China-Fachreise des BIZ Peking

Kontaktpflege beim Lizenznehmer Nummer eins

Kein Buchmarkt kauft mehr deutsche Lizenzen als die Volksrepublik China. Um neue Kontakte zu knüpfen und alte aufzufrischen, fuhr eine achtköpfige Gruppe aus Lektoren und Lizenzleuten auf Einladung des BIZ Peking in die chinesische Hauptstadt. Katharina Borchardt hat die Gruppe auf ihrer Reise begleitet.       KATHARINA BORCHARDT

Die Lektorengruppe beim traditionellen Abendessen

Die Lektorengruppe beim traditionellen Abendessen © privat

"Bis vor einem Jahr haben wir Lizenzen nach China noch exklusiv über eine taiwanische Agentur verkauft", sagt Myriam Alfano vom S. Fischer-Verlag. "Jetzt aber haben wir begonnen, direkt mit chinesischen Verlagen in Kontakt zu treten." Jahrzehntelang war das chinesischsprachige Taiwan der Volksrepublik in dieser Hinsicht weit voraus. "Bis heute pflege ich meine Verbindungen nach Taiwan", bekräftigt die Literaturagentin Anja Mundt, "aber inzwischen kommen chinesische Agenturen hinzu, und auch der direkte Kontakt zu den Verlagen nimmt zu". Immerhin werden in kein anderes Land so viele deutsche Buchlizenzen verkauft wie nach China. Im Jahr 2018 waren es 1.678 Stück. Ganz reibungslos verläuft der Kontakt jedoch noch nicht, findet Alfano: "Ich habe die Erfahrung gemacht, dass chinesische Verlagsmitarbeiter häufig den Job wechseln. Deshalb ist es schwierig, langfristige und stabile Kontakte aufzubauen."

Um neue Kontakte zu knüpfen und schon bestehende zu pflegen, sind im Mai acht deutsche Verleger, Lektoren, Mitarbeiterinnen aus Lizenzabteilungen und Literaturagenten mit Unterstützung der Frankfurter Buchmesse und des Auswärtigen Amtes nach China gereist. Organisiert wurde die Reise vom Buchinformationszentrum (BIZ), dem Pekinger Büro der Frankfurter Buchmesse. Eine Woche lang nahmen die Deutschen an einer straffen Visite teil. Staatliche und private Verlage wurden ebenso besucht wie der E-Book-Anbieter iReader, die Audio-Plattform Himalaya FM und zwei Buchhandlungen – allesamt erfolgreiche Häuser, wenngleich der E-Book-Markt (E-Books sind in China in der Regel 38 Prozent billiger als das entsprechende Printbuch) und der Hörbuch-Markt (wozu Interviews, Lesungen und Hörspiele aller Art gehören) auf ganz besondere Weise boomen.

Außerdem stand ein Termin beim Goethe-Institut auf dem Programm, das Übersetzungen ins Chinesische fördert, und die Teilnahme an der jährlich vom BIZ organisierten Konferenz "StoryDrive". Auf dieser Konferenz stellten Nora Mercurio (Suhrkamp) und Andreas Rötzer (Matthes & Seitz) ihre Verlagsprogramme einem größeren chinesischen Fachpublikum vor.

Die einwöchige Reise konzentrierte sich auf Peking, da hier rund 70 Prozent aller Verlage angesiedelt sind. Die restlichen 30 Prozent haben ihren Sitz in Shanghai, von einzelnen Verlagshäusern in den Provinzhauptstädten einmal abgesehen. Mit knapp 11.000 Verlagen – davon 578 staatliche und gut 10.000 private – ist der chinesische Buchmarkt außerordentlich vielfältig und beweglich.

Und auch die Gespräche mit den Pekinger Gastgebern verliefen durchweg lebendig. Die deutsche Gruppe wurde überall mit Tee, Obst und Gebäck erwartet, und man nahm sich viel Zeit, auch wenn nicht für jeden Gastgeber ein neuer Geschäftskontakt unmittelbar in Aussicht stand. Es wurde viel und direkt gefragt, und fast ebenso direkt fielen die Antworten aus.

Zensur durch Staatsverlage

So stellte sich heraus, dass in China nur die staatlichen Verlage ISBN-Nummern zugeteilt bekommen und dass sie einen Teil davon dann an private Verlage weiterverkaufen. Daran verdienen die staatlichen Verlage nicht nur, sondern es obliegt ihnen auch, die Publikationen der freien Häuser zu kontrollieren. Zensur wird in China überraschend dezentral ausgeübt, zumal ein deutliches Gespür für politische Grenzen und das entsprechende Maß an Selbstzensur alle chinesischen Publizisten eint. Aktuell sind vor allem die Themen Republik China (vor Mao), DDR und Religionen tabu, was sogar offiziell durchgegeben wurde. Denn 2019 ist mit dem 30. Jahrestag des Tiananmen-Massakers und dem 70. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik ein heikles Jahr für China.

Mit kleinen Veränderungen in den chinesischen Übertragungen ihrer Bücher hatten einige der deutschen Verlagsmitarbeiter bereits zu tun gehabt – und auch mit rätselhaft spät erscheinenden, also offenbar genau geprüften oder schwer mit einer ISBN-Nummer auszustattenden Übersetzungen. Meist sind kleine inhaltliche Kürzungen oder sprachliche Glättungen für deutsche Lektoren und Autoren aber überhaupt nicht zu identifizieren.

Fundamentale Kritik am Zensursystem erlebte die deutsche Gruppe nicht. "Wir haben in Peking vor allem Etablierte getroffen", resümiert Philipp Kaufmann, Lektor beim Christoph-Links-Verlag, "aber keine Systemkritiker". Eine chinesische Kollegin vertraute ihm an, dass der Kreis des Publizierbaren aktuell immer kleiner werde, doch dass man sich stets bemühe, auch innerhalb dieses Kreises noch zu tanzen. Und wen Kürzungen im Text störten, meinte sie pragmatisch, der könne sich die Originalausgabe oder die ungekürzte englische Übersetzung eines Buches meist leicht beschaffen.

Dass unter Präsident Xi Jinping die Zensur stark zugenommen hat, bestätigten alle Gastgeber auf dieser Reise mehr oder weniger offen. Zugleich besitzt der chinesische Buchmarkt mit rund 200.000 Neuerscheinungen pro Jahr aber auch ein hohes Maß an quicklebendiger Unübersichtlichkeit. Zumal haben viele Verlage ein überraschend unklares Publikationsprofil: Sie verlegen, was gefällt und was sich gut verkauft.

Thriller und Science Fiction dominieren den Verkauf

In die chinesischen Bestsellerlisten schaffen es deutsche Titel allerdings kaum einmal. Diese werden seit Jahren dominiert von Thriller- und SciFi-Autoren wie Keigo Higashino und Cixin Liu. Bestens verkaufen sich auch einzelne Titel von Khaled Hosseini, Gabriel García Márquez und Jostein Gaarder. Trotzdem liegt eine große Bandbreite an deutschen Titeln auf Chinesisch vor: von den Klassikern bis hin zu aktuelleren Titeln. Backlist-Titel und preisgekrönte Bücher haben dabei aber größere Chancen eingekauft zu werden als ganz neue Bücher, deren Erfolg noch nicht absehbar ist.

Große Geschäfte haben die deutschen Besucher in Peking nicht gemacht, aber einzelne Lizenzgeschäfte haben sie doch eingefädelt: Sebastian Pirling, Lektor bei Heyne, bekam eine Zusage für den Folgeband zur beliebten "Trisolaris"-Trilogie von Cixin Liu, der erstaunlicherweise von einem Liu-Fan geschrieben wurde: dem Autor Baoshu. Verleger Andreas Rötzer teilte mit, er plane nun, zwei Bücher nach China zu verkaufen und auch zwei Bücher einzukaufen. In seinem Verlag Matthes & Seitz baut er gerade einen anspruchsvollen China-Schwerpunkt aus.

Über die Autorin
Katharina Borchardt ist freie Literaturkritikerin und Literaturredakteurin bei SWR2. Außerdem ist sie Jurymitglied der Litprom-Bestenliste "Weltempfänger". Sie hat die Reise der deutschen Gruppe nach Peking begleitet.

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