Lieblingsbuchhandlung: Anke Stelling über die Buchhandlung Montag in Berlin

Ein kleines Rätsel

Anke Stelling fühlt sich in der Berliner Buchhandlung Montag wie zu Hause.

Autorin Anke Stelling mit den Buchhändlerinnen Daniela Weiß und Annekatrin Grimm (von links)

Autorin Anke Stelling mit den Buchhändlerinnen Daniela Weiß und Annekatrin Grimm (von links) © Tobias Bohm

Zu Buchhandlungen hab ich keine Distanz, ich bin in einer aufgewachsen. Also sehne ich mich nach ihnen und grusele mich zugleich, und wenn ich sagen soll, welche mir die liebste ist, denke ich: "Alles Schlampen außer Mutti" und sage: "Na, hören Sie, als ob ich mich da festlegen wollte?!" Doch so ist nun mal das Format. Eine soll es sein, der meine ganze Liebe gilt, also übe ich mich in Monogamie und wähle: die Buchhandlung Montag.

Klein ist sie, wirklich klein. 35 Quadratmeter in einem Neubau gleich bei uns in der Pappelallee. Vom Büro und von zu Hause sind es für mich jeweils drei Minuten, genau wie damals, als ich Kind war. Das fühlt sich selbstverständlich an. Jeder Mensch sollte eine Buchhandlung so nah bei sich haben!

Auf dem Gehweg vor dem Laden steht ein Schild: "Bücher: heute bestellt, morgen da" und "Kaffee" und "Hilfe sofort". Das mit der Hilfe richtet sich an Schlüsselkinder wie mich und an eine Handvoll Herren um die 50, die, so scheint es, keiner geregelten Arbeit nach­gehen, dafür täglich ein bis zwei Mal einen Cappuccino brauchen und den Anblick oder die Ansprache der Buchhändlerinnen. Die sind wunderschön. Ja. Klug, zugewandt, belesen. In Kombination mit ihrem Laden bieten sie alles, was man braucht, wenn man alleine durch den Kiez irrt.

Zu zweit sind sie. Wie das winzige Geschäft diese beiden, die auch noch jeweils Familien haben, ernährt, ist ein Rätsel. Dennoch kommt keine Sekunde das Gefühl auf, sie betrieben ein kostspieliges Erbinnen- oder Managergattinnenhobby, dazu sind sie zu professionell. Arbeiten, verkaufen Bücher, verpacken Remittenden, veranstalten Buchpremieren, betreuen Büchertische, empfangen Verlagsvertreterinnen und klopfen den Siebträger der Kaffeemaschine aus. Nebenbei hören sie sich die Sorgen ihrer Kundschaft an, verbreiten gute Laune, beziehen Stellung in politischen Fragen, posten ihr Buch der Woche und teilen einen Beitrag zur Förderung von Übersetzungen aus dem Udmurtischen. Drehen die Musik auf, wenn der Abend lang wird und die Diskussion aufgelockert gehört von ein paar Tanzschritten. Was ebenfalls zum Geschäft gehört, also dazu, eine Buchhandlung als kulturellen Ort der Nachbarschaft zu betreiben. Und darin erinnern sie mich dann doch stark an meine Mutter (gelernte Buchhändlerin) und ihre Freundin (gelernte Germanistin), die Anfang der 80er des vergangenen Jahrhunderts in Stuttgart-Vaihingen eine ehemalige Schusterei anmieteten und beschlossen: "Wir machen das. Weil wir einen solchen Ort wollen."

Doch die Mühen der Ebene. Der magere Umsatz. Etwas anbieten zu müssen, das andere erwerben mögen, und auf dem sitzenbleiben, was man doch so wichtig findet, hochinteressant. Zum Glück gibt's das Weihnachts­geschäft. Am Heiligabendvormittag stehe ich mit meinen Taschen voller Lebensmittel übelst im Weg, will aber nicht los, sondern noch ein halbes Stündchen diese Stimmung aufsaugen: Jetzt oder nie!, das, was am Lager ist, oder gar nichts. Wachsende Panik, unstete Blicke, ein Buch für den Schwiegervater, der nicht liest – egal. Ich genieße den Konsumterror, anstatt ihn wohlfeil zu verteufeln, endlich, endlich wird gekauft!

Und im Hochsommer? Anneka zuckt die Achseln. Sitzt draußen in der Sonne, vergleicht die Übersetzung von Deborah Levy mit dem englischen Original. Macht Anmerkungen in ihr Lese­exemplar. Um halb drei kommt Daniela zur Ablösung. Der Kiez ist leer gefegt, die Nachbarn sind im Urlaub, Touristen fragen nach Souvenirs. Schneidebretter mit Fernsehturmmotiv? "Leider nein", sagt Daniela, das Non-Book-Sortiment bleibt standhaft begrenzt auf zwei Postkarten- und einen Notizbuchständer. "Vielleicht ein Buch einer Berliner Autorin?" Die praktischerweise gleich hier sitzt, zum Signieren. Und derweil die Dose mit den Danish Cookies leer macht, genauso wie damals, als Kind.

Anke Stelling, 1971 in Ulm geboren, ist in Stuttgart aufgewachsen. Sie hat am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert und lebt mit ihrer Familie in Berlin. Für ihren Roman "Schäfchen im Trockenen" (Verbrecher Verlag) erhielt sie den Preis der Leipziger Buchmesse.

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