Interview mit Robert Duchstein von Reuffel über Veranstaltungsformate

Raum für Glücksgefühle

Die Koblenzer Buchhandlung Reuffel ist Vollprofi im literarischen Veranstaltungsgeschäft. Wie läuft das Programmrad möglichst reibungslos? Antworten von Geschäftsführer Robert Duchstein. INTERVIEW: SABINE CRONAU

Robert Duchstein

Robert Duchstein © Kai Myller

Lohnt sich der Aufwand für Aktionen und Veranstaltungen tatsächlich? Diese Frage ist im Buchhandel ab und an zu hören. Kommen Ihnen da manchmal ebenfalls Zweifel?
Würde es sich nicht lohnen, würden wir es nicht machen. Wir verstehen unser Veranstaltungsprogramm als Investment in die Kundenbindung, in unsere Reputation. Wir wollen unsere Buchhandels­kompetenz unter Beweis stellen – und die zeigt sich für mich nun mal auch in einem tollen Veranstaltungsprogramm.

Und abgesehen vom Image-Gewinn?
Das Veranstaltungsgeschäft ist für uns ein Umsatzträger, wenn auch ein kleiner im Vergleich zum Buchumsatz. Wir achten darauf, dass wir bei jeder Veranstaltung zumindest kostendeckend arbeiten, und halten auf einem Kalkulations-Sheet genau fest, was wir für Saalmiete, Technik, Autorenhonorar usw. ausgeben. Nur den Stundenlohn für unser Team berechnen wir nicht. Denn sonst stünde unter dem Strich ziemlich oft ein Minus. Generell geht es uns nicht um kurzfristige betriebswirtschaftliche Effekte, sondern um langfristige Erfolge: Wir wollen Kunden dauerhaft an uns binden. Und womit sollte das besser gelingen als mit hoch­karätigen Veranstaltungen, die Menschen mit einem Glücksgefühl nach Hause gehen lassen?

Von Autoren, die bei Ihnen lesen, verkaufen Sie aber zumindest mehr Bücher – oder etwa nicht?
Wenn es kein ganz unbekannter Autor ist, dann schlägt sich das natürlich im Buchverkauf nieder. Das ist aber immer auch eine Frage des Timings: Wenn der neue Thriller von Sebastian Fitzek schon seit zwei Monaten auf dem Markt ist, dann haben 90 Prozent seiner Lesungsgäste das Buch längst gekauft. Was im Umkehrschluss heißt: Je näher die Lesung am Erscheinungstermin des Titels liegt, umso besser läuft der Buchverkauf.

Wladimir Kaminer, Rafik Schami, Peter Wohlleben: Allein von Mitte September bis Ende November laden Sie zu 19 Lesungen ein. Wie stemmen Sie das?
Die Federführung liegt bei einem dreiköpfigen Kernteam im Stammhaus. Dazu gehören: Rainer Marquardt, der die Belletristik betreut, unsere Verkaufsleiterin Chantal Holzknecht und ich. Bei einem wöchentlichen Jour fixe stecken wir den Rahmen ab. Anregungen und Wünsche der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fließen mit ein. Die konkrete Vorbereitung der Veranstaltung vor Ort übernehmen dann die jeweiligen Teams in unseren vier Buchhandlungen: Sie holen die Autorinnen und Autoren vom Bahnhof ab, reservieren das Restaurant für das Essen danach, richten den Laden her, kümmern sich um den Ausschank. Unser Veranstaltungsprogramm ist Teamwork, alle engagieren sich. Sonst würde es nicht funktionieren.

Wie wickeln Sie den Ticketverkauf ab?
Wir verkaufen viele, viele Tickets – und ­haben uns deshalb mit Ticket regional einen Dienstleister als Partner gesucht. Gleichzeitig sind alle unsere Läden selbst Vorverkaufsstellen für Ticket regional. Man bekommt bei uns also auch Karten für andere Veranstaltungen in der Umgebung.

Könnten Sie sich das Geld für den externen Dienstleister nicht sparen?
Für mich ist diese Lösung absolut ­alternativlos. Früher haben wir Tickets in Eigenregie verkauft. Das hat immer zu ­Problemen geführt, weil wir in der Warenwirtschaft erst entsprechende Objekte anlegen mussten und Rückgaben nur schwer verbuchen konnten. Diesen Aufwand überlasse ich lieber jemandem, der das als Hauptgeschäft betreibt. Ticket regional hat ein dichtes Netz an Vorverkaufsstellen, auch im ländlichen Raum – und bietet neben dem Onlineshop einen Telefonservice an. Über Saalpläne kann man sogar den Sitzplatz buchen. Kurzum: Die Vorteile beim Handling sind enorm, für die Kunden wie für uns.

Für manche Lesungen rufen Sie bis zu 30 Euro auf. Wie können Sie solche Preise durchsetzen?
Manchmal denke ich: Die Karten sind noch zu günstig. Solche tollen Veranstaltungen müssen dem Publikum und uns einfach etwas wert sein. Gehen Sie mal ins Kino – mit Karte, Popcorn, Getränk sind Sie da schnell bei 20 Euro pro Kopf. Bei uns können die Zuschauer echten Menschen, großen Autoren begegnen, noch dazu in einem schönen Ambiente und bei ein, zwei kostenlosen Gläsern Wein. Das ist gutes Entertainment, und das hat seinen Preis.

Die meisten anderen Buchhandlungen verlangen deutlich weniger Geld …
Das ist in meinen Augen ein großer Fehler. Denn auch sie müssen die Hotelzimmer für die Autoren, die Getränke für die Gäste bezahlen. Kosten, die völlig unabhängig von der Größe der Buchhandlung sind. Viele Kolleginnen und Kollegen verkaufen sich hier aus meiner Sicht unter Wert.

Welche Veranstaltungsformate sind bei Ihnen besonders erfolgreich?
Ganz ehrlich: Wirklich spannend wird es immer dann, wenn ein Autor mit außer­gewöhnlicher Bühnenpräsenz zu Gast ist. Nehmen Sie zum Beispiel Arno Geiger, der im vergangenen Jahr aus seinem Roman "Unter der Drachenwand" bei uns gelesen hat. Wenn jemand so feinfühlig und klug vom Ende des Zweiten Weltkriegs, aus dem Soldatenleben und seiner eigenen Schreibwerkstatt erzählen kann, dann ist das immer ein besonderer Abend, völlig unabhängig von Formatfragen.

Bewährte oder neue Konzepte – was kommt beim Publikum besser an?
Der Mix macht den Reiz aus. Deshalb bieten wir nicht nur klassische Lesungen an. Im November findet zum Beispiel eine Weinverkostung mit einem jungen Winzerpaar von der Mosel statt. Gänsehautmomente verspricht ein Abend mit Eva Mattes Ende Oktober im Koblenzer Theater: Sie wird Texte und Lieder von Astrid Lindgren vortragen, begleitet von Akkordeon und Klavier.

Sie arbeiten viel mit dem Koblenzer Theater zusammen. Hat sich das bewährt, weil Sie die gleiche Zielgruppe haben: das Bildungsbürgertum?
Kooperationen sind für uns generell sehr wichtig, weil man die Lasten auf mehrere Schultern verteilen und die Aufmerksamkeit für eine Veranstaltung verstärken kann. Mit dem Koblenzer Theater verbindet uns eine ganz besondere Beziehung. Intendant Markus Dietze ist ein großer Literaturfan und dadurch seit Jahren ein Freund der Familie. Wir machen viele gemeinsame Veranstaltungen. Wenn bei uns fremd­sprachige Autoren lesen, dann übernehmen Schauspieler aus dem Ensemble beispielsweise den deutschen Part.

Wäre die Kooperation mit dem Theater auch eine Blaupause für andere?
Ich kann allen Kollegen im Buchhandel nur raten, sich mit ihren Kulturinstitu­tionen am Ort zusammenzutun: Wir ziehen schließlich am gleichen Strang! Es gibt aber auch tolle Partner aus anderen Branchen. Beispiel: Uns wurde 2018 für den 23. November eine Lesung mit Sebastian Fitzek angeboten, dummer­weise waren alle großen Säle in der Stadt genau an diesem Termin ausgebucht. Die Lösung für das Problem haben wir in einem Autohaus gefunden, das gerade einen schicken, futuristischen Verkaufsraum gebaut hatte. Also: Autos raus, Bühne und 450 Stühle rein. Der Abend war ausverkauft. Das hat mir gezeigt: Man muss einfach mal was Neues wagen.

Koblenz ist weit weg von München oder Berlin. Trotzdem kommen viele Stars der Literaturszene zu Ihnen. Wie schaffen Sie das?
Wir sind ständig im Austausch mit den Verlagen – und verabreden konkrete Termine auf der Frankfurter Buchmesse, um über die Programmplanung zu reden. Fest steht aber auch: Wer tolle Autoren haben will, muss im Gegenzug dafür sorgen, dass sie sich bei ihrer Lesung rundum wohlfühlen, von der Anreise bis zum Frühstück am nächsten Morgen. T. C. Boyle würde wohl nicht zu uns kommen, wenn der Hanser Verlag nicht genau wüsste, dass wir uns gut um ihn kümmern. Das ist immer ein Geben und Nehmen. Auch für den Verlag ist ein zufriedener Autor wichtig.

Würden Sie sich bei Lesungen manchmal mehr Unterstützung von den Verlagen wünschen, auch in finanzieller Hinsicht?
Wir fühlen uns von den Verlagen sehr gut unterstützt und betreut. Sie machen vieles möglich.

Im September starten Sie eine neue Reihe, die ziemlich großstädtisch klingt: Im Salon, Ihrem neuen Cafébereich mit Musikabteilung, sollen an jedem vierten Samstagnachmittag im Monat DJs auflegen. Muten Sie Ihren älteren Kunden damit nicht einiges zu?
Wenn da bärtige DJs mit Hipster-Dutt hinter dem Pult stehen, dann wird das den Klassikkunden, der eine Rachmaninov-Platte sucht, sicher nur bedingt begeistern. Aber das muss man eben aushalten – und den Kunden klarmachen: Heute gehört der Raum den jungen DJs, morgen vielleicht wieder dem Klassikfan. Ich glaube, dahinter verbirgt sich ein ganz grundsätzliches Thema: Der Buchhandel, der gesamte Einzelhandel wird mehr und mehr zu einem Raum, in dem Kunden nicht nur einkaufen, sondern eine gute Zeit haben möchten. Das gilt für Familien, die zu unserer Vorlesestunde kommen, genauso wie für den jungen Plattenfreak oder die Literaturliebhaberin. Dieser Wunsch nach einem attraktiven Ort, nach dem Gefühl »Hier bin ich richtig, hier fühle ich mich wohl«, der ist völlig unabhängig vom Alter. Wir als Händler müssen diesen Raum und diese Atmosphäre schaffen. Das ist unsere Aufgabe – und letztlich auch unsere Zukunft.

Ideenpool: Ein Blick ins Reuffel-Programm

Literatur live

Lesungen laufen bei Reuffel unter dem Motto "Literatur live". Allein von Mitte September bis Ende November stehen 19 Termine an, etwa mit Thomas Hettche und Eva Mattes. Viele Veranstaltungen sind schon ausverkauft. Bei den Koblenzer Literaturtagen "ganzOhr" im März und bei "Koblenz liest ein Buch" ist Reuffel Kooperationspartner.

VorleseStunde für Kids

"Wo die wilden Kinder lauschen": Unter dieser Überschrift lesen Buchhändlerinnen und Buchhändler an jedem Samstag um 10.30 Uhr in Koblenz und Montabaur aus Kinderbüchern vor. Bis zu 30 Kinder finden sich dann ein – während die Eltern im Koblenzer Stammhaus Cappuccino oder im Sommer Iced Latte trinken.

Virales Superbuch

Eine kleine Video-Serie liefert Stoff für den Facebook- und YouTube-Kanal der Buchhandlung. Das Team stellt dabei abwechselnd persönliche Lieblingsbücher vor – vom Kinder- und Jugendbuch bis zu Lesetipps für Erwachsene. Alle "Super­bücher" sind auch auf der Website als Empfehlungsliste zu finden.

Triff Deinen Buchhändler!

Ende 2017 hat Reuffel einen persönlichen Beratungsservice ins Leben gerufen: Kunden können vorab ein halbstündiges Gespräch mit einem Buchhändler ihrer Wahl vereinbaren. Dazu gibt es ein Getränk und viele gute Empfehlungen. Das Angebot ist kostenlos und wird vor allem im Herbst und Winter viel genutzt.

© Buchhandlung Reuffel

Ein Platz an der Sonne

Hinter der Scheibe liegt der "Reuffel-Salon", der neu gestaltete Cafébereich der Buchhandlung, mit Kaffeebar und Coworking-Plätzen. Draußen vor dem Fenster laden maßangefertigte Bänke zum Verweilen ein – für Kunden der Buchhandlung, aber auch für Passanten, die eine kleine Pause machen wollen.

Salonmusik mit DJ

Seit Anfang September legen DJs einmal im Monat samstags von 15 bis 18 Uhr im "Reuffel Salon" auf. Bei den Vinyl-Sessions kommen ganz unterschiedliche Musikrichtungen auf den Plattenteller, von Pop bis Electronica. Am 7. September stand Olek aus Koblenz hinter den Plattentellern, im Oktober kommt Koloman aus Frankfurt.

Ticketservice

Beim Kartenverkauf für alle Veranstaltungen arbeitet Reuffel mit dem Dienstleister Ticket regional zusammen. Es gibt ein dichtes Netz aus Verkaufsstellen, die Tickets können zudem online und telefonisch bestellt werden. Alle Reuffel-Buchhandlungen sind auch selbst Vorverkaufs­stellen für Ticket regional. Hier gibt es also auch Karten für andere Termine im Umland.

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1 Kommentar/e

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  • Ulrich Dombrowsky

    Ulrich Dombrowsky

    Teufel, Teufel - hin zu Reuffel! bleibt mir da nur bewundernd zu kalauern...

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