Interview mit Daniel Rettig über Wahrheiten und Mythen der Arbeitswelt

"Aufgeben wird unterschätzt"

Niemand wird Chef, nur weil er frühmorgens als Erster aufsteht – in seinem neuen Buch räumt der Journalist Daniel Rettig mit hartnäckigen Mythen der Arbeitswelt auf. MARCUS SCHUSTER

Daniel Rettig

Daniel Rettig © privat

In Ihrem Buch "Warum Perfektion sinnlos und an jedem Gerücht was dran ist" (Campus, 224 S., 16,95 Euro) präsentieren Sie "77 schonungslose ­Jobwahrheiten". Wie sind Sie auf das Thema gekommen?
Als ich Ressortleiter Erfolg bei der "Wirtschaftswoche" war, habe ich jahrelang Studien aus der Arbeitswelt gesammelt. ­Nachdem ich zum hundertsten Mal über den "Karriereturbo XY" geschrieben habe, fragte ich mich: Was sagt denn die ­Wissenschaft zu den einzelnen Mythen? Nach der Lektüre wusste ich: So manches Heilsversprechen von Berufsberatern, Keynote-­Speakern und Karriere-Coaches ist in der Praxis nicht haltbar.

Ein Beispiel?
Das ewige – sehr amerikanische – Gerede von der Leidenschaft im Job. Die Forschung zeigt: Es ist wichtiger, etwas gut zu können als es gern zu machen. Wenn Sie etwas gut können, werden Sie genug positives Feedback oder neue Kunden bekommen, um daraus Zufriedenheit zu ziehen. Wenn Sie hingegen etwas nur gern machen, es aber gar nicht können, werden Sie über kurz oder lang scheitern. Natürlich gibt es Gründergeschichten nach dem Motto "Ich habe nie aufgegeben". Aber 90 Prozent der Gründer, die ebenfalls nicht aufgeben wollten, sind trotzdem gescheitert, und diese Geschichten liest man nirgendwo.

Also lieber früher aufgeben als später?
Ja. Aufgeben wird unterschätzt. Nur weil man mit dem Kopf durch die Wand will, gibt der Beton nicht nach. Sich auf ein Ziel zu versteifen, kann sehr ungesund sein. Ich sage nicht: Gebt schnell auf! Aber wenn etwas nicht funktioniert, muss man sich davon trennen.

Im Buch schreiben Sie auch, dass Lügen am Arbeitsplatz das Ansehen steigern.
Es ist nicht von Vorteil, wenn alle in der Firma pausenlos ehrlich miteinander umgehen. Jeder spielt ein Stück weit eine Rolle: Vor allem Führungskräfte werden dafür bezahlt, den Betrieb zu organisieren, Kundenbeziehungen aufrechtzu­erhalten und ihre eigenen Leute zu motivieren. Dafür ist es nicht unbedingt notwendig, dass sie den Mitarbeitern immer die Wahrheit sagen. Manchmal ist es sogar schädlich. Experimente zeigen: Es ist den Leuten lieber, angelogen zu werden, wenn sie stattdessen fürsorglich behandelt werden. Nicht nur wegen dieser Erkenntnis wird mein Buch für Enttäuschung sorgen, aber in einem positiven Sinne. Eine Enttäuschung bedeutet ja immer das Ende einer Täuschung.

Wer das Buch gelesen hat, weiß zumindest: Disziplin, Pünktlichkeit, Gewissenhaftigkeit zahlen sich nicht immer aus.
So ist es leider. Nur weil eine bestimmte Korrelation in der Vergangenheit funktioniert hat – je durchsetzungsstärker, desto erfolgreicher –, lässt sie sich nicht zwangsweise wieder­holen. Apple-Chef Tim Cook zum Beispiel sagt, dass er jeden Tag um vier Uhr morgens aufsteht. Ist er Apple-Chef ­geworden, weil er so früh aufsteht? Vielleicht wäre er es auch geworden, wenn er um neun Uhr aufstehen würde. Zu sagen, dass man B bekommt, wenn man A tut, kann funktionieren, muss aber nicht. Natürlich kann man sich von Vorbildern inspirieren lassen. Ich rate jedoch, sich nicht auf etwas zu ver­steifen, sondern lieber ein gesundes Mittelmaß zu finden.

Daniel Rettig ist Redaktionsleiter der digitalen Bildungs­plattform "ada". Zuvor leitete er bei der "Wirtschaftswoche" das Ressort Erfolg. Er hat bereits einige Bücher veröffentlicht.

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