MARKT UND MACHT: Karin Schmidt-Friderichs sieht die Vielfalt in Gefahr

Wir müssen reden

Zurück von einer Vertriebstour für ihren Verlag, berichtet Karin Schmidt-Friderichs von Begegnungen mit vielen engagiert arbeitenden Buchhändlerinnen. Zugleich warnt sie: Diese Vielfalt ist in Gefahr!

Karin Schmidt-Friderichs

Karin Schmidt-Friderichs © Gaby Gerster

Ich komme gerade von einer Vertriebsreise zurück. Sie führte mich in einen Laden, der edle Papeterie und Schreibutensilien, ausgewählte Lederwaren und ein sorgsam kuratiertes Buchsortiment führt – und wegen Erfolgs gerade eine Dependance eröffnet. In ein Loft, in dem es Designerstücke, Taschen und Tücher, Kindermöbel gibt, dazwischen immer wieder Bücher, die der Besitzerin gefallen. Sie wählt streng aus. Kompromisslos. Einmal "in Love", verkauft sie von einem Titel locker 500 Stück in einer echten B-Lage. Ich war in kleinen Independent-Buchhandlungen und im 1-a-Laden einer großen Buchhandelskette. Ich sprach mit unterschiedlichsten Menschen, die eines verbindet: die Liebe zum Buch. Und sie lebten diese Liebe!

Selbst die stellvertretende Filialleiterin des Flagshipstores war frei in ihrem Einkaufsverhalten. Sie berichtete von Aktionen jenseits des Mainstreams, von Thementischen mit Trouvaillen und davon, dass ein Mitarbeiter ein weniger marktgängiges Buch "adoptiert" und hundertstückweise nachordert, weil seine Begeisterung ansteckt. Ich wurde interessiert empfangen, obwohl für einen kleinen Verlag unterwegs. Man widmete mir Zeit.

Sie denken jetzt, ich schreibe von der "guten alten Zeit". Und fast glaube ich das auch.

Nein, die Reise ist wenige Tage her. Es gibt sie noch, die Vielfalt, die Unabhängigkeit, die Bibliodiversität. Aber sie ist in Gefahr! Und wenn wir alle zusammen nicht möchten, dass der erste Absatz dieses Textes dereinst in ein von Amazon kostenlos verteiltes Märchenbuch einfließt, sondern gelebte Branchenrealität bleibt – und in weiten Teilen überhaupt erst wieder wird! –, dann müssen wir reden:

Wir müssen über das Buchpreisbindungsgesetz sprechen, dessen Kommentar gelb leuchtet, wenn Sie sich – wie ich – die Mühe machen, alle Passi zur Vielfalt zu markieren.

Wir könnten, um wach zu werden, eine Zukunft zeichnen, in der alle Independent-Buchläden aufgekauft wurden. Und uns fragen, ob wir das gewollt haben, als wir Verlage den Ketten Konditionen einräumten, die es ihnen im Schutz der Preisbindung ermöglichten, sich die im Konditionengefüge schwächer gestellten unabhängigen Buchhandlungen einzuverleiben, bis schließlich die unabhängigen Verlage überall ausgelistet wurden – und die Buchbranche ihre herausragende Stellung als Kulturwirtschaft verlor.

Wir können die Geschichte des Börsenvereins beleuchten und die Leistung, einen dreispartigen Verband fast zwei Jahrhunderte zusammenzuhalten – und den Fliehkräften und Partikularinteressen Verbundenheit entgegenzustellen. Wir könnten die Verkehrsordnung neu aushandeln (soweit das kartellrechtlich erlaubt ist) und dann einhalten.

Wir sollten uns fragen, ob Algorithmen und eingespartes Personal auf Dauer die richtige Beratung für orientierungslose Leser*innen sichern. Und ob Unabhängigkeit nicht auch heißt, die Meldenummer 17 im VLB zu hinterfragen.

Wir sollten Einigkeit darüber erzielen, dass Händler*innen eine Spanne zwischen Laden- und Bezugspreis brauchen, die es ihnen ermöglicht, Leser*innen Vielfalt zu bieten und (Einzel-)Wünsche zu erfüllen.

Dann sollte jede und jeder von uns mindestens eine Entscheidung treffen, die dazu beiträgt, dass wir dem Made-in-China-Einheitsbrei der die Innenstädte vermüllenden Modeindustrie auch in Zukunft die fluoreszierende Vielfalt an Geschichten und Denkanstößen entgegenstellen. Und dann sollten wir über Buchmomente und Buchbegeisterung reden.

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9 Kommentar/e

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  • Volker Oppmann

    Volker Oppmann

    Vielen lieben Dank für diesen Beitrag, der hoffentlich zu der längst überfälligen Diskussion über die Konditionen führt, die es – wie Sie sehr richtig beschreiben – größeren Händlern im Schatten der Buchpreisbindung ermöglichen, qua ihrer Einkaufsmacht Konditionen zu erlangen, mit denen keine unabhängige Buchhandlung mithalten kann. Hier findet genau das statt, was das Gesetz eigentlich verhindern sollte: Ein knallharter Verdrängungswettbewerb.

  • Volker Oppmann

    Volker Oppmann

    Ein Ansatz wäre z.B. das Verhältnis genau umzudrehen: also den kleinen Händlern besserer Bezugskonditionen zu gewähren als den Großen (insbesondere Online), da diese dank ihrer Skaleneffekte ohnehin bereits einen Wettbewerbsvorteil haben.
    Es gab da in der Getränkeindustrie mal ein tolles Beispiel, die genau das gemacht hatten – ich meine, es wäre fritz kola gewesen, bin mir aber nicht mehr sicher ...

  • Sigrun Hintzen

    Sigrun Hintzen

    Toller Artikel, vielen Dank dafür!

  • l

    l

    danke f. d. Hintergründe, sind auch bekannt, hier gut profiliert (f.)

  • Sabine van Endert

    Sabine van Endert

    Lieber Herr Oppmann, den von Ihnen erwähnten Ansatz verfolgt die Getränkemarke Premium - das Unternehmen setzt auf einen Anti-Mengenrabatt, um gezielt die kleinen Händler zu stärken. boersenblatt.net hatte dazu ein Interview mit Premium-Gründer Uwe Lübbermann: https://www.boersenblatt.net/2019-08-29-artikel-_w ir_wollen_einen_nachteilsausgleich_fuer_die_kleine n_-machtverh__ltnisse__teil_1__uwe_luebbermann_ueb er_den__anti-mengenrabatt__der_getraenkemarke_prem ium.1713390.html

  • Peter-Uwe Sperber

    Peter-Uwe Sperber

    Leider die volle Wahrheit, weil es in Verlagen "Entscheidungsträger" gibt, die nicht zwischen Umsatz und Gewinn, geschweige denn Reingewinn, unterscheiden können. Und kleine Päckchen für ihr Haus unzumutbar finden, allerdings dabei die dadurch zu erreichende Flächendeckung ignorieren. Schande oder Schade ? Entscheiden Sie lieber Leser.

  • Carmen-Francesca Banciu

    Carmen-Francesca Banciu

    Interessanter Artikel. Ja, ich als Autorin eines unabhängigen Verlags bin oft mit der Situation konfrontiert worden, dass fast nur große Ketten (Dussmann etc., ) die Bücher meines Verlags bereit sind zu bestellen. Und um Ihnen zu versichern, dass es hier nicht um Mangel an Qualität geht, möchte ich noch erwähnen, dass die Bücher beste Kritiken in den Medien bekommen hatten und eines für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde. Trotzdem weigern sich kleinere und mittlere Buchhandlungen oft die Bücher zu bestellen. Sie zwingen uns auf den Online Markt. Ich fände auch einen Anti-Mengenrabatt erstrebenswert. Man hat in Deutschland die neue Entwicklung der Buchbranche (E-Books, Independents, etc. ) seinerzeit verpasst. Man sollte auch nicht die Zukunft der Branche und ihre Vielfalt verschlafen. Ich hoffe auch auf mehr Solidarität von Buchhandel mit den kleineren und den unabhängigen Verlagen. Man soll nicht vergessen, wir sind alle aufeinander angewiesen. Und auch Kleinvieh macht jede Menge Mist.

  • Helmut Lang

    Helmut Lang

    Nur am Rande, der Plural von »Passus« lautet ebenfalls »Passus« (U-Deklination), nicht Passi.

  • Julia Loschelder

    Julia Loschelder

    Sehr spannende Einblicke, vielen Dank. Als kleiner unabhängiger Verlag wissen wir bei Komplett-Media natürlich genau, wovon Sie sprechen. Schön, dass Sie jetzt dem Börsenverein vorstehen, liebe Frau Schmidt-Friderichs.

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