Interview mit Dagmar Laging, Springer Nature, über den DEAL-Vertrag

"Es war ein langer Lernprozess"

Springer Nature und das Projekt DEAL der deutschen Wissenschaftsallianz haben sich auf einen Vertragsrahmen geeinigt, der vor allem in Deutschland die Transformation zu Open Access beschleunigen wird. Börsenblatt Online hat mit Dagmar Laging, Vice President Institutional Sales Europe bei Springer Nature, über die Verhandlungen und die Ergebnisse gesprochen.       INTERVIEW: MICHAEL ROESLER-GRAICHEN

Dagmar Laging

Dagmar Laging © Springer Nature

Der Verhandlungsprozess hat bis jetzt drei Jahre gedauert. War das eine Zeit, in der Sie immer konstruktiv mit der Gegenseite verhandelt haben, oder gab es auch mal Knackpunkte, an denen Sie überlegt haben auszusteigen?
Aussteigen würde ich das nicht nennen. Natürlich haben wir bei einem so komplexen Thema an manchen Punkten unterschiedliche Vorstellungen gehabt, sonst hätten wir das Ganze auch in ein oder anderthalb Jahren verhandeln können. Beide Seiten haben eine Weile gebraucht, um sich einander anzunähern, um die Gegenseite zu verstehen, Gegenargumente zu akzeptieren und dann auf den anderen zuzugehen. Dieser Lernprozess war es, der letztlich viel Zeit erfordert hat.

Hat sich der Fokus der Verhandlungen im Laufe der Zeit immer mehr in Richtung Open Access verschoben – während es anfänglich um eine Bundeslizenz für die Nutzung der E-Journals ging?
Nein, die Open-Access-Publikation gehörte von Anfang an zu den strategischen Zielsetzungen des DEAL-Projekts, es war daher auch das dominante Thema der Verhandlungen. Es ging der Wissenschaftsallianz darum, die Publikationsweise in Richtung Open Access zu bewegen. Das Ganze war mit dem Anspruch verbunden, andere Preis-Level und -Konditionen zu verhandeln.

Da Springer Nature schon einer der größten Open-Access-Anbieter in Deutschland ist – hat das die Einigung erleichtert?
Die Tatsache, dass Springer Nature weltweit das größte Open-Access-Portfolio hat, hat uns für DEAL sicher zu einem interessanten Partner gemacht. Auf der anderen Seite haben wir immer noch ein Portfolio von 1.900 Hybrid-Zeitschriften und knapp 500 Zeitschriften, auf die man nur im Subskriptions-Modus zugreifen kann. Insgesamt ist unser Portfolio nach Elsevier das zweitgrößte weltweit. Die Komplexität des Ganzen – auch im Open-Access-Bereich – erklärt, weshalb wir so gründlich und lange diskutiert haben.

Das Memorandum of Understanding, der Vorvertrag, ist in drei Bereiche gegliedert. Welche sind das?
Zum einen reine Open-Access-Publikationen, dann das Publish-and-Read-Modell für Hybrid-Zeitschriften, das den größten Raum einnimmt, und schließlich der reine Lesezugriff für Subskriptionszeitschriften. Alle durch DEAL und die Wissenschaftsallianz vertretenen Forschungs- und Wissenschaftseinrichtungen werden nach Inkrafttreten des Vertrags über diese Publikations- und Zugriffsmöglichkeiten verfügen.

Soll der Anteil der Open-Access-Publikationen ausgeweitet werden – auch über die Laufzeit des Vertrags hinaus?
Perspektivisch schon, aber innerhalb der Laufzeit des Vertrags wird dies kaum möglich sein. Die hybriden Zeitschriften, bei denen Open Access nur einen Teil ausmacht, sind internationale Journale, in denen Autoren aus aller Welt veröffentlichen, beispielsweise aus Japan, Südamerika oder Europa. Diese Autoren publizieren aber bei weitem nicht alle Open Access, weil dies in vielen Ländern der Welt noch nicht das gewünschte Publikationsformat ist.

Deutschland und Europa (mit der Initiative OA 2020) spielen ja bei Open Access den Treiber ...
Zum einen handelt es sich um eine Initiative der Europäischen Union, und innerhalb der Gemeinschaft unterstützen vor allem die Niederlande, Großbritannien und Deutschland mit DEAL den Übergang in das Open-Access-Modell. Damit sprechen wir auch über Länder, die ganz erheblich zum Volumen von Forschungsergebnissen weltweit beitragen. Deutschland nimmt Platz 4 im globalen Ranking der Länder ein, die die meisten Wissenschaftspublikationen produzieren – nach den USA, China und Großbritannien.

War es schwierig, dem DEAL-Projektteam klarzumachen, dass die Publikationsgewohnheiten weltweit sehr unterschiedlich sind?
Aus deutscher Sicht sehen manche Dinge eben etwas anders aus, als wenn sie sie mit etwas mehr Distanz global betrachten. Aber dieser Perspektivwechsel war Teil des Lernprozesses, von dem ich sprach. In den letzten Monaten konnten wir dafür zügige Fortschritte machen und jetzt das Memorandum of Understanding unterzeichnen.

Die jetzt getroffene Vereinbarung wird für die Wissenschaftsallianz mit hohen Kosten verbunden sein. Gleichzeitig kommen Sie DEAL entgegen, in dem sie für einen Teil des Portfolios Rabatte einräumen ...
Das betrifft vor allem die Zeitschriften von BioMed Central in den Life Sciences. Da kommen wir den teilnehmenden deutschen Institutionen entgegen.

Hat Ihr Chief Financial Officer die Kosten einmal durchgerechnet, und ist er zu dem Ergebnis gekommen, dass Springer Nature am Ende genauso viel einnimmt wie früher?
Sie können sicher sein, dass wir genau gerechnet haben. Das war ja auch einer der Gründe für die lange Verhandlungsdauer. Wir haben einen Weg gefunden, um weiterhin profitabel zu sein und gleichzeitig DEAL einen stabilen, berechenbaren Kostenrahmen für die nächsten Jahre anzubieten.

Hat sich durch die Einigung das Klima zwischen Wissenschaftsverlagen und Wissenschaftsallianz spürbar verbessert?
Das war schon im Laufe der Verhandlungen spürbar. In dem Moment, in dem man anfängt, wirklich miteinander zu reden und zu verstehen, weshalb der andere bestimmte Punkte nicht erfüllen kann, nähert man sich schon einander an. Dazu kommt, dass beide Seiten eine gemeinsame Herausforderung haben: Open Access hat sich global noch nicht als verlässliches Business-Modell bewährt. Es gibt die politische Vorstellung, dass wissenschaftliche Ergebnisse weltweit frei zugänglich sein sollen, was ethisch durchaus zu begrüßen ist. Aber wie das praktisch, finanziell und operativ zu bewältigen ist, ist eben noch nicht abschließend beantwortet. In der Frage, wie wir das gemeinsam strategisch angehen, haben wir ein gutes Niveau erreicht. Wir werden auch über weitere Projekte sprechen, die im Rahmen dieses Vertrags abgeschlossen werden sollen. Dabei wird es unter anderem darum gehen, Forschungsergebnisse besser aufbereiten und zur Verfügung stellen zu können sowie für mehr Transparenz zu sorgen.

Wird der endgültige Vertrag bis zur Buchmesse unter Dach und Fach sein?
Ziel ist es, den Vertrag so rechtzeitig zur Unterschrift zu bringen, dass wir operativ in der Lage sind, ab dem 1. Januar 2020 Artikel im Open Access-Modus zu veröffentlichen. Dazu benötigen wir einige Wochen Vorlauf, deshalb sollte der Zeitpunkt der Unterzeichnung etwa Mitte Oktober liegen, also um die Buchmesse herum.  

Wird man den Vertrag im Netz einsehen können?
Ja, der finale Vertrag wird auf der Webseite von Projekt DEAL veröffentlicht werden.

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