29. Hauptversammlung des Landesverbands SaSaThü im Börsenverein

"Wir haben die Zeichen an der Wand gesehen"

Die Schockwellen nach der KNV-Pleite, Buchhandel 4.0, Sinn und Unsinn von Buchmessen und die Roadshow der beiden Kandidaten für das Vorsteheramt – das alles stand auf der Tagesordnung im Haus des Buches. Turnusmäßig gewählt wurde natürlich auch. VON NILS KAHLEFENDT

© Gaby Waldek

Die Beben, die die Branche in den letzten Monaten erschütterten, waren auch im Leipziger Haus des Buches zu spüren, wo der Landesverband Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zu seiner 29. Hauptversammlung zusammenkam. Während der mitteldeutsche Buchhandel die KNV-Pleite weitgehend glimpflich überstanden hat und auch viele Verlage mit einem blauen Auge davonkamen, hat es andere gegeben, denen das komplette Weihnachtsgeschäft mit mehreren zehntausend Euro verlustig ging.

Mark Lehmstedt (links)

Mark Lehmstedt (links) © Gaby Waldek

Für Verleger Mark Lehmstedt, den alten und wiedergewählten neuen Leiter der Fachgruppe Herstellender Buchhandel, zeigt die KNV-Insolvenz zweierlei: Das perfekt austarierte System des deutschen Buchhandels ist, erstens, die großartigste Leistung für das kulturelle Leben der Republik; es lohnt sich, für seinen Erhalt zu kämpfen. Der Super-GAU vom 14. Februar zeigt aber auch die Verletzlichkeit dieses Systems. "Wir müssen sagen", so Lehmstedt, „wir haben die Zeichen an der Wand gesehen."

Peter Peterknecht, Nora Milenkovic-Göhring, Helmut Stadeler, Peter Gerlach (von links, bisheriger Vorstand)

Peter Peterknecht, Nora Milenkovic-Göhring, Helmut Stadeler, Peter Gerlach (von links, bisheriger Vorstand) © Gaby Waldek

Neue Ideen und Kooperationen

Obwohl sich auch für die nicht eben auf Rosen gebetteten Verbandsmitglieder in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen (wo allein die Hälfte der 106 Verlage mit Umsätzen unter 100.000 Euro auskommen muss) die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen in den letzten fünf Jahren erheblich verschlechtert haben, gibt es zahlreiche neue Impulse, Ideen und Kooperations-Vorhaben:


  • Das seit 2006 zur festen Institution gewordene Format des Pressegesprächs des Landesverbands vor der Leipziger Buchmesse etwa soll künftig in ausgewählten Regionen auch für Buchhändler und Bibliothekare angeboten werden.

  • Die seit 2009 separat angebotenen Wochenenden für Verleger und Buchhändler möchte man künftig zu gemeinsamen Veranstaltungen qualifizieren, auf dass sich die Sparten besser kennenlernen.

  • Zur kommenden Frankfurter Buchmesse wird, nach Thüringen und Sachsen, nun wohl auch Sachsen-Anhalt mit einem Gemeinschaftsstand vertreten sein; die Gespräche mit dem Wirtschaftsministerium in Magdeburg laufen.

Von Sinn und Unsinn der Buchmessen

Während sich Sortimenterinnen und Sortimenter am Vormittag in ihrer Fachgruppe von Ellen Braun (Braun Consulting, Würzburg) für den Buchhandel 4.0 fit machen ließen ("Wie digitalisierungsfähig ist die Beratungskompetenz des Buchhandels?"), debattierten die Kolleginnen und Kollegen vom Herstellenden Buchhandel über "Sinn und Unsinn von Buchmessen".

Das war, zugegeben, etwas steil formuliert, es machte aber durchaus Sinn, einmal kritisch nachzufragen, was Messen heute für Verleger leisten, die dort längst keine Lizenzgeschäfte mehr machen und auch nicht von Rabatt heischenden Buchhändlern überrannt werden.

Sind Messen, vom Aufgalopp in Leipzig und Frankfurt über regionale Veranstaltungen wie die Dresdner Schriftgut (bis 2016), die Thüringer Buchtage oder Buchausstellungen bei Fachkongressen überhaupt noch zeitgemäß? Und: Rechnen sie sich für die SaSaThü-Aussteller?

Oliver Zille

Oliver Zille © Gaby Waldek

Leipzigs Buchmesse-Direktor Oliver Zille saß mit gespitzten Ohren im Publikum – und hatte natürlich eine dezidierte Meinung zum Thema: "Aus unseren Besucher-Analysen wissen wir, dass viele Messe-Besucher nicht unbedingt Buchhandels-Stammkunden sind. Diese Leute sind auf der Suche nach tollen Events, nach Erlebnissen. Die Messe bietet sich da als Inspirationsquelle, als Werbung fürs Lesen und Bücherkaufen an."

Michael Wolf

Michael Wolf © Gaby Waldek

Wenn Verlage den Kaufimpuls der Messebesucher künftig in Eigenregie befriedigen können (mehr dazu hier), hoffen viele, dass sie neben den (letztlich schwer messbaren) Marketingeffekten ihre Einnahme-Situation verbessern können. Oliver Zille warnt vor überzogenen Hoffnungen: "Im letzten März hat die Messebuchhandlung 1,2 Millionen Euro umgesetzt. Nach der Freigabe des Verkaufs werden wir diese Zahlen nicht mehr kennen – obwohl ich sie Ihnen wünsche, glaube ich nicht recht an eine dramatische Umsatzsteigerung."

Fazit der anregenden Diskussion: Die Messe ist eine Plattform, die von Verlegerinnen und Verlegern aktiv bespielt werden muss. Ach ja: Ab und an eine Kosten-Nutzen-Rechnung schadet auch nichts. In den Worten von Mark Lehmstedt: "Ich muss wenigstens den Eindruck haben, dass hinterher ein paar Cent in der Tasche sind."

Kandidaten Karin Schmidt-Friderichs, Stephan Könemann und Helmut Stadeler

Kandidaten Karin Schmidt-Friderichs, Stephan Könemann und Helmut Stadeler © Gaby Waldek

Die Roadshow der Vorsteher-Kandidaten

Auch in Leipzig stellten sich die beiden Kandidaten für die anstehende Wahl des Vorstehers beziehungsweise der Vorsteherin des Börsenvereins vor: Karin Schmidt-Friderichs vom Verlag Hermann Schmidt in Mainz und Stefan Könemann vom Barsortiment Könemann.

Beide touren derzeit durch die Landesverbände und stellen sich den Fragen der Verleger und Buchhändler. Während Könemann auf die "schweigende Mehrheit" enttäuschter Mitglieder zugehen und die Aufgaben des Verbands angesichts schwindender Mitglieder "neu justieren" will (allerdings ohne verzichtbare Aufgaben zu benennen), wünscht sich Schmidt-Friderichs eher ein neues Selbstbewusstsein für die Branche: "Wir können viel mehr, als uns bewusst ist. Und wir reden uns - siehe Leserschwundstudie - zu oft klein."

Dass Könemann einst die 2012 erfolgte Fusion von Landesverband NRW und Bundesverband vorangetrieben hat, ist den sensiblen Ossis nicht entgangen; sie wollten wissen, wie er es heute mit den allseits beschworenen "schlanken Strukturen" hält? Antwort: "Das muss jeder Landesverband selber entscheiden. Auf keinen Fall darf so ein sensibles Thema vom Bundesverband präjudiziert werden." Ein Dossier zur Vorstandswahl des Börsenvereins (mit Video-Interviews und einer Podiumsrunde der beiden Vorsteher-Kandidaten zum Nachlesen finden Sie hier).

Vorstandswahlen im Landesverband

Gewählt wurde in Leipzig auch: Der bisherige LV-Vorsitzende Helmut Stadeler wurde, als einziger Kandidat, mit großer Mehrheit bestätigt; der Vorstand aus zwei Verlegern und fünf Buchhändlerinnen setzt sich wie folgt zusammen:

  • Peter Gerlach (Hasenverlag, Halle/Saale; Schatzmeister)
  • Katharina Salomo (Salomo Publishing, Dresden; Schriftführerin)
  • Daniela Berthelmann (Linden Buchhandlung, Leipzig)
  • Juliane Bleis (Die Eule, Weimar)
  • Marlies Uhde (Bücherwurm, Grimma)
  • Klaus Kowalke (Lessing & Kompanie, Chemnitz; Stellvertreter)
  • Peter Peterknecht (Peterknecht, Erfurt)

Ebenso wurden die Leitungen der Fachgruppen neu gewählt:

Herstellender Buchhandel: 

• Mark Lehmstedt (Lehmstedt Verlag, Leipzig, Vorsitzender) 

• Gerald Diesener (Leipziger Universitätsverlag, Stellvertreter) 

Verbreitender Buchhandel:

• Alexandra Messerschmidt (Buchhandlung am Markt, Hildburghausen, Vorsitzende)

• Susann Krahl (Buchhandlung Molsberger, Halle/Saale, Stellvertreterin) 

Der neue Vorstand

Der neue Vorstand © Gaby Waldek

Gewählter Vorstand d. Landesverbandes u. der Fachgruppen Herstellender und Verbreitender Buchhandel: v.o.l.: Marlies Uhde, Katharina Salomo, Klaus Kowalke, Alexandra Messerschmidt, Juliane Bleis, Daniela Berthelmann, Helmut Stadeler, Peter Peterknecht, Peter Gerlach, Dr. Mark Lehmstedt, Dr. Gerald Diesener, Susanne Krahl (nicht im Bild)
Guntram Vesper

Guntram Vesper © Gaby Waldek

Literarisches Finale mit "Frohburg"

In guter Tradition schloss die Hauptversammlung literarisch. Den Gast, Guntram Vesper, muss man seit dem sensationellen Erfolg seines Romans "Frohburg" (Schöffling, 2016) nicht mehr vorstellen. Ein Erfolg, der beispielhaft zeigt, was der Wagemut eines Verlegers und ein leidenschaftlich mitziehender Buchhandel erreichen können.

Vesper erzählte schnurrige Details aus der Werkstatt: Von der ersten Postkarte, mit der er Klaus Schöfflings Neugier weckte, geschrieben in der Sachsenbaude in Oberwiesenthal, bis zum letzten Lektorat in Rekordzeit. Vespers Exemplar von "Frohburg" – Leinen, extradicker Schutzumschlag, farbiges Vorsatzpapier, Lesebändchen - hat die mehr als 150 Lesungen der letzten Jahre übrigens tadellos überstanden: "Mehr kann sich ein Autor nicht wünschen."

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