Die Sonntagsfrage

"Leseförderung gemeinsam – was kann der unabhängige Buchhandel tun, Herr Witton?"

Die Märchenbuch-Aktion der Stiftung Lesen hat im Sortiment überwiegend für Fassungslosigkeit gesorgt. Und jetzt? Könnte der unabhängige Buchhandel vielleicht gemeinsam ein eigenes Projekt zur Leseförderung auf die Beine stellen? Dennis Witton von der Buchhandlung WortReich in Kerpen-Horrem hat da mal eine Idee.

Dennis Witton, Buchhandlung WortReich

Dennis Witton, Buchhandlung WortReich © privat

Als in der vergangenen Woche die Nachricht durchsickerte, dass die Stiftung Lesen in Kooperation mit Amazon, Hugendubel und Thalia eine große Verschenkaktion anlässlich des Weltkindertags plant, war die Empörung im Sortiment groß. Viele Kolleg*innen  waren fassungslos ob der Tatsache, dass eine solche Aktion unter Ausschluss des unabhängigen Buchhandels konzipiert und durchgeführt werden soll. In einem Interview versuchte der Vorstandsvorsitzende der Stiftung, Joerg Pfuhl, die Wogen zu glätten - und hat die ganze Sache eigentlich noch verschlimmbessert.

Den Buchhändler*innen attestierte Pfuhl im Börsenblatt online einen "Empörungsreflex" und meinte, dass es doch in aller Interesse sei, "neue Leser zu finden und zu binden". Dass Leseförderung und Kundenbindung zu den Kernkompetenzen der Buchhändler*innen im Land gehören, scheint er dabei übersehen zu haben. Ein Gespräch mit Kolleg*innen hätte helfen können. Vielleicht hätte ihm dann auch jemand gesagt, dass eine Märchensammlung nicht die allerbeste Idee ist. Anscheinend können wir aber von der Stiftung Lesen nicht mehr viel erwarten.


Zeit für ein eigenes Buch!

Deswegen meine ich: Es wird Zeit, dass wir alle zusammen zeigen, was wir leisten und was wir können! Wir sind dabei weder auf die Stiftung Lesen noch auf den Börsenverein angewiesen. Letzterer ist meiner Meinung dazu da, unsere Außenmauern zu schützen und diese Aufgabe erfüllt er in meinen Augen gut. Was sich innerhalb der Mauern abspielt können und sollten wir selber gestalten. Soll die Stiftung Lesen gerne weiter Billig- und Umsonstbücher (deren Qualität oftmals den Preisen entspricht) in Discountern und Fastfoodketten unterbringen. Das kann für uns nicht der Weg sein.

Mir geht es nicht einfach darum, ein weiteres Verschenkbuch zu entwerfen und unter die Leute zu bringen. So funktioniert Leseförderung nicht. Bücher sind nicht einfach Giveaways, die man wie Taschentücher, Feuerzeuge und Einkaufswagenchips raushaut, in der Hoffnung, die Beschenkten würden sich jedes Mal freuen, wenn sie das Geschenk in Händen halten. Mir geht es darum zu erzählen, wieviel Spaß Bücher machen können. Leseförderung muss in diesen Tagen nicht mehr nur für Kinder geleistet werden. Die Quo-vadis-Studie zeigt uns sehr deutlich, dass es in fast allen Altersstufen Förderbedarf gibt. Mit einem Buch für Groß und Klein könnten wir mit etwas Glück viele Menschen erreichen.

Die Idee dahinter ist, dass wir in diesem Buch Geschichten von Leseerlebnissen sammeln. Wie war das mit meinem ersten Buch?  Was hat das Lesen mit mir gemacht? Es sollen ganz persönliche Erzählungen sein, die von Lachen, Träumen, Trost und neuen Horizonten erzählen. Dabei soll kein Literaturkanon entstehen; davon gibt es definitiv genügend. Ich würde gerne vielen Menschen davon erzählen, dass die Beziehung zu Büchern oftmals ein Leben lang dauert, dass es aber auch Brüche geben kann, dass man sich manchmal aus den Augen verliert und dann irgendwann wiederfindet und man dann merkt, was einem die ganze Zeit gefehlt hat.

Unser Buch soll Kindern und Erwachsenen zeigen, dass Bücher Kraft haben. Und es soll uns zeigen, dass wir Kraft haben. Wir können gemeinsam eine ganze Menge leisten, wenn wir all unsere Kompetenzen und unser Engagement in die Waagschale werfen. Natürlich gibt es viele andere gute Ideen, die man  verwirklichen kann. Ich würde gerne mit dieser anfangen. Auf meine erste Nachfrage bei facebook haben über 50 Buchhändler*innen, Autor*innen und Verleger*innen positiv reagiert. Ich hoffe, sie bleiben alle im Boot wenn es darum geht, die Idee in die Tat umzusetzen. Es braucht Menschen mit Lust, Engagement und Freude. Da mache ich mir eigentlich keine Sorgen. Darüber hinaus kostet das Ganze natürlich auch Geld. Es wäre schön, wenn es daran nicht scheitern würde.



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7 Kommentar/e

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  • Annissa Kahla Manar Buchladen Kirchheimbolanden

    Annissa Kahla Manar Buchladen Kirchheimbolanden

    Ich bin dabei.
    Ist es realisierbar bis zum Welttag des Buches?

  • manuela hantschel

    manuela hantschel

    Eine tolle Idee Herr Witton! Schön wäre auch, sich mit uns, dem Bundesverband Leseförderung e.V., in Verbindung zu setzten- wir sind nicht kommerzialisiert und haben mit der Weiterbildung Lese-und Literaturpädagogik ein Curriculum entwickelt, wie Leseförderung qualitätsvoll für alle Zielgruppen gelingen kann.
    Lese- und Literaturpädagog*innen haben viele Ideen auch für den Buchhandel
    Wir können gemeinsam eine ganze Menge leisten!

  • Luisa Hartmann

    Luisa Hartmann

    Tolle Idee, die ganz sicher ankommt. Ich werde bei Lesungen und Workshops immer wieder gefragt, warum ich schreibe. Ich erzähle dann von meinen Erlebnissen, die ich als Kind mit Büchern hatte - und prompt melden sich Kinder, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Was wiederum die anderen Kinder neugierig macht.

    Wäre schön, wenn Autor*innen auch dabei sein könnten.

    Luisa Hartmann
    Kinderbuchautorin

  • Theodora Mayerich

    Theodora Mayerich

    Solche Initiativen aus der Mitte der Brannche sind unbedingt zu begrüßen.
    Ich gebe allerdings zu bedenken, dass man mit dieser Aktion vermutlich nur jene Menschen anspricht, die wir sowieso zu unseren Kunden zählen. Diese werden so ein Büchlein schätzen, weil sie ähnliche Erfahrungen mit dem Lesen gemacht haben.
    Diejenigen, die heute keine Bücher lesen oder kaufen, werden durch Selbstzeugnisse von Buchmenschen nicht zu ebensolchen.
    Leider.

  • Eva Pfitzner

    Eva Pfitzner

    Ab September 2019 bis zur Leipziger Buchmesse 2020 gibt es eine deutschlandweite Aktion DEUTSCHLANDS KINDER LESEN EIN BUCH ®. Bücher werden nicht verschenkt, aber kostenlose Leseproben kann sich jede/r bestellen, so dass viele Kinder direkt erreicht werden können. Über 500 Orte haben sich bereits registriert. Es vernetzten sich Kitas, Schulen, Bibliotheken, Buchhandlungen, Volkshochschulen, Mehrgenerationenhäuser und viele große und kleine Lese-Spaß-Orte. Ein komplett aufgestelltes Programm über Werkstatt-Angebote und Elternfortbildungen bis zu Vorträgen für Multiplikatoren führt zu einem lesefördernden Gesamterlebnis mit aktueller Literatur und literaturpädagogischem Anspruch im Sinne des Bundesverband Leseförderung e.V. Einfach mal hier schauen http://www.deutschlands-kinder-lesen.de

  • Martina Bergmann

    Martina Bergmann

    Ganz unabhängig davon, wer mit wem was realisiert - Es ist so wichtig, dass die kleineren Marktteilnehmer sich vernetzen und austauschen. Sich immer nur an Amazon abzuarbeiten, verbrennt nur Energie, die man auch anders nutzen kann. Gleiches gilt für Aktivisten wie Herrn Pfuhl. Der redet sein Zeug, und man hört sich das an oder auch nicht. Es hat mit unserem Alltag schlicht nichts zu tun.

  • Susanne Wagner

    Susanne Wagner

    @ Martina Bergmann
    Alltag ist für uns, von Lehrer*innen die tolle Nachricht zu hören, dass ihre Schule einen Leseclub von der Stiftung Lesen bekommt. Die Bücher müssen allerdings bei Buecher.de bestellt werden. Keine Chance für Lehrer*innen uns als unabhängige Buchhandlung zu unterstützen.

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