Lieblingsbuchhandlung: John Wray über die Wagner’sche in Innsbruck

Das platonische Ideal

John Wray hätte sich in die Wagner’sche Buchhandlung in Innsbruck eigentlich sofort verlieben müssen, wäre er nicht auf Außergewöhnliches vorbereitet gewesen.

John Wray

John Wray © Ruth Pearce

Es ist ein großes Erlebnis, wenigs­tens für einen Amerikaner, sich in einem Buchladen zu befinden, der schon seit Anno Domini 1632 offen hat und sogar als Buchdrucker der Familie Medici diente. Ich befand mich vor drei Jahren in genau dieser Situation, als ich zum ersten Mal die Wagner’sche Buchhandlung in Inns­bruck betrat. Ich hätte mich an Ort und Stelle in den Laden verlieben müssen, schon wegen seines erstaunlichen Alters, wenn ich nicht schon von vornherein auf etwas Außergewöhnliches vorbereitet gewesen wäre.

Ich kannte nämlich bereits Robert Renk, dessen unnachahmliches Literaturfestival "Sprachsalz" mir als Höhepunkt meiner ers­ten deutschsprachigen Lesereise im Gedächtnis bleibt. Dass meine Lesung im (leeren) Becken eines Hallenbads stattfand und dass sie trotzdem, oder vielleicht genau deswegen, eine der besten Lesungen der ganzen Reise war, mag dem Leser eine ungefähre Vorstellung verschaffen, wie unkonventionell "Sprachsalz" seinerzeit war. (Die Akustik eines leeren Hallenbads sollte jeder Autor beziehungsweise jede Autorin mindestens einmal erleben. Jeder Satz wird zu einem gregorianischen Gesang.) Schlicht gesagt: Robert Renk ist ein geborener Impresario – keine schlechte Eigenschaft in der derzeit großteils faden, übervorsichtigen literarischen Landschaft.

Seit 1875 befindet sich die Wagner’sche in einem trügerisch biederen, cremefarbenen Gebäude in der Museumstraße; von außen merkt man wenig vom weiten, modernen Raum im Inneren des Ladens. Inns­bruck, wie jeder wahrscheinlich weiß, ist mit einer entzückenden Innenstadt gesegnet; diese Innenstadt kann aber manchmal den Eindruck eines unveränderlichen Freiluftmuseums vermitteln und dementsprechend klaustrophobisch wirken. Aber sobald man in die Wagner’sche hineinkommt, fällt die Stadt – mit allen ihren Assoziationen – weg. Der Innenraum ist kühl und neutral, um möglichst wenig von den Waren abzulenken: ein schlichter, blauer Teppich, einfache braune Regale, helle Holzböden und Auslagetische, die so minimalistisch sind, dass sie an das platonische Ideal eines Tisches grenzen. Man bekommt überhaupt den Eindruck, dass alles gezielt darauf hin eingerichtet ist, die effizienteste Übertragung eines Buchs vom Regal zum Nachttisch des Kunden zu ermöglichen. Heutzutage, wo viele Buchläden sich im Geheimen in Cafés umgestalten zu wollen scheinen, ist es eine Erleichterung, dass die Wagner’sche mit ihrer aktuellen Funktion vollkommen zufrieden zu sein scheint.

Ich wusste sofort, dass ich den Laden mit einem Rucksack voller Bücher verlassen würde. Und darin hatte ich mich keineswegs geirrt. Und es besteht ein weiterer Grund, warum die Wagner’sche locker auf Kaffee und Pseudogemütlichkeit verzichten kann: die Angestellten selbst, deren Literaturkenntnisse und Enthusiasmus – angesichts der enormen und ständig wachsenden Auswahl an Klassikern und Neuerscheinungen – das Unendliche zugänglich machen. Mit anderen Worten: Sie sind nett. Nette Leute, die leidenschaftlich gern Bücher lesen. Und die sich möglichst zurückhalten, die Entscheidungen ihrer Kunden offen zu beurteilen, so fragwürdig sie ab und zu auch sind. Dafür kann ich höchstpersönlich als Augenzeuge dienen. Ich habe nämlich dort Knausgaards "Sterben" gekauft – und keiner von ihnen hat auch nur mit der Wimper gezuckt.

John Wray wurde 1971 in Washington D. C. als Sohn eines US-Amerikaners und einer Österreicherin geboren. Er lebt in Brooklyn und Friesach (Kärnten). 2017 wurde er beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt mit dem Preis des Deutschlandfunks ausgezeichnet. Sein neuer Roman "Gotteskind" ist Ende Januar bei Rowohlt erschienen.

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