Der Buchhändler Thomas Mahr widerspricht Rainer Moritz

"Es können gar nicht genug Natur- und Ökologiebücher erscheinen"

Dem Literaturhaus-Chef und Börsenblatt-Kolumnisten Rainer Moritz geht der Hype um Naturbücher auf die Nerven. Thomas Mahr, Buchhändler in Langenau fragt sich: Warum kommt ausgerechnet bei diesem Thema der Moritz'sche Aufschrei und nicht, zum Beispiel, bei Fantasyromanen oder Regionalkrimis? Ein Einspruch.

Thomas Mahr

Thomas Mahr © privat

Ja, es stimmt schon, unsere Regale sind gut gefüllt mit Natur. Ein Großteil der darin enthaltenen Bücher beschäftigt sich ernsthaft mit den drängenden und wichtigen ökologischen Fragen der Zeit.

Was konnte die 68er Bewegung dafür, dass es auch Millionäre plötzlich schick fanden, 2 CV, also eine Ente, zu fahren? Jedes brisante, gesellschaftspolitische Thema lockt auch Trittbrettfahrer an, zumal damit Geld verdient werden kann. So ist das in unserem Wirtschaftssystem.

Doch wo blieb der Moritz’sche Aufschrei bei all den fürchterlichen Dystopien in den Jugendbuchabteilungen des Sortiments! All die entsetzlichen Untergangsszenarien, die wir seit Jahren unseren Kindern zumuten. Den Fantasyromanen, die so einfach vorgaukeln, wo gut und böse anzusiedeln sind, die in ihrer Schwarz-weiß-Sichtweise nichts von der Kompliziertheit unserer Welt vermitteln. In meinen Albträumen denke ich an die schrecklichen, zukünftigen Nebenwirkungen solcher Bücher.

Warum ist die Intervention ausgeblieben als nach Shades of Grey eine Armada von "sex sells" für gerade mal so pubertierende Mädchen auf den Markt geschleudert wurde. Bücher mit einem Rollenverständnis – trotz #MeToo –, dass man sich ins viktorianische Zeitalter versetzt sieht.

Und dann die unsäglichen Regionalkrimis. Es sind mehr Islandkrimis auf Deutsch erhältlich auf dem Buchmarkt, als es die letzten 500 Jahre Morde auf der Insel gab. Jedes Halbjahr blättere ich Hochglanzvorschauen durch, die mir auf mehr als 100 Seiten von jedem Dorf mit einem Kirchturm einen Regionalkrimi anbieten. Heimat ja, aber nur wenn ein Apotheker oder Pastor im Städtle um die Ecke gebracht wird.   

Doch zurück zur Ökologie. Wenn unsere Städte verkehrstechnisch kollabieren und die Autoindustrie Abgaswerte manipuliert, wenn Präsidenten den Klimawandel leugnen und fleißig wieder Regenwälder abholzen, wenn wir unsere Landschaft mit Gülle und giftigen Spritzmitteln überschwemmen, wenn wir nach wie vorher so weitermachen und in unserem Land über unsere ökologischen Verhältnisse leben, dann können gar nicht genug Natur- und Ökologiebücher erscheinen…

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4 Kommentar/e

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  • Rainer Moritz

    Rainer Moritz

    Nein, lieber Herr Mahr, diesen Schuh ziehe ich mir nicht an. Schon 2015 (!) schrieb ich just hier im "Börsenblatt" als meine Forderung ans kommende Jahr, dass "alle deutschen Städte und Gemeinde mit Ermittlern ausgestattet sind und der Regionalkrimi Literaturgeschichte wird" - ein Aufschrei, oder? Und dass Sie Ihren Satz, es könnten gar "nicht genug Natur- und Ökologiebücher erscheinen", ernst meinen, kann ich gar nicht glauben. Sie sehen doch selbst, was im Gefolge von Peter Wohlleben & Co. für ein hanebüchener ranschmeißerischer Unsinn an Büchern herauskommt, deren Autoren (und Verleger) auf den Ökozug aufspringen und einen schnellen Euro verdienen wollen. Die stehen doch sicher nicht in Ihrem feinen Laden, nur weil sie auf "öko" machen, oder?

  • Vito von Eichborn

    Vito von Eichborn

    Ahoi,
    sind das nicht "Eulen ..."?
    Hat da jemand auf dem hohen Ross was gegen einen schnellen Euro - sei's in Verlag oder Handel?
    Wovon leben die allesamt? Von "guten Büchern"?
    Sind nicht 90 % aller Novitäten Kokolores - nur: Welcher Papst (außer mir) entscheidet, welche?
    Salam aleikum
    Vito von Eichborn

  • Petra Wägenbaur

    Petra Wägenbaur

    Zur allgemeinen Beruhigung empfehle ich dringend das Buch von David G. Haskell, "Das verborgene Leben des Waldes. Ein Jahr Naturbeobachtung". Das Zitat aus der New York Times "Haskell denkt wie ein Biologe, schreibt wie ein Dichter und betrachtet die Natur mit einer meditativen Konzentration, wie man sie eher von einem Zen-Mönch als einem thesengetriebenenen Wissenschaftler erwartet" bringt es auf den Punkt.
    Bitte mehr davon!

  • Martin Stankewitz

    Martin Stankewitz

    Eine sarkastische Breitseite auf die esoterisch verschwurbelte Naturbuchflut war schon längst überfällig. Ich denke allerdings Herr Mahr und Herr Moritz reden aneinander vorbei. Die Läden, in denen die Bestseller gleich welcher Sparte wie gut beleuchtete Käse- oder Wurststapel prangen, sind bekannt (siehe die allseits beliebte Kolumne Bergmann zum Thema: wann ruft mich endlich jemand aus Hagen an).

    Man sollte bei der Diskussion in der Tat nicht alles und alle in einen Topf werfen.
    Siehe auch:https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/we -want-moor

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