Joachim Bartholomae zur Lagerreduzierung bei Libri

1985

Als Joachim Bartholomae, Geschäftsführer der Salzgeber Buchverlage, 1985 im Buchhandel anfing, war der Lagerbestand von Libri wesentlich kleiner als heute − aus seiner Sicht nicht unbedingt ein Nachteil. Er blickt zurück und träumt von individuellen Qualitätssortimenten in der Buchhandlung, die nicht nur aufs Barsortiment angewiesen sind.

Joachim Bartholomae

Joachim Bartholomae © Ines Grande

Libri reduziert das Lager um 180.000 Titel – eine gewaltige Zahl, und zufällig genau die Zahl, die dem Lagerbestand dieses Großhändlers Mitte der Achtziger Jahre entsprach, als ich als Quereinsteiger im Buchhandel landete. Ich finde, bei manchen Themen kann es nicht schaden, sich kurz daran zu erinnern, wie die heutige Situation eigentlich entstanden ist. Ein ähnliches Thema ist die fatale Einschweißfolie: 1985 war die weitgehend unbekannt; jetzt inszenieren sich Verlage als Umwelthelden, die zwanzig, dreißig Jahre mitgemacht haben und sich heute endlich eines Besseren besinnen.

"Barsortimente wurden zu Ersatz-Verlagsauslieferungen"

Aber zurück zur Lagergröße des Barsortiments und zum Vergleichsjahr 1985. Damals bestellte das Sortiment Novitäten in großen Stückzahlen per "Reiseauftrag" beim Vertreter. Das wurde mit besseren Konditionen belohnt, weshalb bei wichtigen Titeln sogar Terminaufträge vergeben wurden, die zu den gleichen Konditionen vier oder acht Wochen später geliefert wurden, wenn die Erstauslieferung erwartungsgemäß verkauft war. Ein solcher Direkteinkauf war für die Verlage ein Segen, weil sich Auflagen planen ließen und Remissionen nur in Ausnahmefällen, und dann in zeitlich größerem Abstand, zu erwarten waren.

Diese aus heutiger Sicht paradiesischen Zustände endeten, als Betriebsberater ("Winter steckt dahinter") die Buchhändlerinnen zu einem Triage-Denken verleiteten: Nur "A-Verlage" mit hohem Umsatz wurden noch direkt bestellt, "B-Verlage" übers Barsortiment, "C-Verlage" am besten gar nicht. Durch diese Umstellungen wandelte sich die Rolle der Barsortimente zu Ersatz-Verlagsauslieferungen; schließlich kauften viele Buchhändler ausschließlich dort ein. Diese Kolleginnen, so wertvolle Arbeit vor Ort sie auch leisten mögen, sind den Verlagen oft vollkommen unbekannt, da nie ein direkter Kontakt bestanden hat; für sie mag diese Lagerbereinigung ein schwerer Schlag sein.

"Gewaltige Zahl völlig austauschbarer Titel im Schmökersortiment"

Das veränderte Bestellverhalten des Sortiments ist natürlich nicht nur die "Schuld" von Winter und Consorten. Ein zweiter, entscheidender Faktor ist die gewaltige Zahl völlig austauschbarer Titel im Schmökersortiment. Wer soll da schon wissen, welche Dutzendware sich verkauft, und welche nicht? Viele Buchhandlungen haben deshalb den Sortimentsgedanken schlichtweg aufgegeben: Nicht sie entscheiden, welche Bücher sie ihrer Kundschaft anbieten wollen, sondern die Bestsellerlisten, die in der Regel in der Buchhandlung mit einem eigenen Regal geehrt werden.

Wer seinen Warenbestand nur nach Verkaufszahlen und nicht nach eigenen Qualitätsstandards bestückt, betreibt im Grunde lediglich Logistik: Er oder sie macht sich zu einer Schnittstelle in der Lieferkette vom Verlag zum Endabnehmer, deren Qualität sich lediglich an der schnellen Verfügbarkeit der Ware bemisst. Aber wer will es ihnen verdenken? Wenn die Kunden und Kundinnen, die ihre Garderobe sicher nie von C&A oder H&M beziehen würden, ihre Bücher nach dem Prinzip "10 Millionen Fliegen können nicht irren" einkaufen, macht ein inhaltlich liebevoll zusammengestelltes Sortiment wenig Sinn.

Jeder weiß, dass "Bestseller" die Bücher sind, an die sich in zehn Jahren kein Mensch erinnert, aber anscheinend fehlt der Mut, ihnen die eigene Buchauswahl entgegenzusetzen. Und wer für ein Sortiment einkauft, macht das natürlich direkt beim Verlag und braucht das Barsortiment nur im Ausnahmefall.

"Libri wieder runter auf 180.000 Lagertitel"

1985 gab es in Hamburg noch das Grossohaus Wegner, und das verschickte an den Buchhandel jede Woche eine Liste der bei ihnen meistverkauften Titel. Ich habe diese Liste die "Schandliste des Sortiments" genannt, weil diese Titel dort offenbar nicht oder nicht ausreichend eingekauft wurden, was man damals unprofessionell nennen konnte. Setzen wir uns ein Ziel: Libri wieder runter auf 180.000 Lagertitel, und individuelle Qualitätssortimente in der Buchhandlung. (Man wird ja mal träumen dürfen.)

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3 Kommentar/e

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  • Weihermüller-Curylo

    Weihermüller-Curylo

    Sehr geehrte Damen und Herren vom Börsenblatt (und vom Börsenverein). Die Bücher in meinem Antiquariat vermehren sich. Es sind alte und gebrauchte Bücher. Und neue. Die neuen Bücher wurden zumeist bei Könemann bestellt. Jetzt im Frühjahr seit 30 Jahren. Von Anfang an: Könemann. Wenn es nur wenige waren, habe ich draufgezahlt. Aber der Service, anfangs täglich, später zweimal in der Woche beliefert, war mir wichtig. Die Neubestellungen haben sich nicht vermehrt. Jetzt bin ich rausgeschmissen worden. Einen Monat darf ich noch bei Könemann bestellen. Könemann hat sich mit Libri zusammengetan um der Schnelligkeit, und dem Wachstum, welche gefordert werden, zu genügen. Um zu überleben? Die ganz Kleinen fallen da hinten runter. Null Gewinn geht gar nicht. Die Stadtbibliothek Leverkusen, früher eine meiner Kunden, hat Thalia Büchertische bei ihren Veranstaltungen (früher Zentral Antiquariat) und sicher bestellen sie dort auch ihre Bücher.

    Ich werde natürlich weiter Bücher anbieten, immer weiter und langsam. Wie ein Tier sich bewegt, im kalten Wind Sibiriens.

  • Marc Hamacher

    Marc Hamacher

    Der Artikel ist historisch gesehen ja nett, aber geht an den aktuellen Bedürfnissen vorbei. Erinnerungen aus Zeiten, als es noch kein Internet im heutigen Sinne gab, sind da wenig als Argumentation anzusehen... eigentlich ist es einfach:

    Libri stellt seinen Lagerbestand von mir aus auf nur noch 5000 Bücher runter.

    Libri stellt aber ALLE im VLB angegebenen und lieferbaren Bücher ALLER Verlage als "Nicht auf Lager, aber bestellbar" in die Bestellsoftware ein. Einfach, damit ein Buch in der Liste existiert. Denn das Problem der Kleinverlage ist nicht, dass das Buch nicht auf Lager ist. Das Problem ist, dass Libri in einem Anfall von Selbstherrlichkeit meint zu bestimmen, welche Bücher überhaupt noch existieren sollten.

    Buchhändler machen ENDLICH ihren Job und wenn das Buch dann da gelistet ist, dann sagen sie dem Kunden: "Ich kann das Buch bei Libri oder direkt beim Verlag bestellen. Es ist aber nicht in 24 Stunden da." Das ist Service. Dafür wird ein Buchhändler bezahlt. Und eben nicht für: "Ich kann das nicht bestellen, das Buch existiert nicht."

    Kunden verstehen dann hoffentlich, dass Bücher eben nicht sofort da sein müssen, bzw. können.

    Marc Hamacher
    Leseratten Verlag.

  • Buchhändler

    Buchhändler

    Sehr geehrter Herr Hamacher,

    was mich interessieren würde:
    Betreiben Sie Ihren Verlag als einzigen Broterwerb?
    Weshalb sollte ein Unternehmen wie Libri Ressourcen aufwenden, um Ihre Produkte sichtbar zu machen?
    Wie viele Bücher wurden denn so im Schnitt pro Monat bei Ihnen bestellt, als es jahrelang möglich war?
    Da Sie uns Sortimenter immer wieder angreifen: Ich habe mir Ihre Homepage mal angeschaut: Ohne den Inhalt Ihrer Bücher einschätzen zu können, schätze Sie schlichtweg aus Gründen des Layouts für unverkäuflich ein.
    Am Ende des Monats muss sich jeder Regalstellplatz und jeder Quadratmeter meines Ladens rentieren. Das wird in der Branche zu oft blauäugig missachtet.

    Grüße, unabhängiger Sortimenter

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