Holtzbrinck und Macmillan produzieren seit 2014 klimaneutral

"Wir müssen eine Vorreiterrolle spielen"

Dass Papier der größte CO2-Faktor in der Buchproduktion ist, haben Macmillan und die Holtzbrinck Buchverlage in einer Klimabilanz dokumentiert. Mit einem ehrgeizigen Kohlendioxid-Reduktionsprogramm und dem Kauf von Klimazertifikaten haben sie einen Meilenstein gesetzt: "Seit 2014 produzieren wir klimaneutral", sagt Joerg Pfuhl, CEO der Holtzbrinck Buchverlage.       MICHAEL ROESLER-GRAICHEN

Joerg Pfuhl, CEO der Holtzbrinck Buchverlage Deutschland

Joerg Pfuhl, CEO der Holtzbrinck Buchverlage Deutschland © Claus Setzer

Gehören Verlage zu den großen Klima­killern? Und können sie beim Thema Klimaschutz vielleicht eine Vorreiterrolle einnehmen? "Ich glaube nicht nur, dass wir das können, sondern dass wir das auch müssen", sagt Joerg Pfuhl, CEO der Holtzbrinck Buchverlage Deutschland. "Aus zwei Gründen: Wir versammeln in der Branche sehr viele kritische und verantwortungsvolle Menschen – Verlagsmitarbeiter, Autoren, Buchhändler und Journalisten, die bei gesellschaftlich relevanten Themen ihre Stimme erheben." Das gelte eben nicht nur für Themen wie Meinungsfreiheit, Urheberrecht und Leseförderung, sondern auch für den Klimawandel. Und zweitens: "Wir sind eine Branche mit einem hohen Energiebedarf, weil Bücher und vor allem die Papierproduktion enorm viel Energie verbrauchen", so Pfuhl.

Wenn man eine Klimabilanz aufstelle, sei die Papierproduktion der größte Treiber, erläutert Pfuhl. "Das rührt an den Kern unserer Arbeit, und deshalb ist es auch so wichtig, sich damit auseinanderzusetzen." Die Diskussion um die Folie habe gezeigt, wie groß das Engagement in der Branche sei. Nur wenn möglichst viele mitmachten, könne man etwas bewegen.

Wie hoch der Energieverbrauch bei der Papierproduktion ist, zeigt die Klimabilanz, die Macmillan-CEO John Sargent von einem Team erstellen lässt: 72 Prozent der CO2-Freisetzung gehen auf das Papier zurück, das für die Buchherstellung produziert wird. Transport (15 Prozent), Energieverbrauch (6 Prozent), Dienstreisen (4 Prozent) oder das Pendeln der Mitarbeiter zum Arbeitsplatz (3 Prozent) fallen da weit weniger ins Gewicht.

167 000 Tonnen CO2

Man muss wissen, dass mit einem einzigen gedruckten Buchexemplar eine Emission von rund 400 Gramm CO2 verbunden ist. Wenn allein in Deutschland pro Jahr rund 420 Millionen Bücher gedruckt werden, dann entspricht dies einem jährlichen Kohlendioxid-Ausstoß von etwa 167 000 Tonnen.

Der größte Hebel, der bewegt werden kann, ist also das Papier. Hier stellt sich die Frage, wie der Verbrauch fossiler Ener­gien bei der Produktion reduziert werden kann, und wie man durch den Ankauf von Klimazertifikaten den CO2-Ausstoß verringern oder im besten Falle neutralisieren kann.

Der erste Schritt, die Aufstellung der Klimabilanz, ist ein aufwendiges Verfahren, für das nicht jeder Verlag einen eigenen Stab bilden kann. Im Rahmen des Nachhaltigkeitsprogramms ("Sustainability Program") von Macmillan werden weltweit seit 2010 klimarelevante Daten erhoben, auch bei den Holtzbrinck Buchverlagen in Deutschland. Das New Yorker Team von Macmillan arbeitet dafür mit einem Beratungsunternehmen zusammen – "allein wären wir überfordert", räumt Pfuhl ein. Für die Erfassung gibt es internationale Vorgaben, die von unternehmerischen Initiativen wie dem Carbon Disclosure Project (CDP) oder der Standardisierungsplattform Greenhouse Gas Protocol (GGP) entwickelt wurden.

Stefaniie Langner, Herstellungsleiterin der S. Fischer Verlage

Stefaniie Langner, Herstellungsleiterin der S. Fischer Verlage © Claus Setzer

Bei der Datenerfassung nach GGP wird der CO2-Fußabdruck "bis in die Unternehmen und das Arbeitsumfeld jedes Mitarbeiters heruntergebrochen", so Stefanie Langner, Herstellungsleiterin der S. Fischer Verlage in Frankfurt. So werden die Mitarbeiter etwa zu den Verkehrsmitteln befragt, die sie für den Weg zur Arbeit nutzen. Im Verlag gab es zudem die Klimagruppe "Grüne Fische", die von Mülltrennung bis Ökostrom viele Aspekte der Nachhaltigkeit und des Klimaschutzes durchgespielt hat. Ein weiteres aktuelles Beispiel für CO2-Vermeidung und Nachhaltigkeit ist der Umzug des Rowohlt Verlags von Reinbek nach Hamburg.

Die Macmillan-Kollegen in den USA haben sich für die gesamte Gruppe ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Bis 2020 soll der CO2-Fußabdruck gegenüber dem Vergleichsjahr 2010 um 65 Prozent gesenkt werden. Der Fortschritt wird jährlich gemessen.

Klimazertifikate

Eine Neutralisierung des Klimagases wird jedoch durch Reduktion allein – etwa durch den Umstieg auf erneuerbare Energien – auf absehbare Zeit nicht zu erreichen sein. Deshalb kaufen die Macmillan Publikumsverlage seit 2010 auch Zertifikate, um den CO2-Ausstoß zu reduzieren.

"Wir nutzen dieses Instrument in vollem Umfang seit 2014. Seitdem produzieren die Macmillan Publikumsverlage – also auch die Holtzbrinck Buchverlage in Deutschland – komplett klimaneutral", sagt Pfuhl. Das New Yorker Team steuert neben der Klimabilanz auch die Auswahl und den Ankauf der Zertifikate. Im vergangenen Jahr wurden so 15 Projekte mit zertifizierten Partnern unterstützt, darunter auch ein Regenwaldprojekt in Peru.

Dass die Themen Nachhaltigkeit und Klimaschutz in der Branche an Boden gewinnen, hat auch mit der Diskussion um die Folie zu tun. Sie habe ein Umweltbewusstsein geschaffen, das bei Unternehmensführung und Produktionsmanagement neue Entscheidungskriterien ins Spiel bringe, so Pfuhl. Von der Umweltentlastung einmal abgesehen, sorgt der Folienverzicht in der Klima­bilanz nur für einen kleinen Ausschlag nach unten: "Wir würden dadurch pro Jahr 40 Tonnen CO2 einsparen. Zum Vergleich: Allein durch die Buchproduktion setzen wir in Deutschland über 10 000 Tonnen frei", sagt Pfuhl.

Dieser Beitrag ist ein längerer Auszug aus einem Artikel, der in Börsenblatt 21 / 2019 (Printausgabe) erschienen ist.

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