Mein Lockdown-Tagebuch (11): Britta Jürgs über bedrohte Bibliodiversität

"Ich habe Angst vor den Remissionen"

Chorprobe, Literaturzirkel, Filmabende: Vieles, was ihr am Herzen liegt, kann AvivA-Verlegerin Britta Jürgs in diesen Wochen digital weiterpflegen. Sorgen macht sie sich jedoch um die Vielfalt der Verlags- und Buchhandelslandschaft. Teil 11 unserer "Lockdown-Tagebücher", geschrieben von Büchermenschen.

Britta Jürgs

Britta Jürgs © Klara-Emilia Kajdi

Der Verlag befindet sich im selben Haus wie meine Wohnung im Berliner Stadtteil Moabit. Auch wenn sich alles verändert hat – mein Tagesablauf unterscheidet sich tagsüber gar nicht so sehr von dem zu Vor-Corona-Zeiten. Ich arbeite allerdings eher noch mehr als vorher, sitze im Büro, am Computer, schreibe Mails, telefoniere, gebe Interviews, habe Telefon- und Videokonferenzen. Letztere nun auch zunehmend im privaten Bereich.

Selbst mein Chor findet gerade ersatzweise als Videokonferenz statt (wobei man allerdings nur den Chorleiter hört, nicht die anderen Sängerinnen und Sänger...), und auch unseren monatlichen privaten Literaturzirkel, in dem wir uns normalerweise reihum treffen und bei dem einen oder anderen Glas Wein über ein zuvor gelesenes Buch austauschen, setzen wir momentan als Videokonferenz fort. Seit neuestem kommt noch der wöchentliche Filmclub dazu, in dem wir Literaturzirkel-Menschen uns über jeweils einen vorher gesehenen Film austauschen. Das ist zumindest ein kleines Gegengewicht zu all den Veranstaltungen, all die abendlichen Treffen, die ich sonst immer habe.

Natürlich fehlt mir der persönliche Austausch mit meiner Mitarbeiterin, mit den Kolleginnen und Kollegen – und jenseits der Arbeit natürlich all das, was mein Leben ansonsten bereichert: Ausstellungen, Kino- und Theaterbesuche, Literaturveranstaltungen, Treffen mit Freundinnen und Freunden.

Ein positiver Effekt ist allerdings, dass meine Tochter, die normalerweise in Amsterdam studiert, seit Mitte März hier ist. Und da mein Sohn, der gerade seine Bachelorarbeit schreibt, seit einer Weile ebenfalls wieder bei mir wohnt, verbringen wir viel mehr Zeit zusammen als sonst, kochen und essen natürlich zusammen und sehen Filme – wie beispielsweise kürzlich "Down by Law", einen Lieblingsfilm, den ich immer schon mal zusammen mit ihnen anschauen wollte.

Ich lese sowieso ziemlich viel, aber in den letzten Wochen ist es noch mehr geworden. Langweilig wird mir nicht und Arbeit habe ich auch noch mehr als genug – aber natürlich stelle ich mir die Frage, wie das alles weitergeht, was ich mit den Neuerscheinungen mache, was ich weiterhin für den Herbst plane, was ich vielleicht doch lieber aufs nächste Jahr verschieben sollte.

Meine Frühjahrsneuerscheinungen sind zwar ausgeliefert, aber vor allem dem ziemlich aufwendigen vierfarbigen Buch der georgischen Autorin Salome Benidze und der Fotografin Dina Oganova, "Nicht mal die Vögel fliegen mehr dort", mit Porträts von Frauen aus Georgien, fehlt die Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit – und den potenziellen Leserinnen und Lesern die Möglichkeit, einfach mal in dem Buch blättern zu können. Salome und Dina wollten nach Leipzig zur Buchmesse kommen, wo wir nicht nur Lesungen und Diskussionen gehabt hätten, sondern auch eine kleine Ausstellung, darüber hinaus waren weitere Veranstaltungen in Berlin und München geplant. All das aufzufangen, ist unmöglich. Und auch die anderen für das Frühjahr geplanten Verlagspräsentationen und Lesungen fehlen mir, finanziell und persönlich.

"Die aktuellen Umsätze sind desolat"

Ich habe zwar das Glück, dass 2019 sehr gut aufhörte und 2020 zunächst gut begann – mit einem schönen Erfolg für einen ungewöhnlichen Reisebericht, der "Einsamen Weltreise" von Alma M. Karlin, die vor 100 Jahren acht Jahre lang die Welt umreiste. Und auch der von Tobias Schwartz übersetzte Band "A Taste of Honey" von Shelagh Delaney, einer Autorin aus Manchester, die die Beatles und The Smiths inspirierte, hatte ein sehr gutes Echo. Davon zehre ich nun noch, habe aber – wie sicher alle von uns – Angst vor riesigen Remissionen in den nächsten Wochen und Monaten.

Die aktuellen Umsätze sind desolat und (Nach-)Bestellungen existieren in weitaus geringerem Maße als sonst – aber ich freue mich über alle, die kommen, und ganz besonders über die aus unabhängigen Buchhandlungen!

Insgesamt mache ich mir natürlich große Sorgen um unsere Branche – um Autorinnen und Autoren, Übersetzerinnen und Übersetzer und um alle anderen, die rund ums Buch arbeiten, ebenso wie um inhabergeführte Buchhandlungen und unabhängige Verlage.

Die Soforthilfen der Bundesregierung waren auch für viele Verlage aus dem Freundeskreis der Kurt Wolff Stiftung gut und wichtig, aber sie können die Verluste sicher nicht auffangen. Nun hängt natürlich alles sehr stark davon ab, wie es weitergeht, wann die Buchhandlungen auch jenseits von Berlin und Sachsen-Anhalt wieder geöffnet sein dürfen und wie es gerade den unabhängigen Verlagen und Buchhandlungen in den nächsten Monaten ergeht.

Ich befürchte, dass viele kleinere Verlage und Buchhandlungen ohne weitergehende strukturelle Förderung nicht überleben werden. Für die Bibliodiversität, für die Vielfalt in der Verlags- und Buchhandlungswelt, werden sie gebraucht.

Britta Jürgs ist Verlegerin des AvivA-Verlags in Berlin - und Vorsitzende der Kurt-Wolff-Stiftung.

Lesen Sie außerdem in der Reihe "Mein Lockdown-Tagebuch":

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