Plädoyer für eine Rentenreform

Langsam ausschwingen

"Lasst uns länger arbeiten!", fordert Alexander Hagelüken. Mit seinem Buch skizziert er eine Rentenreform für Jung und Alt, die volkswirtschaftliche, demografische und menschliche Aspekte eines nicht mehr zeitgemäßen Systems korrigiert. MARCUS SCHUSTER

Immer mehr Menschen könnten und würden auch gern im Alter noch arbeiten. Doch sie werden von einem überholten Rentenmodell ausgebremst, das sie mit 65 aussortiert. Das kann sich Deutschland nicht mehr leisten, findet der "SZ"-Journalist Alexander Hagelüken. Denn einerseits schieben die bisherigen Gesetze scharenweise vitale und erfahrene Arbeitskräfte aufs Abstellgleis. Andererseits – und viel entscheidender – sorgt der immer spätere Berufseinstieg bei gleichzeitig steigender Lebenserwartung dafür, dass dieses System irgendwann finanziell implodiert.

"Mit dieser Logik können nur Altersbezüge herauskommen, vor denen sich die Bürger fürchten müssen", so Hagelüken. Und das tun vier von fünf Arbeitnehmern bereits, die fürs Rentenalter mit Armut und sozialem Abstieg rechnen.

"Lasst uns länger arbeiten!", lautet seine schlichte Forderung. Das ist nicht neu und politisch sehr umstritten. Doch die Lösungsvorschläge Hagelükens gleichnamigen Buchs, ausgewählt für die Shortlist des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises, sind freilich komplexer. Im Kern geht es ihm um eine faire Reform für alle. Wer über 65 hinaus weiterarbeiten wolle, dem solle dies problemlos ermöglicht werden. Wer früher aufhöre, könne dies mit Abschlägen tun. Und wer nicht mehr könne, solle sozial aufgefangen werden.

Im ersten Teil beschreibt Hagelüken die Entwicklungen in der Arbeitswelt, die überhaupt erst zu den neuen Fragestellungen geführt haben. Durch den technischen Fortschritt gibt es immer weniger Tätigkeiten, die den Arbeitnehmern körperlich alles abverlangen. Unter dieser Prämisse skizziert er die persönlichen Vorteile eines flexiblen Systems für die Betroffenen und damit die Auswirkungen auf die Gesellschaft an sich. "Wer im Beruf bleibt, bleibt fitter, empfindet mehr Sinn und erhält mehr Kontakte. Ein paar Jahre in Teilzeit auszuschwingen, tut Körper und Psyche besser" als ­abrupt aufzuhören.

Im zweiten Teil entwirft er in einem Sieben-Punkte-Plan konkrete Maßnahmen, wie die Reform gelingen könne. Denn "längeres Arbeiten ist kein neoliberales Ausbeutungsprogramm, wenn die Voraussetzungen stimmen". Der Reflex, über die Steuern zu gehen, verbietet sich für Hagelüken. Stattdessen müsse das Rentensystem aufhören, "gut versorgten ­Senioren Geschenke zu spendieren". Versicherungsfremde Leistungen wie die Mütterrente oder die Frührente mit 63 schwächten das System mehr, als sie den Betroffenen brächten. Bei allen Forderungen an die Politik verlangt er auch mehr Engagement und Know-how jedes Einzelnen bei der persönlichen finanziellen Vorsorge: Investments in Aktien, Immobilien, ja sogar in den Arbeitgeber – all das sei in anderen Ländern viel verbreiteter als in Deutschland, wo stattdessen mit Riester herumgemurkst werde.

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