Jahrestagung der IG Belletristik und Sachbuch: Auftakt und neuer Sprecherkreis

Buchbegeisterung weitertragen

Zu Beginn ihrer Jahrestagung standen die Zeichen für die Belletristik- und Sachbuchverlage auf Veränderung: Neue Wege zu Leser*innen und Käufer*innen, neue Herausforderungen in der politischen Interessenvertretung, aber auch neue Köpfe im Sprecherkreis der IG. TORSTEN CASIMIR

Jahresauftakt der Branche: Die IG BellSa trifft sich in München. Börsenvereins-Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis begrüßt die Gäste

Jahresauftakt der Branche: Die IG BellSa trifft sich in München. Börsenvereins-Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis begrüßt die Gäste © Sabine van Endert

Zunächst begrüßte die knapp 200 Teilnehmenden im Münchner Literaturhaus der seit vier Jahren amtierende Sprecherkreis. Annette Beetz (The Makings) wies auf einen schönen Kalenderzufall hin: Dieser 23. Januar sei der "Tag der Handschrift", eine Erinnerung an ein "schützenswertes Kulturgut", dem sich auch die Buchbranche verbunden fühle 

Felicitas von Lovenberg (Piper) blickte auf ihre vier Jahre im Sprecherkreis, die just in dem Moment begannen, als die vormalige "AG Pub" sich umbenannte und erweiterte zur Interessengruppe Belletristik und Sachbuch (IG BellSa) – eine Zeit, die ihr sehr geholfen habe, besser zu verstehen, was die Buchbranche beschäftigt. Ein aus Lovenbergs Sicht überragendes Thema dieser Jahre: die Studie "Quo vadis" – der Bewusstseinswandel hin zu einer Branche, die sich ausrichte hin zum Leser und zum Käufer. "Das wird uns auch weiterhin beschäftigen." Zweiter Akzent: "Wir haben uns bemüht, die IG BellSa zu öffnen auch für den Handel."  

Der neue Sprecherkreis: Jonathan Beck, Constanze Neumann, Andreas Rötzer (von links)

Der neue Sprecherkreis: Jonathan Beck, Constanze Neumann, Andreas Rötzer (von links) © Yves Krier

Der Dritte im Bunde der IG-Sprecher immerhin sorgt für Kontinuität: Andreas Rötzer (Matthes und Seitz Berlin), der sich auf die Zusammenarbeit mit den künftigen beiden Ko-Sprechern Jonathan Beck (C.H. Beck) und Constanze Neumann (Aufbau) freut. "Wir sind eine wunderbare Branche, die stolz darauf sein kann, Bücher zu machen." 

Nachdenkliches Grußwort von Karin Schmidt-Friderichs

Karin Schmidt-Friderichs

Karin Schmidt-Friderichs © Sabine van Endert

Mit Spannung erwartet und langem Applaus bedacht, richtete die neu gewählte Vorsteherin des Börsenvereins, Karin Schmidt-Friderichs ein nachdenkliches Grußwort an ihre versammelten Verlagskolleg*innen. Sie begann mit einem Gedankenexperiment, das sich rasch als produktive Verunsicherung erweisen sollte: "Was wäre, wenn wir alle immer nur Jahresverträge hätten?" Eine Frage, die Fragen produziert und Antworten herausfordert – etwa zu Aspekten der inneren Haltung, der Mitarbeiterführung, der Nähe von Verlagen und Buchhandlungen zu Leser*innen und Käufer*innen von Büchern, zur Bedeutung der Vielfalt in Strukturen und Produkten. In dieser Perspektive einer regelmäßigen Selbstbefragung wäre, so Schmidt-Friderichs, ein Jahreswechsel dann "nicht mehr nur die Zeit der Inventur der Waren, sondern vielmehr eine Zeit der Inventur des Wissens, des Wesens und der Werte". Ihre Rede im Wortlaut

Lagebericht von Alexander Skipis: Vom Postgesetz bis zum Urheberrecht

Alexander Skipis

Alexander Skipis © Sabine van Endert

Alexander Skipis gab zunächst einen Rückblick auf die Erfolge der politischen Arbeit im vergangenen Jahr. Der Hauptgeschäftsführer der Börsenvereins, der die Tagung der IG BellSa ausrichtet, erwähnte insbesondere die Durchsetzung des verminderten Mehrwertsteuersatzes auf elektronische Publikationen. Auch das Postgesetz sei – zu recht – in den Fokus der politischen Aufmerksamkeit gerückt; es müsse eine Lösung geschaffen werden, die einen vollwertigen Ersatz für die abgeschaffte Büchersendung (nach alten Konditionen) biete. "Ich denke, wir sind da auf einem guten Weg."  

Ein anderes Thema stellt die politische Interessenvertretung der Buchbranche nach Einschätzung von Skipis vor eine große Aufgabe: Ein Diskussionsentwurf des Justizministeriums zur Regelung der Verlegerbeteiligung bei den Verwertungsgesellschaften liege vor. Der enthalte jedoch eine Vorschrift, die, so Skipis, "eigentlich nicht geht": dass den Autoren mindestens zwei Drittel der Ausschüttungen zustehen sollen. Ein strategisch wichtiges Vorhaben im noch jungen Jahr 2020: der Einsatz für eine konsistente Literaturpolitik, die konzeptionell hinausreicht über die bisher eher punktuell angelegten Förderungen in Form von Verlags- und Buchhandlungspreisen.  

Zu einer "möglichen Schicksalsfrage der Branche" entwickelt sich nach Einschätzung des Hauptgeschäftsführers das Urheberrecht. "Wir haben in den vergangenen Jahren auf diesem Gebiet ausschließlich Abwehrschlachten geführt." Wesentlich zu begreifen sei jedoch eine gesellschaftliche Veränderung. Es gebe völlig neue Ansprüche an sofortige Verfügbarkeit, an unentgeltliche Zugänge, an Transparenz. "Diesen Veränderungen können wir in Zukunft nicht mehr allein auf der Ebene von Kommunikation begegnen." Die Politikergeneration, die jetzt Entscheidungen treffe und Gesetze verabschiede, verändere sich dramatisch. "Wir müssen uns die Frage stellen: Brauchen wir Verlage ein eigenes Recht, oder kommen wir weiter mit einem bloß abgeleiteten Autorenrecht hin. Wir müssen dieses Jahr entscheiden, ob wir ein Verlegerrecht fordern und damit in die politischen Gespräche gehen wollen." Nicht-Entscheidung würde ein "Weiterdümpeln" in dieser Frage bedeuten. 

"Wir verkaufen Reisen der Fantasie"

Abschließend formulierte Skipis eine vehemente Aufforderung an das Verlegerpublikum. "Wir verkaufen keine Bücher. Wir verkaufen Reisen der Fantasie in Universen, wir verkaufen Geschichten und Emotionen" – so wie beispielsweise Ikea laut einer Markenstrategin des Möbelhauses "keine Küchen verkauft, sondern das Abendessen mit Freunden." In den wirtschaftlichen Zahlen des vergangenen Jahres erkennt Skipis nur wenig Beruhigendes. "Immerhin ein Umsatzwachstum – à la bonne heure! Aber: Ein bloßes Weiter-so ist keine Option. Wir brauchen eine Entwicklung, insbesondere bei den Absatzzahlen, die wieder rückläufig waren." Die Erkenntnisse der "Quo vadis"-Studie könne dabei einen Weg weisen zu "einer gemeinsamen Anstrengung und einem strategischen Dachkonzept, um unsere Begeisterung für Bücher noch wirksamer in die Gesellschaft zu tragen". 

© Sabine van Endert

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1 Kommentar/e

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  • Rainer Dresen

    Rainer Dresen

    Der  Börsenverein hat auf der IG BellSa bei der Frage, ob die Verlage bei ihren Bestrebungen um die Wieder-Beteiligung an VG Wort-Ausschüttungen endlich selbstbewusst ein eigenes Verlegerrecht fordern sollen, einen lupenreinen Spagat hingelegt. Hauptgeschäftsführer Skipis erklärte, freilich ohne die eigentlichen langjährigen Protagonisten dieser Idee zu nennen, nämlich avj, VBM, Klett und Random House: „Wir müssen uns die Frage stellen: Brauchen wir Verlage ein eigenes Recht, oder kommen wir weiter mit einem bloß abgeleiteten Autorenrecht hin. Wir müssen dieses Jahr entscheiden, ob wir ein Verlegerrecht fordern und damit in die politischen Gespräche gehen wollen. Nicht-Entscheidung würde ein "Weiterdümpeln" in dieser Frage bedeuten“. Börsenvereins-Justitiar Sprang hingegen machte deutlich, dass er weiterhin eher wenig von dieser nun erstmals auch von seinem Chef Skipis propagierten Idee hält. In seinem Vortrag zum aktuell vorgelegten Diskussionsentwurf des Justizministeriums zeigte er zwar die dort enthaltenen eklatanten Mängel des Vorschlages zur Neuregelung der Verlegerbeteiligung auf (Opt-out-Recht für Autoren im Verlagsvertrag, Begrenzung auf höchstens ein Drittel des Autorenanteils). Er ließ aber klar erkennen, dass für ihn gleichwohl ein Umschwenken auf ein Verlegerrecht als Grundlage für Verlags-Ausschüttungen weiterhin nicht in Frage komme. So bleibt festzuhalten, dass Herr Skipis bei der Suche nach Verantwortlichen für ein „Weiterdümpeln“, aber womöglich auch für einen endgültigen Schiffbruch, nicht lange wird suchen müssen. Er wird die Insel der Seligen in der Braubachstraße dafür wohl nicht verlassen müssen.

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