Die Sonntagsfrage

"Wie will &Töchter das Lesen wieder cool machen, Frau Nerbel?"

Sieben Buchwissenschaftsstudentinnen haben im Januar in München den Verlag &Töchter gegründet. Auch weil sie nicht verstehen, dass zwar alle über den Leserschwund reden, aber keiner mal etwas wirklich Neues ausprobiert. Welche Ideen &Töchter so hat, erzählt Mitgründerin Laura Nerbel in der Sonntagsfrage.  

Laura Nerbel

Laura Nerbel © &Töchter

"Plötzlich so: Hey, lasst uns doch einen Verlag gründen. Wir können das auch!"

&Töchter besteht aus sieben Frauen, wir sind zwischen 23 und 28 Jahre alt. Kennengelernt haben wir uns im Rahmen des Masterstudiengangs Verlagspraxis an der LMU München. Ganz zufällig saßen wir in einem Blockseminar nebeneinander, sind ins Gespräch gekommen und haben wenige Tage später auf einer Halloweenparty zusammen gefeiert. Die Freundschaft entwickelte sich dann rasant und schon im Januar saßen wir bei einem Wein zusammen, ärgerten uns über ein Buchcover und ein staubtrockenes Seminar. Plötzlich so: "Hey, lasst uns doch einen Verlag gründen. Wir können das auch!" Dass wir alle so unterschiedlich sind, ganz verschiedene Backgrounds haben und trotzdem in allen Fragen immer wieder zusammenfinden, ist erstaunlich und sehr bereichernd. Jede von uns hat schon mal im Rahmen eines Praktikums oder einer Werkstudentenstelle in einem Verlag gearbeitet oder arbeitet aktuell dort. Interessanterweise tendieren wir alle zu unterschiedlichen Arbeitsbereichen innerhalb eines Verlages, sodass wir gemeinsam ein sehr vielfältiges Team bilden und uns gegenseitig ergänzen.

Unser Verlagsname &Töchter entwickelte sich bei einem Brainstorming. Jeder kennt diese Namen à la "Schubert und Söhne", der Zusatz und Töchter ist jedoch kaum zu finden. Und da wir nun mal sieben Frauen sind und der Name eine Menge Kombinationsmöglichkeiten eröffnet, zum Beispiel für unsere Veranstaltungen (rauschen&Töchter) und unsere Podcasts (plauschen&Töchter), fiel uns die Entscheidung leicht.

"Die Branche muss den Ballast der Tradition abschütteln"

Wir verstehen uns nicht nur als Verlag, der Bücher publiziert, sondern als eine Gruppe junger Leute, die Literaturfreunde zusammenbringen will, diese mit solchen mischt, die gerne wieder mehr Zeit mit Literatur verbringen wollen und schließlich mit denen würzt, die vielleicht gar nichts mit Büchern oder Literatur am Hut haben. Unsere Projekte, egal ob Veranstaltung, Podcast oder Buch, sollen genau diese Vielfalt abbilden, die es da draußen gibt. Die Branche muss den Ballast der Tradition abschütteln, von ihrem hohen Ross steigen und vor allem flexibel und offen sein. Wir hoffen, mit &Töchter einen Schritt in diese Richtung zu machen.

Das Buchprogramm wollen wir mit einem Projekt starten, das uns allen sehr am Herzen liegt. Da wir noch ganz am Anfang stehen und uns beinahe ohne Startkapital hineinstürzen, möchten wir uns vorerst diesem ersten Projekt widmen. Wir möchten verlegen, was uns selbst begeistert und interessiert. Bücher, die zeigen, wie vielfältig das Medium sein und welche Sogkraft das Lesen entfalten kann. Wir stehen bereits in Kontakt mit Autor*innen und anderen Urheber*innen und sind offen für jegliche Überlegungen. Uns reizt das Ungewöhnliche und Überraschende.

Mit Hochdruck sitzen wir an den ersten Podcastfolgen unserer Reihe plauschen&töchter! Auf all unsern Kanälen werden wir den Launch bekanntgeben, wenn es soweit ist. Wir möchten den Podcast auf unserer Website hochladen und dann über iTunes und weitere Podcast-Verzeichnisse verbreiten.

Alle sieben Töchter

Alle sieben Töchter © &Töchter

"Hier soll es nur um den Spaß an der Literatur gehen"

Das Feedback zu unserer Veranstaltungsreihe rauschen&Töchter freut uns ganz besonders! Wir haben einen relativ festen Rahmen von etwa 50 Gästen festgelegt, es gibt ein paar Snacks und Getränke, feine Live-Musik von Newcomern wie uns und natürlich die Lesungen der Vortragenden! Besonders begeistert waren unsere Gäste von der Intimität der Veranstaltung und von dem Mut der Lesenden, ihre selbst verfassten Texte vor einem so großen Publikum (meist zum allerersten Mal) vorzulesen. Wir wollen eine Plattform bieten, auf der sich jeder ausprobieren kann, egal ob erster Text oder gefeierter Poetry Slam. Hier soll es nicht um Beurteilungen gehen, sondern nur um den Spaß an der Literatur und an einem lockeren Beisammensein. Das kommt an. Viele entscheiden sich während des Abends spontan, auch noch was vorzutragen. Überraschende Vorträge können sich genauso ergeben wie tolle Gespräche mit anderen literaturbegeisterten Menschen. Nach den Lesungen geht bei uns niemand nach Hause – wir feiern weiter.

Um der ganzen Sachen noch den speziellen Kick zu geben, finden unsere rauschen&Töchter an besonderen und ungewöhnlichen Orten statt. Zuletzt war dies ein Obst- und Gemüseladen, der auf den ersten Blick vor allem ziemlich nüchtern war. Wir haben ihn so gestaltet, dass eine gemütliche Wohnzimmeratmosphäre entstanden ist, eingerahmt von Zitronen, Minze, Tomaten, Kartoffeln und ganz vielen Blumen.

 

7 Kommentar/e

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  • Johann Staeblein

    Johann Staeblein

    Frischer Wind im Literaturbereich. Hat das Potenzial das Lesen wieder aus dem "Kaemmerlein" zu holen.

  • Harald Kraft

    Harald Kraft

    Dies was hier von den sieben Studentinnen der Buchwissenschaften im Januar d. J. gegründet und langsam aufgestellt wird, ist insgesamt gesehen sehr ehrgeizig.
    Nur muss man sich fragen: Wie soll das weitere Entstehen dieses Verlages finanziert werden?
    Die Einladung von Autoren/ - innen zu verschiedenen Lesungen ist jedenfalls ein sehr guter Anfang, um das literarische Leben in München etwas aufzulockern und auch zu bereichern.
    Wichtig ist der Austausch mit Literaturfreunden und auch solchen Lesern/- innen, die wieder mehr zur Literatur finden wollen.
    Man könnte hier z. B. auch eine Idee zu einem möglichen Buch ansetzen:
    Autoren/- innen gestalten zusammen mit dem Verlag&Töchter ein kleines Buch aus den Inhalten dieser Lesungen oder Leseabenden.
    Dies wäre dann sozusagen ein Erstlingswerk dieses Verlages und jedenfalls ein sehr tolles Projekt, wo alle diese Autoren/- innen und die sieben Buchwissenschaftlerinnen beteiligt wären.
    Diese könnten sich beim Werden des Buches, z. B. dem Aussehen, der Schriftgröße der Beiträge, ob Bilder, Anzahl der Seiten usw., einbringen.
    Es muss ja kein großes Buch am Anfang sein. Nur einmal eine kleine Sache und vielleicht gibt es ja in der Nähe der Universität einen Buchbinder, der dieses kleinere Buch dann in eine Bindung gestaltet.
    Gewiss, jeder Anfang ist schwierig, ganz gleich was man jetzt so starten möchte. Notwendig ist aber weiterhin der Zusammenhalt dieser sieben Studentinnen, damit auch dann alles in der nahen Zukunft klappen wird.
    Mögen die weiteren Vorhaben also gut gelingen.

  • horwatitsch Bernhard

    horwatitsch Bernhard

    Ab dem Moment wo ich las "Ballast der Tradition abschütteln" spürte ich einen negativen Reflex. Ich arbeite als Autor vor allem mit der Tradition, karrikiere sie, nutze sie, reflektiere sie und möchte nie, wirklich nie ohne sie sein. Was für ein Bullshit! Ihr wollt lesen und schreiben? Dann müsst ihr euch einklingen in ein Gewebe, ein gewaltiges historisches Netzwerk. Ansonsten seid ihr der übliche neoliberale Dünnschiss, der glaubt, dass ein betriebswirtschaftliches Budget schon alles ist. Wenn wir wirklich Leser wollen, dann gehts nur über die Brücken, mit Spaß ja, auf alle Fälle und mit gelegentlicher Respektlosigkeit auch, ja, aber immer nur über Brücken. Zu viel Geiles und Geniales liegt hinter uns und wird vergessen, dass von Ballast nicht die Rede sein kann. Denkt doch mal nach. Super und danke
    Bernhard

  • Susanne Bauer-Baudach

    Susanne Bauer-Baudach

    Ich bin begeistert und gratuliere herzlich zu eurem Mut und eurem Elan!
    Alles Beste für die Zukunft!
    Ich bin gespannt,wie es bei euch weitergeht!

  • Bischoff, Dr., Bernd

    Bischoff, Dr., Bernd

    Liebe $töchter,
    Glückwunsch zu Ihrem Entschluss!
    bin sehr interessiert am weiteren Fortschritt Ihres Verlagsprojekts.
    Beste Grüße
    B.Bischoff

  • Kathrin Stürmer

    Kathrin Stürmer

    Ich werde lauschen auf das „rauschen“ und das „plauschen“ und bin gespannt, was mir begegnet. Ich glaube zu verstehen, dass Ihr Bezug zur Tradition des „hohen Rosses“ eine Hinwendung zum Leben, zum Leser und Menschen meint und Offenheit sowie ein bisschen Respektlosigkeit gegenüber Konventionen ausdrücken soll. Herzlich Willkommen bei den Idealen der Romantik. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und bin gespannt, was wird...

  • Martin Kremp

    Martin Kremp

    Ein frischer Wind, riecht übel auch, wenn er entweicht dem alten Schlauch.

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