"Holzfällen" von Thomas Bernhard

Thomas Bernhards Ekel vor der "High Society"

Ein Fortsetzungsabdruck im Börsenblatt, der Sie inspirieren könnte: Wie wäre es mit einem Skandal-Bücher-Tisch in Ihrer Buchhandlung? Clemens Ottawa hat die öffentlichen Diskussionen von 61 "Skandalbüchern" nachgezeichnet, zehn daraus lesen Sie hier!

Bitte beachten Sie bei der Verwendung im Internet eine maximale Höhe von 250 Pixel bei 72 dpi, sodass die Aufnahmen nicht druckfähig herunterladbar sind.<br />
Bitte archivieren Sie das Foto nicht, da wir die Nutzungsrechte nur für einen begrenzten Zeitraum erworben haben. Eine Weitergabe an Dritte ist ausgeschlossen. Verweisen Sie bei Anfragen gerne an uns.<br />
Bitte verwenden Sie das Foto nicht in sozialen Netzwerken.

Thomas Bernhard © Andrej Reiser/Suhrkamp Verlag

Dass Thomas Bernhard (1931–1989) seinem Buch den Untertitel »Eine Erregung« gab, zeigt nur zu gut, dass er mit dem, was auf die Veröffentlichung folgen würde, sehr wohl gerechnet hatte. Bernhard war ein »Zündler«, einer, der den wohlkalkulierten Eklat, die berechenbare Kontroverse aus dem Effeff beherrschte.

In seinen frühen Romanen wie Frost (1963) erregte Bernhard noch Aufsehen und Missfallen beim österreichischen Lesepublikum, weil er die Klischees der »schönen, romantischen« Heimat zu brechen beabsichtigte, mit seinen späten Werken, allen voran Holzfällen und Auslöschung (1986), avancierte er regelrecht zum Skandalautor, weil er darin mit der von Katholizismus und Nationalsozialismus geprägten Nachkriegsgeschichte seines österreichischen Heimatlandes abrechnete. Das transportierte er auch in seinen Theaterstücken auf die Bühne. Der Theaterskandal um Heldenplatz (siehe folgendes Kapitel) ist legendär. Thomas Bernhard meinte einmal launig, dass er so viele Feinde hätte, wie »Österreich Einwohner«.

Und was war nun der genaue Stein des Anstoßes im Falle von Holzfällen? Geschildert wird in diesem Werk Bernhards eine Abendgesellschaft beim Künstlerehepaar Auersberger. Der Ich-Erzähler beobachtet vom Ohrensessel aus die Ankunft eines berühmten Burgtheaterschauspielers und reflektiert sein Verhältnis zu den Gästen der Abendgesellschaft, inklusive einstigen Freunden, denen gegenüber er nunmehr nichts als Ekel empfindet.

Nun muss man an dieser Stelle etwas ausholen. Als der österreichische Journalist Hans Haider von der österreichischen Tageszeitung Presse vorab ein Rezensionsexemplar zugeschickt bekam, erkannte er alsbald im unsympathisch und unvorteilhaft beschriebenen Künstlerehepaar Auersberger den Avantgarde- Komponisten und Lyriker Gerhard Lampersberg (1928–2002) und seine Frau Maja Lampersberg (geb. Weis-Ostborn) (1919– 2004). Lampersberg gehörte der Tonhof, ein herrschaftlicher Gutshof im kärntnerischen Ort Maria Saal, in dem sich die Avantgarde-Szene Österreichs die Türklinke in die Hand gab. Alle namhaften Künstler und Künstlerinnen der Zeit waren mindestens einmal im Tonhof zu Gast gewesen. Hans Haider unterrichtete Lampersberg von dem Buch und riet ihm zu einer Klage wegen übler Nachrede und Rufmord, ein Rat, dem dieser auch nachkam. Edwin Morent, der Anwalt des Klägers setzte einen Brief an Siegfried Unseld vom Suhrkamp-Verlag auf, in dem er um »Verzögerung der Auslieferung« des Buches bat. Allerdings war das unmöglich, denn der Brief wurde am 20. August 1984 in Wien abgeschickt, die Veröffentlichung des Romans war für den 21. August in Frankfurt vorgesehen. So rasch konnte der Postweg gar nicht sein, schon gar nicht, wenn es um die österreichische und deutsche Post ging, weshalb das Buch erschien und Lampersbergs Anwalt sogleich am Wiener Landesgericht eine einstweilige Verfügung erwirken wollte. Der Grund: »Die Formulierungen im Roman, die auf die Person des Antragstellers und seine Frau hinweisen, sind geeignet, die Person des Antragstellers und seiner Frau herabzusetzen«, wie es im Schreiben des Anwalts hieß.

Diese (ungewollte) Werbung für das Buch war dem Suhrkamp- Verlag ganz recht. Binnen einer Woche waren 30.000 Exemplare verkauft, dann kam es tatsächlich zu einem Auslieferungsverbot, das jedoch nur den österreichischen Raum betraf, Lampersberg dürfte es nicht in den Sinn gekommen sein, den Roman im gesamten deutschsprachigen Raum zu verhindern.

In einem Interview mit Jean-Louis de Ramures am 2. Februar 1985 beklagte Thomas Bernhard, dass man sein Buch zu Unrecht kritisiere. Zudem sehe er die juristischen Sanktionen als eine von seinen Feinden gelenkte Aktion an: »Das Verbot wurde von einem Richter ausgesprochen, der nur eine Stunde Zeit hatte, um den Roman zu lesen. Die Polizei ist in jede Buchhandlung gekommen, um jedes Exemplar zu beschlagnahmen. In zwei Wochen habe ich vierzehn Vorladungen bekommen.«

Auch über den Verkaufserfolg seines Skandalbuches war er wenig erfreut: »Man hat mein Buch gekauft, weil man sich erwartet hat, darin skandalöse Enthüllungen zu finden, wobei es sich nur um ein paar harmlose Namen gehandelt hat, von denen solche Leser wahrscheinlich noch nie gehört haben. (…) Ich bin kein Skandalautor.« Zum ersten Verhandlungstag im November 1984 erschienen weder Lampersberg noch Bernhard, einzig der Journalist Hans Haider las dem Gericht kompromittierende Passagen vor, dann wurde der Prozess vertagt. Ab 7. Februar 1985 führte der Komponist Gerhard Lampersberg dann also persönlich anwesend gegen Thomas Bernhard und dessen Buch Holzfällen einen Prozess wegen Ehrbeleidigung. Die Öffentlichkeit meinte zu diesem Zeitpunkt schon lange, dass die Reaktion Lampersbergs vollkommen übertrieben sei. Man einigte sich schließlich außergerichtlich, und das Buch, das zuvor beschlagnahmt worden war, wurde wieder ausgeliefert. Das Ganze geriet nun zu einem der größten Literaturskandale in Österreich nach 1945: Am 21. September 1985 äußerte sich der österreichische Unterrichtsminister Herbert Moritz über den Autor, indem er meinte, Bernhard »werde immer mehr zu einem Thema für die Wissenschaft, womit nicht allein die Literaturwissenschaft gemeint sei«. Die Interessensgemeinschaft österreichischer Autoren sah darin eine versteckte Kritik auf den psychischen Zustand des Autors. Übrigens versteckten sich hinter allen Figuren des Buches Holzfällen reale Vorbilder (Ernst Jandl, Friederike Mayröcker, Jeannie Ebner, Walter Reyer), die man mit etwas Vorwissen auch erkennen konnte – keine/r von ihnen kam jedoch auf die Idee zu klagen. Die »Kunst ist ja bekanntlich eine Tochter der Freiheit«, wie schon Schiller sagte.

Literarisches Genre: Roman (1985)
Herkunftsland: Österreich

Dieser Text stammt aus dem Buch "Skandal. Die provokantesten Bücher der Literaturgeschichte! von Clemens Ottawa. 

Hier gehts zur Übersicht...

Schlagworte:

0 Kommentar/e

Diskutieren Sie mit ...

  • Informationen zum Kommentieren

    Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

  • Mein Kommentar

    Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

    Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

    (E-Mail wird nicht veröffentlicht)
    CAPTCHA image
    Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination.

    * Pflichtfeld