Krimiautor Olaf Müller über den Wert von Regionalia

Erinnere dich!

Im Hauptberuf leitet Olaf Müller den Kulturbetrieb der Stadt Aachen. In seiner Freizeit schreibt er Krimis aus der Region. Bloß Krähwinkel? Keineswegs, sagt der Autor: Denn im Kleinen lesen wir die Welt.

Olaf Müller

Olaf Müller © privat

Die langen Schatten der Vergangenheit gaben den Ausschlag fürs Schreiben. Dazu der Gedenkstein am Ufer der Rur bei Düren, der an sieben Jungen erinnert, die am 31. März 1946 beim Spiel von einer Mine zerrissen wurden. Oft bin ich daran vorbeigeradelt, habe ihn nicht beachtet unter dem Gestrüpp. Der eigene Vater war mit 17 Jahren in der Wehrmacht, wurde am Weihnachtsabend bei Budapest schwer verletzt. Mein Großvater starb beim verheerenden Bombenangriff auf Düren im November 1944. Das Strafgefangenenlager in Arnoldsweiler, Stalag VI, wurde nie im Unterricht behandelt: Geschichte im Dreiländereck – eine europäische Unheilsgeschichte (Thema von "Rurschatten", Gmeiner).

Historie aus der Region drängt sich auf, will spannend, unterhaltend, humorvoll, hintergründig erzählt werden. "Erinnere dich. Ich versuche es. Du musst dich erinnern." (Christoph Hein, "Horns Ende"). – Warum? Die Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen in Eupen, Hasselt, Heerlen, Lüttich, Maastricht und in Aachens Partnerstädten Arlington, Kostroma und Reims gehört zu den besonderen Momenten meines Berufs als Kulturbetriebsleiter der Stadt Aachen. Grenzüberschreitende Kooperation statt Feindschaft wie 1933 bis 1945. Dies behandeln meine Regionalkrimis mit starken Frauen, ohne die es keine Lösung gibt – wie im richtigen Leben.

"Man muss die Menschheit lieben, um in das eigentümliche Wesen jedes einzudringen …" (Georg Büchner, "Lenz"). In der Buchhandlung Krüger in Düren lernte ich den Beruf des Buchhändlers; bei Augustinus in Aachen arbeitete ich während und nach dem Studium; Buchbesprechungen, Vorträge, Modera­tionen und lokalpolitisches Engagement seit über 30 Jahren. Nun kommt die Zeit für den Kriminalroman mit Bezügen zum kollektiven Gedächtnis. Erinnerungen, die nicht vergehen, die wiederkehren, wenn man in der Region die obere Schicht abkratzt.

Region hat Konjunktur. Einige bringen sie gegen die Nation ins Spiel, andere als Ersatz für Europa. Wo fängt sie an, wo hört sie auf? Regionalliteratur, Regionalkrimi – auf einen Sprengel beschränkt, nur Krähwinkel? Im Kleinen lesen wir die Welt, und auch die Region spiegelt Verwerfungen und Unordnung ("Die Macht am Rhein", mit Maren Friedlaender). Liveberichte versetzen uns ans andere Ende des Planeten und fördern zugleich die Sehnsucht nach Nähe, Wiedererkennbarkeit, Vertrautheit. In der Nordeifel, den Ardennen, der Köln-­Aachener Bucht entstand im Laufe der Geschichte ein Europa en miniature, ein "Laboratoire européen", wo der Schmuggel blühte, der Karlspreis verliehen wird, binationale Ehen an der Tagesordnung sind, Raub- und Beutekunst sich vermischen ("Allerseelenschlacht"). Mehrere Sprachen, Kulturen und So­zialisationsmuster grenzen aneinander: deutsche, wallonische (Lüttich), deutschsprachige (Ostbelgien), flämische (Hasselt) und niederländische (Südlimburg).

Das ist meine Region, meine Heimat, die ich als Segelflieger aus dem Himmel entdeckte und die ich seit dem Studium an der RWTH Aachen durchmesse, erwandere, erlebe. Soldatenfriedhöfe sind Haltepunkte und Mahnung, so in Henri-­Chapelle, Margraten, Vossenack, Düren. Der Kriminalroman bietet die Form für das vielschichtige, spannende und humorvolle Erzählen einer Geschichte und setzt Vertrautheit mit und Zuneigung zur Region voraus.

"Man muss die Menschheit lieben …"


Olaf Müller ist Leiter des Kulturbetriebs der Stadt Aachen und Autor von Regionalkrimis.

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