Mein Lockdown-Tagebuch (9): Michael Schikowski über die soziale Durststrecke

"Die Krise ändert den Blick"

"Da Bücher in Zeiten der Krise immer große Bedeutung haben, bin ich um das Buch, im Gegensatz zur Buchhandlung, wenig besorgt", meint der freie Verlagsvertreter Michael Schikowski. "Planen wir also unverdrossen Vertreterreise, Leseexemplare und Veranstaltungen – für die Zeit danach."

Michael Schikowski

Michael Schikowski © Ingo Chalal

Diese Krise verlangt eine Neu-Sortierung der bislang ungefragt gebliebenen Handlungen und Dinge. Die Krise ist eine Zeit der Entscheidungen, sie schließt für Neues auf und lässt uns zugleich Halt suchen.

"Das ging schnell!" schreibt eine Buchhandlung, die endlich dringend benötigte Tüten erhält. Eine andere: "Aktuell stecken wir noch jedem Kunden ein Buchjournal mit in die Tüte, auf Leseproben bin ich gar nicht gekommen", weil ich die auch dazu schicke.

Nur ruckweise kommt man gemeinsam drauf, was jetzt benötigt werden könnte. Im Grunde ist das Versandbuchhandel. "Wir liefern emsig aus und es fühlt sich tatsächlich wie eine Versandbuchhandlung an!" Und trotz der Lichtblicke ist die Zukunft ungewiss: "Glücklicherweise erhalten wir viel Zuspruch von unseren Kund*innen. Ich hoffe, dass das auch in den kommenden Wochen so bleibt." Und dann auch das, denn die Unsicherheit schließt die Vertreter selbstverständlich mit ein: "Da soll nochmal einer sagen wir brauchen keine Vertreter mehr!" schreibt eine Buchhandlung. Die unscharfen Konturen der Zukunft bleiben naturgemäß auch an den eigenen Interessen, den beruflichen Schwerpunkten und Geschäftsmodellen orientiert.

"Die Krise ändert den Blick"

Denkbar ist ja, dass man die Zwangspause zur Lektüre nutzt. Aber die Krise ändert den Blick: Schon jetzt ist es so, dass auch die harmlose Gelegenheitslektüre, das unbedarfte Hineinlesen gedanklich sofort in Beziehung zur gegenwärtigen Krise gesetzt wird. Die Heldin ist Krankenschwester? Die Story handelt von Staatsversagen? Und wenn keinerlei Bezug auszumachen ist, ist es dann noch wichtig genug?

Vermutlich aber bleibt selbst das Buch, das man immer einmal lesen wollte, auch in dieser Zeit ungelesen. Denn man bekommt nur sehr einzelne Dinge getan, die man schon immer mal tun wollte. Eher Kleinigkeiten, die Balkon oder Garten betreffen. Tätigkeiten, die Konzentration und Dauer verlangen, werden von ständiger Gedankenflucht unterbrochen. Und die Gedanken beschäftigen sich mit den unterschiedlichsten Aspekten der Zukunft, die sich durch die Krise als plötzlich verändert, als zeitweise unterbrochen oder schlicht nicht mehr gegeben erweisen.

Der unfreiwillige Großversuch, der mit den Kontaktverboten in den Städten durchgeführt wird, könnte auch unter dem Titel die "Internet-Stadt" laufen. So sieht die Stadt aus, wenn das soziale Leben digitalisiert wird. Zugleich läuft für jeden von uns ein Selbstversuch. Was machen Homeoffice und Quarantäne mit uns und unserer Arbeit, wenn das Soziale nur digital geht?

"Surrogate des Sozialen"

Häufiger hört man die Ansicht, es gäbe nun einen langfristigen und unumkehrbaren Trend zum Digitalen. Ein Ergebnis könnte aber sein, dass die augenblickliche enorme Bedeutung des Digitalen zugleich seine Grenzen überdeutlich zeigt. Merken wir es nicht jetzt schon? Ich nutze Skype, VLB-TIX, Netgalley und E-Books. Aber so ausschließlich eingesetzt, erweisen sie sich als Surrogate des Sozialen, deren soziale Defizite nur allzu offensichtlich werden.

Eine längst überfällige Korrektur findet außerdem statt. Hatten sich die sogenannten "sozialen" Medien den Begriff des Sozialen gekapert, findet nun die rechtmäßige Rückeroberung statt, insofern der Begriff des social distancing präzise beschreibt, was im Augenblick verlangt wird: Körperliche Distanz im Gespräch und in der Begegnung.

Schon jetzt lässt sich mit Grund vermuten, dass es in diesem Jahr kein Sommerloch geben wird, Deutschland wird mit einiger Wahrscheinlichkeit proppevoll sein, in den Städten und in den Urlaubsregionen. Vielleicht ist das jetzt eine gute Nachricht für Buchhandlungen. Aber werden auch die voll sein?

Hinzu kommt eine starke Ungleichzeitigkeit der Entwicklung von Bundesland zu Bundesland, von Region zu Region, von Buchhandlung zu Buchhandlung. Eine Buchhandlung schreibt: "Vor einer Woche hatte ich mich gerade aus einem Stimmungsloch befreit, weil ich seit vorletztem Freitag, wo Österreich die Läden schloss, alles am Ende sah. Dann haben wir begonnen, den Lieferservice anzupreisen und uns offenbar ziemlich gut hier positioniert."

Vielfältige Lösungen

Die individuellen Lösungen, die aufgrund der Ladenschließungen gefunden wurden, sind bei weitem vielfältiger, als auf der Ebene der Megatrends oder der Berichterstattung berücksichtigt werden kann. Da viele zur Heimarbeit verdonnert sind, ist es nicht ganz einfach, sich in der Isolation gegen das Gefühl der Überwältigung zu stemmen, sich "aus dem Stimmungsloch" zu befreien und einen frischen und individuellen Blick auf die Lage zu erhalten. Eine Lage, die sich von Buchhandlung zu Buchhandlung höchst unterschiedlich darstellt. Eine Buchhandlung berichtet: "Selbst Kunden, die wir seit langem nicht mehr gesehen haben, melden sich jetzt wieder. Unser Kontaktlos-Regal im Schuppen neben dem Haus wird begeistert angenommen."

Aufgrund der Vielfalt der Lagen sind gleichartige Angebote an die Buchhandlungen in diesen Zeiten fast unmöglich. Daher ist nun alles auf meiner Seite www.immerschoensachlich.de zu finden und wartet darauf gefunden zu werden. So auch für die Zeit danach die kleine Veranstaltung Der will nur lesen. Sobald die Läden wieder öffnen dürfen, biete ich (unter Beachtung möglicher fortbestehender Restriktionen) eine kleine, flexible und selbstverständlich kostenfreie Verkaufsveranstaltung zum aktuellen Programm an, eine Aufbau-Hilfe West. Die Veranstaltung wird dem vermutlich einem erhöhten Bedürfnis nach erneuerten Sozialkontakten entgegenkommen.

Sobald wir in Kontakt treten dürfen, werden wir umgehend die Originalschauplätze aufsuchen, werden wir uns auf die Begegnungen, die Gespräche und den Austausch mit Menschen freuen. Daraus ergibt sich zugleich, dass überall, wo wir noch mit physischen Mitteln und Menschen arbeiten können, wir das gewiss tun werden. Planen wir also unverdrossen Vertreterreise, Leseexemplare und Veranstaltungen – für die Zeit danach.

In Krisen greifen wir auf bewährte Verhaltensweisen, eingeschliffene Muster und bekannte Strukturen zurück. Unter diesem Gesichtspunkt werden vermutlich strukturkonservative Erzählstile mehr Aussicht auf Erfolg haben als experimentelle Texte. Es wird also einige Wiedereinführungen, Wiederentdeckungen und Wiederauflagen geben. Versuchen wir, uns darauf zu freuen.

Die soziale Durststrecke, die dann hinter uns liegen wird, wird eine gewisse Zeit der Überkompensation im Sozialen folgen. Da Bücher in Zeiten der Krise immer große Bedeutung haben, bin ich um das Buch, im Gegensatz zur Buchhandlung, wenig besorgt.

Michael Schikowski arbeitet als freier Verlagsvertreter u.a. auch für den Aufbau Verlag. Zuletzt erschien von ihm "Der Buchhandel. Kultur und Krise" (Bramann).

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