Mein Lockdown-Tagebuch (6): Buchhändler Joachim Steiger über einen Stimmungswandel

"Dann kam die zweite Luft"

Teil sechs unserer "Lockdown-Tagebücher", die als ganz persönliche Krisenbegleiter gedacht sind - geschrieben von Büchermenschen. Joachim Steiger, Inhaber der Literaturhandlung Paperback in Bad König. Er berichtet von einem Stimmungswandel - von Verzagtheit zu begründeter Zuversicht.

Joachim Steiger

Joachim Steiger © Fernando Baptista

Über eine Woche ist unsere Literaturhandlung nun geschlossen.

Eine Situation, die man so noch nicht kannte, die man so auch nicht trainieren konnte. Am ersten Tag der Schließung, dem Mittwoch, war da noch diese gespenstische Stille im Laden. Dort wo sonst Familien mit Kindern das Bilderbuchregal auf den Kopf stellen, blieb alles in Reih´ und Glied stehen, kein mehrmaliges Aufräumen am Tag, kein markdurchdringender Schrei eines aufgebrachten Vierjährigen: „Moritz-Wilhelm will aber das Neinhorn, bähhawuh!!“ Leere am Klassiker- und Belletristikregal, kein Mensch macht Reisepläne und will den neuesten Michael Müller Führer.

Unsere Gedanken sind an diesem Tag sehr einseitig: Wie lange halten wir durch? Können wir unsere Kunden halten oder wandern nun alle zu Amazon? Ein Tag ohne Einnahmen – eine Gruselvorstellung. Auch der Appell an Monika Grütters „Öffnen Sie die Buchhandlungen“ verhallte ungehört, obwohl die Frage immer noch im Raum steht: Warum dürfen Baumärkte, was wir nicht dürfen?

Doch dann kam die zweite Luft. Durch schnell eingerichtetem WhatsApp-Bestellweg, durch Mail und Telefon, durch die immer wieder und schnell aktualisierte Webseite, läutet das Telefon nun pausenlos, die Mails flattern nur so rein und das WhatsApp-Handy gibt auch immer häufiger sein quiekendes Signal zum Besten.

Wir haben fast mehr zu tun als sonst schon: Für jedes Buch eine Rechnung, im Lieferservice, ob mit Rad oder zu Fuß, das Lesefutter an die Haustür bringen (der übergewichtige Buchhändler hat in diesen Tagen schon mehrere hundert Gramm an Gewicht verloren), Beratung am Telefon oder via Mail – die Gespensterstimmung ist einer munteren fast hektischen Aktivität gewichen und die Furcht vor einer dunklen Zukunft, vor Tagen ohne Einnahmen hat sich fast verflüchtigt. Im Gegenteil: diese starke Solidarität unserer Kundschaft lässt nur Gutes hoffen auf die Zeit nach dem Virus.

Über die Buchhandlung Paperback
Die Literaturhandlung Paperback gibt es seit 1986 in der Kleinstadt Bad König im Odenwald. Für ihr Angebot mit einem breiten literarischen Sortiment und vielen Veranstaltungen – da werden neben Lesungen auch eine Schlagerrevue, eine Cartoonausstellung und ein Whiskey-Tasting auf der Website gelistet – haben Gertrud und Joachim Steiger schon dreimal den Deutschen Buchhandlungspreis entgegen nehmen dürfen.

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