Karin Schmidt-Friderichs zur Corona-Krise

"Ihre Sorgen sind unser Taktgeber"

Mit sehr persönlichen Worten richtet sich Karin Schmidt-Friderichs, die Vorsteherin des Börsenvereins, an ihre Kollegen und Kolleginnen in Buchhandlungen, Verlagen und im Zwischenbuchhandel. Ihre Botschaft: Alle arbeiten auf Hochtouren an Hilfsangeboten in der Corona-Krise. Aber dramatische Situationen wie diese kennen nun einmal keinen Masterplan.

Karin Schmidt-Friderichs

Karin Schmidt-Friderichs © Rainer Rüffer

Liebe Buchhändler*innen, die Sie sich auf die Schließung Ihrer Läden vorbereiten müssen, liebe Verleger*innen, die Sie Stornierungen aus dem Handel bearbeiten und damit aus dem Homeoffice Minusumsätze verwalten, während Sie Ihre Quartalszahlen der Bank lieber nicht senden wollen, liebe Zwischenbuchhändler*innen und Auslieferer, die Sie Notfallpläne schmieden, wie Sie vor Ort aktions- und auslieferfähig bleiben, während andere ins Homeoffice gehen,

Ich weiß nicht wirklich, was ich Ihnen sagen kann. Ich hätte gern das Rettungspaket, die Hilfsmaßnahme, die Ausnahmeregelung. Ich habe sie nicht. Die Telefone glühen, die Videokonferenzen brechen zusammen, die Politiker hören allenfalls zu, keine und keiner legt sich fest. Und Sie warten auf eine klare Ansage. Zurecht. Und irgendwie vergeblich.

Was tun wir? Was tut Ihr Verband? Und wie geht es weiter?

Wir tragen Tipps und aktuelle Informationen zusammen (alles auf boersenverein.de und im täglichen Börsenblatt-Newsletter) und telefonieren uns die Ohren ab. Wir bringen die Belange der Branche in die Hinterköpfe der Entscheider, die ihrerseits gerade mit der Gesamtsituation überfordert sind.

Wir sprechen viel und über Sparten und Unternehmensgrößen hinweg. Das klingt nach wenig, ist es aber nicht. Wir hören hin und hören zu. Das rettet Sie noch nicht, aber es bildet die Grundlage für Entscheidungen.

Dieses Virus zwingt uns in einen Ausnahmezustand, in dem wir uns die Figuren aus dem Büchern wünschen, die uns verbinden: wahre Helden.

Dieses Virus treibt uns vor sich her. Nicht als Helden, sondern als Besorgte.

Ich würde Ihnen gerne von gut ausgestatteten Rettungsfonds berichten – und kann das nicht. Ich würde Ihnen gerne von der Erkenntnis der Politik berichten, wie relevant Bücher gerade in Zeiten von Schulausfall und Einsamkeit sind. Ich würde Ihnen gerne Lösungen präsentieren.

Das Einzige, was ich Ihnen versprechen kann und verspreche: Wir sind ununterbrochen im Austausch, wir evaluieren Chancen und Risiken. Wir stellen alles online, wir sind für Sie da. Ihre Fragen, Ihre Sorgen sind unser Taktgeber in diesen Tagen. Ihre Kreativität und Ihr Engagement ist das beste Branchenmarketing, das wir derzeit haben können. Dennoch unterstützen wir Sie im stay-alive-Marketing und werben für Buchmomente und Literaturpräsenz in den Medien.

Liebe Verleger*innen, überlegen Sie, wie und wo Sie Ihren Handelspartner*innen und Ihren Autor*innen trotz Ihrer eigenen Probleme entgegenkommen können.

Liebe Händler*innen, liefern Sie irgendwie an Ihre Kund*innen, so lange das geht.

Liebe Auslieferer, danke, dass Sie noch Bücher auf Reisen schicken, Sie werden mit offenen Armen und sehnsüchtig erwartet.

Liebe Leserinnen und Leser, Sie haben in den nächsten Wochen viel mehr Zeit zu lesen. Fast alle Buchhandlungen bieten Ihnen perfekte Onlineshops, nutzen Sie die! Vielleicht ist es ein Klick mehr, so viel Zeit haben Sie. Jetzt erst recht. Ihre Buchhandlung ist mehr als nur ein Laden, sie ist Kulturtreff und Begegungsstätte. Vielleicht fällt das jetzt, wo sie bald für eine Weile fehlt, noch mal mehr auf. Bleiben Sie Ihrer Buchhändlerin und Ihrem Buchhändler treu, es ist gerade alles andere als leicht für sie und ihn.

Liebe Entscheider*innen in Politik und Gesellschaft:

Bücher sind Lebensmittel: Sie verhindern, dass Menschen, denen ihre Sozialkontakte fehlen, durchdrehen, sie kompensieren Unterrichtsausfall und den Ausfall von Fortbildungen. Sie fördern Dialektik in der Zeit der Isolation, in der sonst Radikalität gedeihen könnte.

Liebe Vorstandskolleg*innen, liebe Kolleg*innen im Haus des Buches bzw. im Homeoffice, auf unseren Schultern liegt eine ziemliche Last. Ich möchte öffentlich und in aller Form dafür danken, wie und dass wir miteinander die Telefone heiß laufen lassen können, ohne dass sich auch die Gemüter erhitzen.

Liebe Mitglieder des Börsenvereins, als Sie im Juni 2019 einen neuen Vorstand wählten, hätten Sie nicht gedacht, dass es nach VG-Wort-Urteil und KNV Insolvenz noch schlimmer kommen könnte. Auch wir haben das nicht gewusst. Wenn wir Ihnen in dieser Situation keine schnellen Lösungen präsentieren können, dann heißt das nicht, dass wir nicht heftig arbeiten.

Wir wünschen Ihnen Optimismus und Durchhaltevermögen, Kraft und Kreativität und unseren Worten in Richtung Politik und Gesellschaft wünschen wir Gehör. Wir sind bei Ihnen! Bleiben Sie gesund!

Herzlich Karin Schmidt-Friderichs, der Vorstand des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und die Mitarbeiter*innen im Haus des Buches.

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4 Kommentar/e

Diskutieren Sie mit ...

  • Dr. Eckart Sackmann

    Dr. Eckart Sackmann

    Zunächst einmal vielen Dank für Ihr Engagement! Börsenverein und Börsenblatt sind unsere Lobby. "Bücher sind Lebensmittel", schreiben Sie ganz richtig. Aus Verlagssicht: Bücher sind verderbliche Lebensmittel. Bleiben die Buchhandlungen auf lange Sicht geschlossen, staut sich das Angebot. Kein Buchhändler hat Kapital und Platz, die Produktion des vergangenen Monats zusätzlich zum aktuellen Programm zu ordern. Unsere Branche ist also nicht viel besser dran als die der Gastronomen, über die jetzt soviel geredet wird. Buchhandlungen müssen geöffnet bleiben, wenn auch vielleicht mit eingeschränkten Zeiten.

  • Dieter Seggewiß

    Dieter Seggewiß

    Liebe Frau Schmidt-Friderichs, liebes Verbands-Team.
    Danke!
    Danke für Ihr tolles Engagement, für die offenen Worte. Für die Klarheit.

    Dieter Seggewiß, RungeVA

  • Rowitha Bergenthal

    Rowitha Bergenthal

    Vielen Dank für Ihr Engagement. Mich verärgert sehr, dass dem Riesen Amazon bisher keine Auflagen bezüglich Gesundheitsschutz für die MitarbeiterInnen gemacht wurden. Es ist eine schlimme Wettbewerbsverzerrung, wenn kleine Läden schließen müssen, der Riese aber trotz mangelnder Steuerzahlungen profitiert.
    Mit freundlichen Grüßen
    Roswitha Bergenthal, Leipzig

    P.S. die aktuelle Kinowerbung von/für Amazon ist eine Frechheit

  • Donata Kinzelbach

    Donata Kinzelbach

    un grand merci für Ihren Einsatz!

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