Interview mit Managementberater Colin Lovrinovic

KI als Problemlöser

Ob Marketing oder Logistik: Künstliche Intelligenz, kurz KI, hilft Firmen schon heute dabei, konkrete Aufgaben schnell und elegant zu erledigen. Was kann die junge Technologie für die Buchbranche tun? Börsenblatt-Redakteur Michael Roesler-Graichen hat darüber mit dem Managementberater Colin Lovrinovic gesprochen.  

Ist überall, wo KI draufsteht, auch KI drin?
Künstliche Intelligenz ist ein Buzzword, und überall dort, wo es Buzzwords gibt, hängen sich Leute an den Hype dran und versuchen, ihn für sich zu nutzen. Erschwerend kommt hinzu, dass es keine allgemeingültige Definition gibt. Vor der Frage, ob KI in einer Anwendung enthalten ist, müsste man also erst die Frage klären, was KI ist. Meist wird zwischen einer "starken" und einer "schwachen" KI unterschieden. Die meisten Menschen stellen sich eine "starke" KI vor, wenn sie den Begriff zum ersten Mal hören. Und damit meinen sie den Supercomputer, der intelligenter als Menschen ist und die Welt entweder ins Chaos stürzt oder ins Paradies führt. Davon sind wir weit entfernt, wir haben es immer mit "schwacher" KI zu tun – mit Experten (oder nützlichen Idioten), die immer eine konkrete Aufgabe lösen können. Zudem gibt es auch Anwendungen, die mit KI werben, aber gar keine enthalten.

Was versteht man im Kontext von KI unter dem Begriff "Machine Learning"?
Das ist ein Teil der Definition von KI: die Fähigkeit einer Maschine, selbstständig zu lernen und sich Wissen anzueignen, natürlich immer nach vorheriger Anleitung, was sie tun soll. Mit der Zeit verbessert die Maschine ihre Ergebnisse. In den letzten zehn Jahren ist der Machine-Learning-Aspekt deutlich in den Vordergrund gerückt, weil wir inzwischen über Rechnerkapazitäten verfügen, mit denen man solche Lernprozesse beschleunigen kann. Damit eine Software aus einer Masse von Bilddaten eine konkrete Figur, beispielsweise eine Katze, herausfiltern kann, muss eine ungeheuer große Zahl an Lernschleifen durchlaufen werden.
 
Könnte KI eines Tages Autoren ersetzen?
Belletristikautoren wird man meiner Meinung nach in naher Zukunft nicht ersetzen können, bei Sachbüchern würde ich die Einschränkung machen, dass einzelne Bestandteile – gerade wenn ein Thema sehr faktenorientiert ist – automatisiert erstellt werden könnten. Das setzt aber voraus, dass eine ausreichende Datengrundlage vorhanden ist. KI eignet sich perfekt für klar umrissene, mathematische Fragestellungen, beispielsweise bei einem Schachcomputer. Texte zu verstehen, ist eine Herausforderung, aber sinnvolle Texte zu erstellen, die auch Emotionen hervorrufen können, wird in naher Zukunft nicht möglich sein.

Ist es ein realistisches Szenario, dass Zeitungen oder News-Websites von KI-Anwendungen generiert werden?
Es gibt bereits entsprechende Anwendungen, und vom Axel Springer Verlag ist bekannt, dass dort schon mehrere Tausend Artikel auf der Basis von KI erstellt wurden. Das sind bislang Artikel, die ausschließlich auf daten- und zahlenbasierten Ereignissen fußen – Sportergebnisse oder Wahlergebnisse. Alles, was man mit Text anreichern kann. Das wird mit Sicherheit ausgebaut. Wenn es darum geht, komplexe weltpolitische Zusammenhänge zu erfassen, einzuordnen und zu kommentieren, dann ähnelt diese Tätigkeit dem Verfassen eines Buchs. Das kann KI in absehbarer Zeit nicht leisten. Sie eignet sich eher dafür, Textvorschläge zu machen, beispielsweise für mehr­sprachige Webseiten.

In welchen Verlagsbereichen könnte man künstliche Intelligenz einsetzen?
Für eine Studie über künstliche Intelligenz im Verlagsbereich haben wir 300 Entscheider befragt. Sie sind sich ziemlich einig darin, dass man künstliche Intelligenz in den Randbereichen des Verlagsgeschäfts einsetzen kann, zum Beispiel im Marketing, im Vertrieb oder in der Produktion – überall dort, wo man es mit dem fertigen Manuskript zu tun hat. Das kommt dann auch wieder dem Kerngeschäft zugute. Mir sind eine Reihe von Anwendungen bekannt, auch aus anderen Branchen. Von denen kann man sich einiges abschauen.

Kann eine Manuskriptanalyse ­beispielsweise Lektoratsleistungen überflüssig machen?
Da bin ich ein wenig skeptisch, weil hier Faktoren ins Spiel kommen, die für KI-Anwendungen ungeeignet sind – weil sie nicht genau umrissen oder quantifizierbar sind. Inhaltlich zu bewerten, wie beliebt ein Buch sein wird, ist zumindest schwierig. Mehr Chancen sehe ich darin, quantitative Zahlen auszuwerten, zum Beispiel, welcher Autor eines Verlags in einer bestimmten Zielgruppe besonders gut funktioniert und welche Schlüsse man dann hinsichtlich der Vermarktung daraus ziehen kann. Wir arbeiten derzeit in einem Pilotprojekt mit einem Verlag zusammen, um eine genauere Ziel­gruppenansprache zu entwickeln.

Wie kann man KI sinnvoll in Marketing und Vertrieb einsetzen?
Beispielsweise, indem man das Marketing automatisiert, eine konstante Anpassung an die Zielgruppe oder eine dynamische Preisgestaltung vornimmt. Auch Chatbots werden eingesetzt. Ein interessantes Beispiel sind automatisierte Werbeinhalte, die der Vertriebsdienstleister Bookwire in E-Books einblendet. Diese Werbeformate werden von einer künstlichen Intelligenz ausgewählt.

Könnte KI einen sinnvollen Beitrag für die Buchlogistik leisten?
Definitiv. Aus anderen Branchen gibt es Beispiele für Nachfragevorhersagen oder für eine optimierte Routenplanung. Da könnte man an verschiedenen Punkten ansetzen.

Ließe sich so zum Beispiel durch einen Bestell-Algorithmus die Remissionsquote im Buchhandel senken?
Vorausgesetzt, man hat die richtigen Datengrundlagen, sehe ich auch da Potenzial, das zu lösen. Wir haben in einer anderen Branche an einem vergleichbaren Problem gearbeitet. Von Amazon ist das Beispiel bekannt, Artikel einzulagern, die wahrscheinlich bald nachgefragt werden. In Buchhandlungen könnte man Prognosen erstellen, ob ein Buch 100-mal oder eher 200-mal bestellt werden muss – vorausgesetzt, man hat die relevanten Daten.

Ist KI ein Jobkiller?
Die Arbeitswelt wandelt sich konstant, deshalb verändern sich auch die Anforderungen an das Personal. Die aktuelle Entwicklung wird natürlich die Job­profile beeinflussen. Je nachdem, in welchem Bereich man arbeitet, wird sich  die Arbeit mehr oder weniger ver­ändern. Es werden qualifizierte und kreative Jobs hinzukommen, etwa auf der Entwicklerseite, während auf der anderen Seite monotone Tätigkeiten wegfallen werden.

Colin Lovrinovic

Colin Lovrinovic © John M. John

Colin Lovrinovic ist Geschäftsführer der Managementberatung Gould Finch in Hamburg. Auf der Tagung der IG Belletristik und Sachbuch am 23. Januar wird Lovrinovic eine Keynote zum Thema künstliche Intelligenz halten. Gemeinsam mit Holger Volland (Frankfurter Buchmesse) hat er das White Paper "The Future Impact of Artificial Intelligence on the Publishing Industry" verfasst.

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