Gerhard Steidl im Interview

"Es gibt eine Renaissance luxuriöser Papiere"

Gerhard Steidl ist für all die schönen Bücher bekannt, die sein Verlagshaus in der Düsteren Straße in Göttingen verlassen – aber auch für seine Papierleidenschaft. Fragen an eine Koryphäe in Weiß. INTERVIEW: PETRA GASS

Steidl in der Druckerei

Steidl in der Druckerei © Michael Loewa/laif

Für alle Bücher, die in seinem Verlag erscheinen, wählt Gerhard Steidl das Papier persönlich aus. Als Drucker steuert und prüft er jeden Produktionsschritt, bis das Ergebnis perfekt ist. Mit am Werk sind Künstler, Fotografen und Autoren aus aller Welt, die seiner kompromisslosen Entscheidungsfreude vertrauen und nicht davor zurückschrecken, sich in den disziplinierten Arbeitsalltag im Göttinger Verlagshaus einzugliedern. 

Gerhard Steidl

Gerhard Steidl © Peter Steffen/dpa

Was schätzen Sie: Wie viele Wörter für »Weiß« lernen neue Mitarbeiter in Ihrem Verlag kennen? 

Bei den Farbbezeichnungen für Lacke in der Auto- und für Stoffe in der Modeindustrie kann man am besten lernen, wie man ein Weiß beschreibt. Diese Branchen sind viel kreativer als die Papierindustrie, die auf diesem Gebiet wirklich Nachholbedarf hat. Wenn Auszubildende und Praktikanten in meinem Verlag lernen, was für ein wunderbares Medium Papier ist, dann geht das in der Regel über Papiermusterbücher, die auf dem Tisch liegen, um die Anmutung und die Atmosphäre des Werkstoffs spüren zu können. Dann sind für die Bezeichnung der Färbung der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Denn in den seltensten Fällen beschreibt der Papiername die tatsächliche Farbe. 

Haben Sie eigentlich ein Lieblingsweiß?  

Wenn Sie so direkt nach meinem Lieblingsweiß fragen: es heißt Ecru. Eine Papierfarbe, über die zuerst Karl Lagerfeld mit mir gesprochen hat. Mein Lieblingspapiername ist zurzeit: »Kamiko Shira« – ein wunderbares Bild- und Werkdruck­papier, das ich im letzten Jahr mit Cordier entwickelt habe.  

Das Papier-Parfum, vergriffen

Das Papier-Parfum, vergriffen

Selbst E-Books können inzwischen beim Umblättern rascheln. Und Ihr Papierparfüm wird mittlerweile unter Sammlern zu Preisen zwischen 350 und 1 900 Euro gehandelt. Ist das nur nostalgische Spielerei? Oder ist Papier unersetzbar?  

Papier ist unersetzbar. Als Speicher­medium für Informationen überdauert es Jahrhunderte, und die Haptik, der Geruch und die Optik sind im Vergleich zur Oberfläche von Smartphones oder Tablets unschlagbar. Ich spüre geradezu, dass es aktuell eine Renaissance luxuriöser Papiere gibt, die die Buchbranche beflügeln wird. Leider sind diese Papiere aber auch sehr teuer.  

Was ist Ihr Traumpapier? 

Mein Traumpapier ist seit 50 Jahren »Somerset Book White« der englischen Papierfabrik St Cuthberts Mill. Das aus 100 Prozent Baumwollfasern bestehende Papier wird seit 1700 nach dem gleichen Prinzip gefertigt. 

Sie haben die Zusammenarbeit mit dem Papierhersteller Cordier angesprochen. Welches Papier muss denn erst noch entwickelt werden?  

Ich träume davon, dass es irgendwann eine kleine Papiermaschine gibt, mit der man wie mit einem 3-D-Drucker sein eigenes Papier für die schönsten Bücher individuell im Homeoffice produzieren kann. Dann sind der Kreativität und Vielfalt keine Grenzen mehr gesetzt. 

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Dieser Film zeigt die Papierherstellung in der englischen St Cuthberts Mill:

Mehr über Papier im "Börsenblatt Plus Dienstleister"

Papier, das Grundmaterial der Bücher, gibt es in tausend Variationen, doch die Produktionsmenge für grafische Papiere geht zurück. Konzentrationstendenzen und steigende Rohstoffpreise verschärfen die Marktsituation. Den Bericht zu einem Markt im Umbruch finden Sie in der Sonderausgabe Börsenblatt Plus Dienstleister, das dem Börsenblatt (Heft 24/2019, 13. Juni) beiliegt. 

Weitere Themen der Sonderausgabe:

  • Marketing: So werden Bestseller gemacht. Beispiele für erfolgreiche Kampagnen
  • Customer Analytics: Was die Haufe-Gruppe aus Kundendaten lernt.
  • Metadaten und KI: Welche Prozesse Verlage automatisieren können.
  • Das Geschäft mit Zusatzartikeln im Buchhandel: Wie sich Non-Books sich gewinnbringend in Szene setzen lassen 
  • Verkaufsdisplays: Was die Blickfänger am Point of Sale erfolgreich macht.

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