Neue Titel zur Geschichte des 20. Jahrhunderts

Lehren für jetzt

Ein Zeitraum, der uns Gegenwärtige nicht loslässt: neue Darstellungen der Geschichte des 20. Jahrhunderts – vom Ersten Weltkrieg über die NS-Zeit bis heute. MICHAEL ROESLER-GRAICHEN

© picture alliance / Klaus Rose

Eine neue Ära der Unsicherheit

Die größte Zäsur des vergangenen Jahrhunderts, der Zweite Weltkrieg mit dem Zivilisationsverbrechen Holocaust, ist bis heute nicht aufgearbeitet und verstanden. Das gilt auch für die Geschichte der Nachkriegszeit, in der neue globale Kräfteverhältnisse entstanden, in der es die lange Phase des Kalten Kriegs gab, die Protestbewegung der 68er, das Ende der militärischen Blöcke und seither zahlreiche Entwicklungen ohne klare Perspektive. Ian Kershaw, der die Zeit von 1914 bis 1949 bereits in seinem Band "Höllensturz" grandios erzählt hatte, versucht im Folgeband "Achterbahn. Europa 1950 bis heute" (DVA, 832 S., 38 Euro), die Wechselfälle und Widersprüche der Nachkriegsgeschichte – bis hin zu Brexit und Migrationskrise – in eine erzählerische Ordnung zu bringen. In zwölf Themenblöcken nähert er sich den Phänomenen und gibt am Ende einen Ausblick – unter der Überschrift "Eine neue Ära der Unsicherheit". Einmal mehr beweist er sein Talent, historische Narration und Analyse geschickt miteinander zu verbinden.

Die Erinnerung an das Tiananmen-Massaker ist lebendig

Ein Schlüsseljahr des 20. Jahrhunderts war 1989 – das Jahr, in dem die Mauer fiel und die Befreiung der osteuropäischen Staaten begann, die unter dem Joch der Sowjetunion lebten. Deutschland gehörte zu den Glücklichen der Geschichte, doch auch die Wiedervereinigung stand unter dem Menetekel, das die chinesische Regierung im Juni 1989 mit der gewaltsamen Unterdrückung der Demokratiebewegung auf den Platz des Himmlischen Friedens zeichnete. Liao Yiwu, Friedenspreisträger des Jahres 2012, schrieb damals das Gedicht "Massaker", für das er vier Jahre ins Gefängnis gehen und schwere Misshandlungen über sich ergehen lassen musste. In dem Band "Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand. Texte aus der chinesischen Wirklichkeit" (S. Fischer, 144 S., 12 Euro) porträtiert er unter anderem sechs seiner Gefängnisgenossen, publiziert erstmals Gefängnisbriefe an seine Frau und schildert die letzten Augenblicke im Leben des Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo.

Die Sicht der Betroffenen

Neben Eugen Kogons 1946 erschienenem Werk "Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager" (Nikol, 432 S., 9,95 Euro) gab es nur wenige frühe Darstellungen aus der Sicht Betroffener. Eine davon ist die Tetralogie "Verloschene Lichter" des in Polen geborenen jiddischen Schriftstellers und Journalisten Mordechai Strigler, die seit 2016 von Frank Beer in der Übersetzung von Siegfried Beisel bei zu Klampen herausgegeben wird. Striglers Leidensweg führte durch mehrere Arbeits- und Vernichtungslager – unter anderem Majdanek –, bis er im April 1945 aus dem Konzentrationslager Buchenwald befreit wurde und unmittelbar danach zu schreiben begann. Entstanden sind Zeitzeugen­berichte, die das Geschehen mit einer reportagegleichen Unmittelbarkeit schildern. Bei zu Klampen erscheint im August Teil 3, "Werk C. Verloschene Lichter III. Ein Zeitzeugenbericht aus den Fabriken des Todes" (ca. 460 S., ca. 32 Eu­ro), der den Lageralltag in Skarzysko-Kamienno (Mittelpolen) beschreibt.

Wie die Verbrechen des NS-Regimes und seiner großen Zahl an Mittätern juris­tisch aufgearbeitet wurden – von den Alliierten, der Bundesrepublik, der DDR und anderen Staaten (zum Beispiel Israel) –, zeigt eindrucksvoll und faktenreich der in der Edition Virgines erschienene Band "NS-Prozesse 1945 – 2015. Eine Bilanz aus juristischer Sicht" des früheren Richters am OLG Düsseldorf, Karl-Heinz Keldungs (512 S., 34,90 Euro). Das Buch zeigt zugleich, wie die Rechtsprechung den Begriff der Mittäterschaft verschärfte und auf Personen ausweitete, die "nur" Rädchen im Lagersystem waren.

Der innere Kreis um Hitler

Der "Berghof", Hitlers Rückzugsort und Alpenresidenz auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden, war während der NS-Zeit der am besten abgeschirmte und gesicherte Ort des "Reichs". Niemand in der Bevölkerung wusste, was dort vor sich ging, wer Zutritt hatte, welche Personen Hitler um sich scharte. Wie Heike B. Görtemaker in ihrer vorzüglichen, gut lesbaren Darstellung "Hitlers Hofstaat" (C. H. Beck, 528 S., 28 Euro) schildert, gehörten zum inneren Kreis Vertraute wie Martin und Gerda Bormann, Albert und Margarete Speer sowie sein Begleitarzt Karl Brandt mit seiner Frau Anni. Dazu kamen Adjutanten (wie Nicolaus von Below), Sekretärinnen, Wach- und Dienstpersonal. Die zentrale Gestalt neben Hitler, um deren Zuneigung alle anderen buhlten, war seine Geliebte Eva Braun.

Hier, abgeschottet vom Berliner Regierungsbetrieb, konnte Hitler ungestört seine Pläne für den Krieg und die künftige Reichshauptstadt Germania entwickeln. Funktionäre von Staat, Partei und SS durften ihn nur aufsuchen, wenn er es wünschte. Im dritten Teil des Buchs erzählt Görtemaker, wie der "Hofstaat" auch über das Kriegsende hinaus ein stabiles Netzwerk bildete und das NS-­System zu rechtfertigten versuchte.

Die Größe des Widerstands

75 Jahre nach dem gescheiterten Attentat auf Adolf Hitler im Führerhauptquartier Wolfsschanze sind einige neue Titel über den deutschen Widerstand erschienen. Wie breit gefächert er war, zeigt die Gesamtdarstellung  von Wolfgang Benz, bis 2011 Direktor des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin ("Im Widerstand. Größe und Scheitern der Opposition gegen Hitler", C. H. Beck, 556 S., 32 Euro). Das Attentat vom 20. Juli 1944 wurde von Offizieren ausgeführt, dahinter standen aber gesellschaftliche Eliten, die im Goerdeler-Kreis und im Kreisauer Kreis organisiert waren oder der Bekennenden Kirche angehörten.

Weniger bekannt ist der zivile Widerstand, den Ludger Fittkau und Marie-Christine Werner in "Die Konspirateure" aus dem Schatten der Zeitgeschichte hervorholen (wbg Theiss, 336 S., 25 Euro).

Manfrd Lütz präsentiert in "Als der Wagen nicht kam" (Herder, 352 S., 25 Eu­ro) die bisher unpublizierten Memoiren seines Großonkels Paulus van Husen, der als Mitverschwörer des 20. Juli zum Tode verurteilt und mit Glück vor der Hinrichtung befreit wurde.

Als Graphic Novel erzählt Niels Schröder die Ereignisse des 20. Juli ("20. Juli 1944. Biographie eines Tages", bebra Verlag, 144 S., 18 Euro). Die Spannung, die über diesem Tag lag, und die Erwartungen, die auf ihm ruhten, werden durch die Illustrationen in besonderer Weise spürbar.

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