindeutigen Geschlechter, die sich aus den biologischen Gegebenheiten ableiten. Gut, dass das so ist. Aber ich kann als Buchhändlerin niemanden zwingen, meine Sicht zu teilen. Ich will es auch nicht, denn ich habe als Einzelhändlerin keine pädagogische Funktion. Die Öffentlichkeit der Buchhandlung ist etwas anderes als meine eigenen liberalen Ansichten. Letztere sind den Kunden bekannt, aber die erstere verlangt auch, dass ich den anderen weiter die Tür öffne. Die das Gendersternchen doof finden. Die keine Kinderbücher mit Regenbogeneltern wollen. Die rosa Glitzerfeen für Mädchen vorsehen. Keine Jugendromane mit Jungs, die sich küssen. Alle diese Leute sind auch Kunden meiner Buchhandlung. Das ist, so wenig es den emotional stärker betroffenen Milieus gefallen mag, auch eine Frage der Toleranz.

Ich meine aber, die Buchhandlung ist ein guter Ort, um sich zu begegnen. Und die Voraussetzung dafür ist immer ordentliche Sprache. Weder die oft sehr scharfe Argumentation der sprachverändernden Gruppen noch der geifernde Pseudohumor konventioneller Milieus sind dazu angetan, einen Austausch überhaupt nur anzufangen. Sprachlosigkeit, wie gesagt,  scheint mir gefährlicher als das ein oder andere Wortgefecht. Und die Sprache wandelt sich ohnehin – ob wir uns darüber zerstreiten oder nicht. Sie ist wie Wasser, das sich seinen Weg bahnt. Ich finde das sehr beruhigend.

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