Das Romance-Genre boomt

Herzschmerz, ausverkauft

Von den einen als Trash belächelt, von den anderen so geliebt, dass sie drei Tage auf der lit.Love in München schwelgen: Das Romance-Genre mag Gemüter spalten, aber die rosarote Welt von Liebe, Lust und Leidenschaft hat ihren Platz im Buchmarkt. MAREN BONACKER

© Robbiy / Photocase

"Mit Liebe gegen schlechte Laune anschreiben!" Das ist ein Motto Antje Szillats, die unter verschiedenen Pseudonymen und altersübergreifend romantische Literatur schreibt – in den unterschiedlichsten Kontexten: Romanze mit Thriller, Romanze mit Familiensaga, Romanze historisch. "Die Pseudonyme haben dabei gar nichts damit zu tun, dass ich nicht hinter dem Genre stehe", erklärt die Schriftstellerin, die auf Covern zum Beispiel als Anna Saalbach oder auch unter einem schwedischen Männernamen auftaucht. "Manchmal passt einfach ein erfundener Name besser zu einer bestimmten Art von Literatur – und dann denkt man sich einen aus."

Schaut man sich die vielen Romance-Titel im deutschsprachigen Buchmarkt an, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich viele Autorinnen und Autoren für ihre Tätigkeit ein klangvolles Pseudonym erdacht haben. Nicht wenige Namen klingen wie eine Besetzungsliste für die Romane selbst, sozusagen alles aus einem Guss. Diese trotz mancher Irrungen und Wirrungen über dem Text liegende Harmonie ist gefragt.

Lisa Keil etwa ist mit ihrem ersten Liebesroman "Bleib doch, wo ich bin" (S. Fischer) gleich auf der Bestsellerliste gelandet, 50.000 Exemplare gingen bislang weg. "Stimmig bis ins kleinste Detail, unglaublich witzig, sehr sexy und einfach Urlaub für die Seele", urteilte nicht nur Buchhändler und YEA-Award-Sieger Florian Valerius, und so wird ihr im März 2020 erscheinender zweiter Roman "Hin und nicht weg" schon als Spitzentitel auf den ersten Seiten der Taschenbuchvorschau gehypt. Von Paige Toons bislang zehn herzerwärmenden Romanzen haben sich mehr als 400.000 Exemplare verkauft, und generell lässt sich sagen: 20.000 bis 30.000 Stück sind bei den Romance-Bestsellerautorinnen schon drin.

Dass Romanzen nicht nur boomen, sondern auch altersübergreifend ein breites (überwiegend weibliches) Publikum ansprechen, zeigt auch ein Blick auf die Großveranstaltung lit.Love. Über 600 Teilnehmer*innen trafen Anfang November in München 20 Autor*innen in insgesamt 46 Veranstaltungen mit Lesungen, Workshops, einem Blick hinter die Kulisse und der Möglichkeit, den Schriftsteller*innen hier ganz nahe zu sein. Mit solchen Wochenenden wird nicht nur zum intensiven Lesen motiviert, sondern auch zum Schreiben, denn viele der anwesenden Romantikerinnen, die davon träumen, selbst einmal eine Geschichte zu Papier zu bringen, bekommen im Rahmen eines Schreibwettbewerbs auch die Gelegenheit dazu.

"Die lit.Love ist uns eine Herzensangelegenheit", meint Veranstalterin Astrid von Willmann, Presseleiterin für Blanvalet und cbj. Sie bereitet das Treffen mit 15 Mitarbeitern der Verlage Blanvalet, cbj, Diana, Der Hörverlag, Goldmann, Heyne, Heyne fliegt, Penguin und Random House Audio vor. Die Fotogalerie der Homepage und auf Facebook zeigt, dass die Vorbereitungsarbeit sich gelohnt hat: ein Deko-Traum in Koralle, Mint und Gold mit lauter glücklich strahlenden Besucher*innen. Solche Bilder wirken sich auf die Verkaufszahlen aus.

"Die Leser sind unglaublich engagiert und tauschen sich offline wie online rege mit uns und untereinander aus", berichtet auch Anne Rudolph, die bei Rowohlt für das Romance-Label KYSS ("Queen of Passions", "Kissing Lessons") verantwortliche Lektorin. "Romances werden überwiegend von jungen Frauen zwischen 20 und 45 gelesen, es ist eine gut informierte und gut vernetzte Zielgruppe, die viel liest und ausgesprochen buchhandelsaffin ist." Als sie vergangene Woche auf Instagram erstmals live das Programm vorstellte, haben 3.000 Nutzer das für 24 Stunden abrufbare Livestream-Video angesehen.
 
Während Kritiker schnöde die Monotonie des Genres bemängeln, wissen die Fans um den Facettenreichtum und die große Bandbreite an Themen. "Besonders Romanzen vor historischer Kulisse sind im Moment gefragt, meist von Leserinnen im etwas fortgeschrittenen Alter", gibt Mona Schicke von der Stadtbibliothek Wetzlar Auskunft. "Am häufigsten werden Geschichten um Hebammen ausgeliehen, aber auch Familiensagas sind sehr beliebt." Freundinnen medizinischer Themen lesen etwa aktuell Linda Winterbergs "Hebammen-Saga" (atb) oder die seit 2016 laufende "Nightingales"-Serie (Bastei Lübbe) von Donna Douglas. Der Einfluss erfolgreicher Netflix- und Amazon-Prime-Serien ist hier deutlich zu spüren.

Im Buchhandel ist man sich einig, dass die Romanzen nicht sonderlich beratungsintensiv sind. Der Klappentext ist selbsterklärend, Formulierungen wie "banges Erwarten", "sanftes Beben" und "Herzklopfen" gehen Hand in Hand. Sigrid Lemke von der Buchhandlung Christiansen in Hamburg sagt, dass immer mal »nach einer netten Liebesgeschichte« gefragt werde, mehr aber nicht; in der Bahnhofsbuchhandlung Schmitt & Hahn in Frankfurt hingegen werden Romances sehr stark nachgefragt, allerdings eher unter den Begriffen "historische Romane", "Erotik", "Fantasy Fiction" – "wir sortieren da sehr klassisch", erklärt Sortimenterin Stefanie Formella. Auf der Frankfurter Buchmesse wurde fast der gesamte Bestand an KYSS-Büchern verkauft, und in den Bestsellercharts finden sich jede Woche meist mehrere Romances auf der Paperbackliste.

Die romantischen Inhalte lassen auch die Verlagsmitarbeiter*innen nicht kalt. "Wir haben hier alle ein bisschen geweint", gibt Cajetan Hammerl von der Pressestelle der Edition a zu, wo vergangene Woche knallpink und mit einem Hauch Autobiografie Thomas Brezinas "Liebesbrief an Unbekannt" erschienen ist. Und das Publikum wartet darauf: Die Lesung mit Brezina in der Klagenfurter Buchhandlung Heyn am 4. Dezember ist restlos ausverkauft.

Bei Piper setzt man in der rosaroten Vorschau des neuen Heartbeats-Programms auf Sinnlichkeit. Liebe allein reicht da nicht aus, mit Kate Meaders "Love Recipes" kommen auch Gaumengenüsse ins Spiel. Ebenso setzt Persephone Haasis in ihrem Debüt "Ein Sommer voller Himbeereis" (Penguin) auf Liebe in Verbindung mit der Kunst des Eismachens. Dass ­leckere Köche und Rezepte nicht allen Ansprüchen genügen, wissen Leserinnen des 2007 ins Leben gerufenen LYX-Programms bei Bastei Lübbe, wo Erotik einen deutlich breiteren Raum einnimmt.  

Bei jüngeren Leser*nnen sind aktuell Romances angesagt, die sich mit phantastischen Themen verbinden. Für großes Aufsehen sorgt Lena Kiefer, die mit ihrem Romandebüt "Ophelia Scale" (cbj) nicht nur unter den Romance-Leser*innen viele Fans findet, sondern auch die Fantasyfans begeistert; auch Jennifer Benkaus "One True Queen" (Ravensburger) und Julia Dippels "Jenseits der Goldenen Brücke" (Planet!) erreichen ihre (nicht nur jugendlichen) Leser*innen über die Schienen Fantasy und Romance gleichermaßen.

Versucht man, aus all den verschiedenen Subgenres das große Erfolgsgeheimnis der Romance herauszulesen, dann ist es vermutlich das garantiert gute Ende nach allerlei dramatischen Hindernissen. Darauf kann sich der Leser verlassen. Wie es weitergeht? "Das Genre verändert sich stetig", meint KYSS-Lektorin Anne Rudolph. Die 2000er seien von Vampirromances geprägt gewesen, dann sei mit "Shades of Grey" die Erotic-Romance-Welle gekommen, "momentan liegen New-Adult-Romances, also Liebesgeschichten mit Protagonisten im College-Alter, voll im Trend. Mit einem Blick auf die Entwicklung in den USA wird sich das vermutlich über kurz oder lang hin zur RomCom verlagern: moderne, humorvolle Liebesgeschichten."

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