Interview mit dem Sieger des ersten Vorlesewettbewerbs

"Ich bin schon mit zehn Jahren alleine geflogen"

Heute treffen sich die Landessieger des Vorlesewettbewerbs des Börsenvereins zum Bundesfinale - und zwar zum 60. Mal. Wie war das eigentlich beim allerersten Finale 1959? Börsenblatt Online hat den damaligen Gewinner Bodo Sengebusch getroffen. Außerdem: Ein Beitrag zum ersten Finale zum Anhören. INTERVIEW: STEFAN HAUCK

Bodo Sengebusch liest im Goethe-Haus

Bodo Sengebusch liest im Goethe-Haus © R.Vack

Wie war Ihre "Vorlesekarriere" – gab es beim ersten Vorlesewettbewerb auch schon die verschiedenen Ebenen?

Ich habe in Lichterfelde gewohnt, also im amerikanischen Sektor von Berlin. Da war ich Klassensieger, dann von der Schule, vom Bezirk und von allen Westberliner Bezirken – da gab’s dann sogar noch eine Stichwahl. Damals waren wir aber alle Siebtklässler, nicht wie heute Sechstklässler. Und der Wettbewerb wurde später dreistufig: die Kinder mit anderen Muttersprachen als Deutsch, die Haupt- und Realschüler und die Gymnasiasten. Gerade die Nicht-Muttersprachler waren unwahrscheinlich aktiv dabei. Am wichtigsten ist eh die unterste Stufe.

Die unterste?

Ja, die allererste Stufe in der Klasse! Da erreicht man doch die meisten Kinder. Sehen Sie hier die dpa-Meldung von 1959? "Jede dritte Familie besitzt kein Buch" – und beim Wettbewerb haben sich die Kinder schon mal mit einem Buch beschäftigt. Hochgerechnet haben sich beim Vorlesewettbewerb bis heute 21 Millionen Kinder mit Buchinhalten auseinandergesetzt – das ist eine der größten kulturellen Anstrengungen in Europa. Und das ist bis heute eine Chance, Kindern aus bildungsfernen Familien mit Büchern in Kontakt zu bringen und Kinder aus bildungsnahen Haushalten bei der Stange zu halten.

Wie war das für Sie als 13-Jähriger, 1959 mit dem Flugzeug von Berlin nach Frankfurt zu fliegen?

Ach, ich bin schon mit zehn Jahren von meiner Mutter allein ins Flugzeug gesetzt worden, weil ich meine Ferien bei meiner Oma im hessischen Dillenburg verbracht habe. Ich musste die Bahnstationen bis zum Frankfurter Hauptbahnhof auswendig lernen und dann die bis Dillenburg, das klappte. Und beim Flug zum Vorlesewettbewerb nach Frankfurt hat mich die Berliner Verlegerin Erika Klopp begleitet, insofern war das sehr komfortabel.

Insgesamt neun Landessieger kamen nach Frankfurt: Wie war das erste Aufeinandertreffen?

An Einzelheiten erinnere ich mich nicht mehr, nur dass wir eine sehr muntere Truppe waren, wir waren alle in einer Pension untergebracht und waren wohl immer ein bisschen laut … Drei Tage waren wir in Frankfurt, es gab ein Rahmenprogramm – und da haben mich besonders die Pinguine im Frankfurter Zoo begeistert … Was für mich merkwürdig war, dass die Erwachsenen mich gefragt haben: Wo kommst du her – aus Berlin, also aus der DDR? Offenbar war für die Westdeutschen Westberlin weiter weg als Italien oder Amerika.

 

Wenn man sich das Tondokument des Bundesfinale von 1959 anhört, fällt auf, dass fast alle Dialekt gesprochen haben.

Das war damals viel selbstverständlicher. Interessanterweise waren in den Anfangsjahren des Vorlesewettbewerbs die Großstädte am schlechtesten vertreten, weil die Klassen zahlenmäßig dort an der absoluten Obergrenze der Schüler lagen. Und kleinere Orte hatten sehr aktive Leihbibliotheken und Buchhandlungen.

Welche Wirkung hatte Erich Kästner, der auch zum Bundesfinale in den Gartensaal des Goethe-Hauses gekommen war, auf Sie und die anderen Kinder?

Wir haben große Augen gemacht! Da saß Kästner! Wir hatten alle seine Kinderbücher gelesen. Und an die Geschichte, die er dann vom "richtigen" Vorlesen erzählt hat, erinnere ich mich bis heute.

Was hatten Sie damals als Preis gewonnen?

Einen Reisegutschein von der Hapag Lloyd im Wert von 500 Mark, und da wollte ich nun gerne mal was anderes, als zu meiner Oma zu fahren. Mein Wunsch war: Ich wollte an meinem 14. Geburtstag auf der Zugspitze stehen. Dann bin ich mit meiner Mutter – mein Vater hatte eine kleine medizinische Glasbläserfabrik und hatte eigentlich nie Urlaub – zwei Wochen nach Krün auf einen Bauernhof, ohne fließend Wasser, und dann haben wir die Zugspitze und Kloster Ettal und Schloss Linderhof usw. besucht, das fand ich toll. Später durften die Gewinner des Vorlesewettbewerbs dann zu Kinderbuchautoren fahren.

Wie sind Sie als Kind zum Lesen gekommen?

Als Fünfjähriger lag ich mal krank im Bett, und meine Cousine hat mir aus "Pu der Bär" vorgelesen, was sonst mein Vater abends gemacht hat. Da war ich stinksauer, dass die das schon konnte und hab dann selbst angefangen, mir Buchstaben beizubringen und hab meine Mutter dazu gekriegt, dass sie mir Lesen beigebracht hat. Was zur Folge hatte, dass mir in der ersten Klasse alles zu lange dauerte und ich auf die Frage "Was willst du mal werden?" gesagt hab: "Lehrer! Dann kann ich reden, wann ich will."

Sie sind ja dann auch Gymnasiallehrer geworden …

36 Jahre lang. In der 10. Klasse wollte ich Deutsch- und Erdkundelehrer werden, aber als ein älterer Lehrer uns in einer Vertretungsstunde Saint-Exupérys "Kleinen Prinzen" vorlas, war ich sehr berührt, bloß haben die meisten Jungs Karten gespielt und die Mädchen was anderes gemacht – da hat er weinend abgebrochen und ist raus. Das hat mich so erschüttert, dass ich nicht mehr wollte – und dann Physik und Mathe im Lehramt studiert habe. Als Klassenlehrer habe ich übrigens anonyme Umfragen gemacht, wie es die Schüler so mit Lesen und Bücher haben. Die Mädchen besaßen so zwischen 20 bis 80 Bücher, einige Jungs so fünf, die meisten aber gar keine, die lasen höchstens mal "Kicker" usw. Also man kann gar nicht genug Vorlesewettbewerb machen.

Welche Tipps geben Sie als Profi Kindern beim Vorlesen?

Lesen erfordert nicht nur Textverständnis, sondern ein emotionales Erkennen der Buchinhalte, und das muss der Zuhörer spüren. Dann muss man mit den Augen immer schon vor der Textstelle sein, um seine Stimme anzupassen, Pausen zu setzen usw. Das geht letztlich aber nur durch Übung, wenn man einfach oft liest. Dann geht das fast von selbst.

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1 Kommentar/e

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  • Michael Menard

    Michael Menard

    Wunderschöne Erfahrungen zum Lesen, die ich aus vielen Jahren im Vorlesewettbewerb bestätigen kann. Warum können die einen Kinder einen Satz im Sinnzusammenhang lesen, während andere mit dem Finger unter der Zeile entlang fahren, weil sie Buchstaben für Buchstaben entschlüsseln müssen, aber keinen Sinn erkennen? Es liegt daran, wie viele Worte sie kennen, und wie viele das sind, fängt mit dem Vorlesen in der Familie an. Das Auge kann immer nur auf einen Blick etwa zehn Buchstaben erkennen, dann macht es einen Sprung (Sakkade). Maximal schaffe ich 60 Zeichen in der Sekunde. Wenn ich aber viele Worte kenne, dann springt nach drei Buchstaben der Hochleistungsrechner Gerhirn an und macht eine Wahrscheinlichkeitsrechnung, welches Wort daraus aus dem bisherigen gelesenen Zusammenhang folgten könnte - wenn ich es denn gespeichert habe. Dann springt das Auge weiter. Deshalb können Kinder, die viele Worte kennen, ein einzelnes Wort in einen Zusammenhang einordnen.

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