Interview mit Jo Lendle und Sortimenterumfrage zu Literaturauszeichnungen

Preiswürdig

579 Literaturpreise sind 2018 in Deutschland verliehen worden. Sind das zu viele? Wofür sind die Ehrungen gut? Und erfüllen sie ihre Aufgabe noch? Hanser-Verlager Jo Jendle erläutert im Interview seine Sichtweise; Buchhändler die ihre in einer kleinen Umfrage.       SABINE VAN ENDERT

Jo Lendle

Jo Lendle © Mathis Beutel

Gibt es zu viele Literaturpreise? Oder zu wenige?
Literaturpreise leisten zweierlei: Sie schenken Unterstützung und Aufmerksamkeit. Geld schadet beim Schreiben nie, Aufmerksamkeit dagegen verdünnt sich – wenn jeder mit einem Preis behängt ist, schaut keiner mehr hin. Aber davon sind wir weit entfernt. Daher: Nur zu, preist das Preiswürdige! Ganz allein schaffen es die sehr verehrten Kräfte des freien Markts dann ja doch nicht immer, das Gute, Wahre, Schöne ans Licht zu bringen.

Fehlt noch einer? Welchen Literaturpreis würden Sie sich noch wünschen?
Anspruchsvolle Ehrungen sind nie verkehrt. Es gibt viele renommierte Debütpreise, aber wer spendiert einen fürs schwierige zweite Buch? Etwas Eigenwille machte die Sache nicht teurer und gäbe all den regionalen Auszeichnungen Profil. Es gibt – zum Glück – den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor. Aber wer stiftet den Teutoburger Preis für traurige Literatur? Das sind Desiderate.

Wie viele Dankesreden haben Sie sich in Ihrem Verlegerleben schon angehört?
Hunderte. Darunter Sternstunden der Rhetorik, etwa bei der jährlichen Verleihung des Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Preises für Übersetzer. Wenn die ihren Auftritt haben, muss ich oft schlucken vor Freude, in einer so wortgewaltigen Branche zu wohnen.

Ist Ihnen daraus ein Satz, eine Formulierung in Erinnerung geblieben?
Zuletzt Saša Stanišićs Worte bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises, er habe sein Hiersein einer Wirklichkeit zu verdanken, die andere sich nicht angeeignet haben.

Zwischen Marketing und Mission: Welche Bedeutung haben Literaturpreise für Hanser?
Wir versuchen Bücher zu machen, die bleiben. Literaturpreise sind Stufen Richtung Ewigkeit. Große Worte, aber deshalb nicht weniger wahr.

Wer hat, dem wird gegeben …
Könnten die Preisjurys mutiger sein und nicht immer alle dieselben Autoren ⁄ Autorinnen auszeichnen?
Ja. Manchmal geschieht ja wirklich etwas – ein Buch blickt so unerhört auf die Welt, dass es ganz verdient im Preisregen nass wird. Das sind die Standing Ovations der Literaturpreise, und das sollte ebenso die Ausnahme bleiben. Viel zu oft aber gehen die Jurys einfach auf Nummer sicher und zeichnen aus, was im Nachbarstädtchen auch schon behängt wurde.

Welche drei Literaturpreise sollen 2020 unbedingt an Hanser-Autoren gehen?
Wenn unsere Branche ein Triple hätte, wären das: Nobel, Büchner, Aspekte. Da sagen Trainer nicht Nein.

Helfen Literaturpreise noch bei der Orientierung?
Antworten aus dem Buchhandel.

Lisa Isenmann

Lisa Isenmann © privat

Lisa Isenmann, Buchhandlung Henne, Aaalen: 
"Ich freue mich über jeden Buchpreis, der auf das Schreiben und Lesen aufmerksam macht. Eine Kundin hat über den Literaturnobelpreis Peter Handke 'entdeckt' und liest sich jetzt durch das komplette Werk. Sehr verkaufsfördernd ist bei uns der Schubartpreis, den die Stadt Aalen alle zwei Jahre vergibt"

Patrick Musial

Patrick Musial © Oliver Kleine

Patrick Musial, Buchhandlung Musial, Recklinghausen: 
"Ohne den Literatur­nobelpreis hätte ich 'Die Jakobsbücher' von Olga Tokarczuk möglicherweise nicht eingekauft – oder nur ein Alibi-Exemplar.  30 Exemplare hatten wir bestellt, über 20 sind verkauft. Es gibt ein Publikum dafür. Und 42 Euro sind ein toller Verkaufspreis!"

Monika Kempf

Monika Kempf © privat

Monika Kempf, Bücher Dörner, Wiesloch: 
"Saša Stanišić läuft in diesem Jahr gut, meist sind die Buchpreis-Gewinner nur etwas für Ich-hab-das-­Feuilleton-gelesen-und-verschenk-das-jetzt-Kunden. Unsere Stadt lobt einen Kunstpreis aus, der schon zwei Mal an Autoren gegangen ist. Diese Bücher verkaufe ich dann gut, aber auch nur bei Lesungen."

Lars Klinkenborg

Lars Klinkenborg © privat

Lars Klinkenborg, Buchhandlung Klinkenborg, Weener: 
"Longlist, Shortlist, Präsenta­tion im Fenster und prominent im Laden: Ich habe letztes Jahr mal experimentiert und die gesamte Buchpreiskampagne mitgemacht. Ergebnis: Ich habe den Gewinner verkauft, weil er auf der Bestsellerliste stand, der Rest ist fast komplett in der Remittendenwanne gelandet."

Martina Bergmann

Martina Bergmann © privat

Martina Bergmann, Buchhandlung Bergmann, Borgholzhausen:
"Literaturpreise finde ich persönlich sehr interessant, und ich freue mich für alle ausgezeichneten Autoren. Als Buchhändlerin bin ich unentschlossen. Preise helfen manchmal im Gespräch, aber sie machen ein Buch nur in sehr seltenen Fällen verkäuflicher."

Klaus Kowalke

Klaus Kowalke © Christoph Künne

Klaus Kowalke, Buchhandlung Lessing & Kompanie, Chemnitz: 
"Manche Literaturpreise sind hilfreich, manche nicht. Grundsätzlich: Die wichtigsten Auszeichnungen helfen sehr. Sie bieten Aufmerksamkeit und Orientierung. Unsere Kunden und Kundinnen lesen regel­mäßig die Feuilletons der großen Zeitungen und sind sehr gut informiert."

Eine Analyse und eine Preis-Übersicht (Auswahl) finden Sie in unserem aktuellen Thema der Woche in Börsenblatt 50 / 2019, das am 12. Dezember erschienen ist.

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