Belletristik erschließt Religion

Die Sinnfrage

Literatur und Religion sind eng verflochten: Viele Schriftsteller loten existenzielle Themen aus. LENA REICH

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Anthony McCarten

Anthony McCarten © privat

Trotz zunehmender Säkularisierung setzen sich zurzeit Schriftsteller verstärkt mit dem Thema Religion auseinander. Anthony McCarten ("Superhero") etwa hat mit der Erzählung "Der Papst" die Beziehung zwischen den Päpsten Benedikt XVI. und Franziskus teils biografisch, teils fiktional aufbereitet (Diogenes, September, 400 S., 24 Euro).

Olga Tokarczuk

Olga Tokarczuk © Jacek Kołodziejski

Die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk ("Unrast") wählt als Protagonisten für ihren neuen Roman den Anführer der religiösen Bewegung der Frankisten, Jakob Frank ("Die Jakobsbücher", Kampa, Oktober, 1.152 S., 32 Euro) – und porträtiert eine kontroverse historische Figur, die sich selbst als Messias verstand und sich neben ihrem religiösen Wirken auch politisch engagierte.

Sibylle Lewitscharoff

Sibylle Lewitscharoff © Jürgen Bauer

Sibylle Lewitscharoff thematisiert in ihrem Roman "Von oben" (Suhrkamp, September, 240 S., 24 Euro) mithilfe eines (nicht ganz) toten Protagonisten die Frage nach einem Leben nach dem Tod und damit ganz grundlegende Glaubensfragen wie die nach der Existenz eines Gottes oder dem Sinn des Lebens.

Rafik Schami

Rafik Schami © Arne Wesenberg

Und auch Rafik Schami setzt sich in "Die geheime Mission des Kardinals" (Hanser, 432 S., 26 Euro) mit verschiedenen Glaubensrichtungen auseinander. Die Figuren seiner Kriminalgeschichte gehören einer Vielzahl unterschiedlicher Religionen, Sekten, extremistischer Gruppen an; Glaube trifft auf Aberglauben und Fanatismus.

Jana Hensel

Jana Hensel © Milena Schlösser

Die Edition Chrismon hat es sich mit einer neuen Reihe sogar zum Ziel gemacht, Religion und Belletristik zu verknüpfen. Den Auftakt machte 2018 eine Weihnachtserzählung der Schriftstellerin Zsuzsa Bánk. Der religiöse Charakter des Genres Weihnachtsgeschichte werde dabei gewahrt, bekomme aber ein "modernes Gesicht", erklärt Johannes Popp von der Edition chrismon. Bánks "Weihnachtshaus" kam gut an: In kürzester Zeit wurden drei Auflagen verkauft, die vierte erscheint im Herbst, gefolgt vom diesjährigen Beitrag zur Reihe: Jana Hensels "Der Weihnachtsmann und ich" (September, 112 S., 12 Euro), "eine literarische Reise von der Jetztzeit zurück in die Weihnachtszeit vor und nach dem Mauerfall".

Dass sich die Literatur auch mit religiösen Fragen auseinandersetzt, hat Tradition, wie der Theologe und Religionspädagoge Hubertus Halbfas ausführt. Er widmet sich dieser besonderen Beziehung in seiner dreibändigen Textsammlung "Literatur und Religion. Ein Lesewerk". Die 906 Seiten umfassenden Bände "Das Christenhaus", "Das Menschenhaus" und "Das Welthaus", jetzt als als Paket für 68 Euro bei Patmos erschienen, versammeln laut Halbfas "literarische Anfragen an die Theologie, die auf eine Antwort drängen, wie sich das Christentum heute verstehen will".

Unterschiedlichste Texte (Auszüge aus Gedichten, Erzählungen, Essays) von überwiegend prominenten Autoren wie Platon, Sartre, Lindgren, Bachmann, Schiller und Oscar Wilde zeigen, dass Literatur von Beginn an ein großer Kritiker von Religion und Kirche war. Dabei geht es nicht nur um die Beziehung zwischen Literatur und Religion, sondern auch darum, ob Religion in der modernen Welt noch zeitgemäß ist. Ihren kritisch-profunden Charakter enthält die Sammlung durch Interpretationsansätze, Kommentare und Hintergrundinformationen zu den Autoren und der Entstehungszeit.

Für Halbfas ist die Sammlung ein dringliches Anliegen, denn "biblische und religiöse Kenntnisse sind insgesamt im Schwinden und führen zu einem Analphabetentum in Sachen Reli­gion, das auch ein humanes Defizit einschließt". Die Bände richten sich deshalb nicht ausschließlich an Leser mit Interesse an religiösen Themen oder religiösen Vorkenntnissen; Halbfas versteht sie vielmehr als "notwendiges Zubehör für alle, die sich mit dem Christentum in seinen unterschiedlichen Verstrickungen befassen: zustimmend, fragend, vermittelnd, zweifelnd, ablehnend".

McCarten, Lewitscharoff und Co. lassen sich in diesem Sinne als moderne Vertreter dieser literarischen Tradition sehen, die sich kritisch mit der Religion auseinandersetzt. Die neuen Bücher zeigen, dass die Faszination für den Themenkomplex Glauben aufseiten der Schriftsteller ungebrochen ist.

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