Lockdown-Tagebuch (3): Ein Gedankenstrom von Rainer Moritz

"Where have all the joggers gone?"

Rainer Moritz, Leiter des Hamburger Literaturhauses, traut der Zivilisationsbeißhemmung nicht über den Weg. Und lässt seinen Gedankenstrom durch ein stilles Corona-Land fließen. Teil drei unserer "Lockdown-Tagebücher", die als ganz persönliche Krisenbegleiter gedacht sind - geschrieben von Büchermenschen.

Rainer Moritz

Rainer Moritz © Gunter Glücklich

März 2020: Der Postbote wird bis zum Abend mein einziger realer Sozialkontakt sein ... gegen elf Uhr schleppt er sich die Treppe bis in die Literaturhausbüros hoch ... wir grüßen uns distanziert ... ich überlege, ob ich zum Öffnen der Päckchen Handschuhe anziehen soll ... unten am Alsterrundweg, wo sich bei Frühlingswetter normalerweise die Jogger stapeln, springen nur ein paar Hunde über die Wiesen ... heute hätten unsere Graphic-Novel-Tage begonnen, für die wir zusammen mit Kurator Andreas Platthaus monatelang gearbeitet haben ... alles abgesagt, alles, bis Ende April ... wovon sollen die "freien" Autorinnen und Autoren leben? ... unser Literaturhauscafé hat geschlossen, natürlich, unsere Buchhandlung Samtleben auch ... was für Nothilfefonds wird es für sie geben? Wie kommt das Literaturhaus selbst über die Runden? ... ich rufe meine muntere 88-jährige Mutter an, die mir ein heiteres "Ich geh sowieso nur auf die Terrasse und bestell gleich was bei Herrn Bofrost" zuruft ... Witze über Toilettenpapier und Hamster will ich keine mehr lesen ... was passiert mit all den feinen Büchern des Frühjahrs, wer kauft sie, wer liest sie? ... eine Wiener Freundin schreibt mir, sie habe herausgefunden, dass Badezimmerkacheln richtig spiegeln, wenn man sie mit einem Schwämmchen schrubbt (weil man so viel Zeit habe), anstatt nur mit einem nassen Tuch drüberzuwischen ... ich höre Schritte im Treppenhaus, eine Einbildung? ... gleich beginne ich Lesungen für den Herbst zu planen, telefoniere oder maile mit den Verlagen, um Martin Mosebach, Judith Hermann und Thomas Hettche einzuladen ... im Herbst, da wird alles überstanden sein, reden wir uns zu und ein ... der "Zukunftsforscher" Matthias Horx meldet sich zu Wort, es war zu befürchten, und deutet das Corona-Virus als "Sendboten aus der Zukunft"  ...die Welt wird nicht mehr so sein wie zuvor, sagen mal wieder alle, wie damals nach 9/11 ... der Newsletter eines Bekleidungsversenders trägt die Überschrift "Frühlingslaune!" ... und ja, so strahlend wie in diesen Tagen war Hamburg selten .... wenn man sich nur ungezwungen freuen könnte, ohne Angst ... "aber der Tag tut so, als sei nichts geschehn, und ich kann nirgendwo eine Wolke sehn", heißt es in einem Frank-Schoebel-Schlager ... "Entschleunigung", jetzt haben wir sie plötzlich ... ich könnte mal wieder Sten Nadolnys "Die Entdeckung der Langsamkeit" lesen ... oder endlich George Eliots "Middlemarch", in Melanie Walz’ Neuübersetzung ... dicke Bücher braucht das Land ... ja, Penne und Rigatoni hab ich reichlich zu Hause, Wein auch, vielleicht sollte ich zur Sicherheit ein paar Konserven, Bohnen oder so, kaufen ... nein, ich schau nicht schon wieder nach, wer auf Facebook Horrormeldungen oder Verschwörungstheorien verbreitet ... Gott oder der Teufel oder China als böswilliger Virus-Absender ... meine Mutter beichtet mir, beim Friseur gewesen zu sein, als einzige Kundin, unmöglich habe sie ausgesehen ... wie lange werden die Menschen in Deutschland einsichtig bleiben, wochenlang, monatelang? ... ich traue unserer Zivilisationsbeißhemmung nicht über den Weg ... "Maigret se trompe" muss ich übersetzen, ich werde den Abgabetermin diesmal einhalten können ... drei Jogger überqueren die Straße vor dem Literaturhaus, sind die Familie oder eine unzulässige Zusammenrottung? ... vieles ist mir gleichgültig geworden, wer aus der Bundesliga absteigt etwa oder wer CDU-Vorsitzender wird ... das Ende der "Lindenstraße" macht mir dennoch zu schaffen ... ich maile Annemarie Stoltenberg, wir wollen unsere Buchempfehlungen als Onlineclips drehen ... die schrecklichen Bilder aus Bergamo, Tote, die in Lastwägen durch die Stadt zur Einäscherung transportiert werden ... eine Buchhändlerin postet, wie sie ein Päckchen nach dem anderen für ihre treuen Kunden schnürt ... es ist so still, drinnen wie draußen ... ich mache mir einen Kaffee ... eine gute alte Berliner Freundin, der ich zu Weihnachten immer eine Karte schicke mit dem Satz "Nächstes Jahr müssen wir uns endlich wiedersehen", könnte ich nachher anrufen ... einfach so ...

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1 Kommentar/e

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  • Norbert Gillmann

    Norbert Gillmann

    Lieber Rainer Moritz,
    vielen Dank für den Statusbericht aus Hamburgs Leere (wenig Menschen, keine Kontakte und schon gar keine Veranstaltungen).
    Ich lasse mich durch das informative und abwechslungsreiche Rundfunkprogramm (DLF, hr2) in meiner Einsiedelei (Home Office) unterhalten. Allein, mir fehlen die KollegInnen, Geräusche, Gespräche, die notwendigen sozialen Kontakte. Gewöhnung? Möglich, vielleicht. Hoffentlich nicht zu lange, das Alles.

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