Wie sich Hörbücher in der Corona-Pandemie behaupten

Hörbücher in der Corona-Krise: Auf CD unter Druck, digital im Aufwind

Nicht nur Virologen-Podcasts profitieren von Corona, auch Hörbücher werden in Zeiten des Zuhausebleibens offenbar verstärkt genutzt – und das trotz der vielen kostenfreien Literatur- und Unterhaltungsangebote, die von Literaturhäusern, Verlagen und anderen ins Netz gestellt werden. Wer profitiert, wer verliert? Versetzt Corona der CD den Todesstoß? boersenblatt.net hat nachgefragt. 

Quarantäne-Zeitvertreib: Der Blick am Fenster, das Ohr an der Welt

Quarantäne-Zeitvertreib: Der Blick am Fenster, das Ohr an der Welt © kasipat / depositphotos

Virologen-Podcast statt Hörbuch? Wie waren die Zahlen im März?

Annette Kunze, Leiterin Lübbe Audio:

Sicherlich haben auch uns die Schließung der Buchhandlungen im physischen Markt getroffen, aber wir sind dennoch auf Kurs. Wir konnten zum jetzigen Zeitpunkt unsere Expertise und Erfahrung im digitalen Markt für uns zum Vorteil verbuchen, und unser Verlagsprogramm ist stark. Kurz gesagt: Unser Content ist gefragt und wir sind sehr zufrieden mit dem ersten Quartal.


Robert Wildgruber
, Verlagsleitung der Hörverlag/Random House Audio/cbj audio:

Ohne das „Schaufenster“ im stationären Handel ist der haptische Hörbuchmarkt wie viele andere Branchen im März natürlich massiv unter Druck geraten. Dass Amazon Bücher und Hörbücher derzeit in seinem Angebot „herunter priorisiert“,  ist in dieser Situation nicht gerade hilfreich. Die Online-Shops des Buchhandels können nur einen Bruchteil dieser Verluste kompensieren. Da die Monats-Abrechnungen von den Download-Plattformen immer zeitversetzt ins Haus kommen, fehlen uns für die Gesamtbilanz allerdings  noch die Digitalumsatzzahlen. Hier zeichnet sich jedoch ein Wachstum ab.

Corinna Zimber, Mitinhaberin Audiobuch Verlag:

Die Absätze im Buchhandel waren bis März völlig in Ordnung. Wir erwarten aber für April starke Einbußen. Im digitalen Markt verlief das erste Quartal gut. 

Kathrin Rüstig, Geschäftsführerin BookBeat Deutschland:

Wir haben beobachten können, dass in der ersten Woche nach der Bekanntgabe von Maßnahmen wie Ladenschließungen, also ab dem 15. März bis 20. März, die durchschnittliche tägliche Hördauer tatsächlich zurückgegangen ist und leicht unter derjenigen der Vorwochen lag. Ab dem 21. März jedoch stieg die tägliche Nutzung stetig an und liegt jetzt auf einem deutlich höheren Niveau als zuvor. Insofern scheint es so zu sein, dass in der ersten Woche unsere Hörer mehr mit anderen Themen beschäftigt waren als mit Hörbuch-Hören – diese Unterhaltung jedoch nun umso mehr und umso länger genießen.

Oliver Daniel, Geschäftsführer Audible Deutschland: 

Wir sehen einen deutlichen Anstieg bei den Neukunden, es entscheiden sich mehr Menschen als üblich für den kostenlosen Probemonat bei Audible. Das ist eine große Chance für die ganze Branche, weil wir derzeit viele Menschen erreichen, die vielleicht zum ersten Mal ein Hörbuch oder Podcast nutzen – nun liegt es an uns, sie mit den besten Geschichten zu halten und zu regelmäßigen Hörern zu machen. 

Johannes Stricker, Geschäftsführer Hörbuch Hamburg: 

Das physische Geschäft liegt danieder, digital rechne ich mit Zuwächsen - trotz der vielen Gratisangebote von Rundfunkanstalten, Literaturhäusern usw. Bei uns erscheinen im Großen und Ganzen alle Hörbücher wie geplant, wobei wir gerade mehr Titel digital realisieren als üblich. Ich glaube, wir stehen im Vergleich zu den Buchverlagen gerade besser da - den größeren Anteil unseres Umsatzes machen wir im Digitalgeschäft, von daher rechnen wir mit gleichbleibenden Umsätzen. 

Kilian Kissling, Geschäftsführer Argon:

Die Buchhandlungsumsätze sind weg. Auf den digitalen Plattformen war das Hörbuch in der ersten Woche des Shutdown rückläufig, das hat sich aber wieder stabilisiert. Interessant ist, was hinter den Zahlen steckt: Die typischen Hörsitiuationen, zum Beispiel die Nutzung von Hörbüchern beim beruflichen Pendeln, die fallen weg. Heißt das Motto jetzt: Ich will mal meine Ruhe haben und höre ein Hörbuch? Theoretisch liegen in den neuen Hörgewohnheiten auch Chancen für die Branche. 

Peter Bosnic, Verlagsleiter Steinbach sprechende Bücher:  

Der Verlag Steinbach sprechende Bücher ist ausschließlich für den Vertrieb der haptischen Hörbücher zuständig, das Digitalgeschäft erledigt der Mutterkonzern, die Egmont-Gruppe. Nicht nur die Schließung der Buchhandlungen, auch die neue Einkaufspolitik von Amazon setzt uns zu. wegen Amazon. Unseren Schnellschuß von Anselm Grüns Buch "Quarantäne. Eine Gebrauchsanweisung" hat Amazon immer noch nicht eingekauft. Gut läuft bei uns im Moment "Die Pest" von Albert Camus. 

 

Wie sorgen Sie in diesen Zeiten für Sichtbarkeit? Welche Marketing-Maßnahmen laufen / sind geplant?

Annette Kunze, Leiterin Lübbe Audio:

Marketing und Presse fahren gerade starke Kampagnen für Handel und Redaktionen, von denen auch Lübbe Audio in seiner Sichtbarkeit profitiert. Im  Mai starten wir eine Kampagne mit unserer neuen „Dranbleiber APP“. Wir inszenieren unsere erfolgreichen Serien „Cherringham“, „Taxi, Tod und Teufel“ sowie „Kloster, Mord und Dolce Vita“. Die Kampagne nimmt uns mit auf die Reise, alle Titel spielen an Sehnsuchtsorten und ermöglichen Urlaub im Kopf. Wir möchten es unseren Hörern mobil so einfach wie möglich machen auf unsere Serieninhalte zuzugreifen.


Robert Wildgruber
, Verlagsleitung der Hörverlag/Random House Audio/cbj audio:

Unter dem Motto „Zusammenhalten. Zusammen hören“ kreieren und präsentieren der Hörverlag, Random House Audio/cbj audio passgenaue Angebote für die aktuellen Bedürfnisse unserer Endkunden. Von Alltag meistern über Unterhaltung und spielerische Wissensvermittlung bis hin zu Kinderbeschäftigung bedienen wir damit die derzeit gefragtesten Themen.  Die Kommunikation zu den Hörerinnen und Hörern erfolgt u.a. über - themenspezifische Landing-Pages - Banner-, Anzeigen- und Podcastwerbung in reichweitenstarken Print- und Online-Medien - Newsletter - Social Media. Über die Beilage von Werbe-Broschüren in Bio-Lieferkisten kommen wir mit der Lebensmittel-Lieferung direkt in die Haushalte.  Mit großer kreativer Power arbeiten alle Abteilungen an Projekten, die wir schnell und flexibel „auf die Schiene setzen“. Nur wenige Tage liegen z.B. zwischen der ersten Idee und der Umsetzung des Hörverlags-Podcasts „Desperate Houselives“. Ab diesem Donnerstag (9.4.) übernehmen unsere AutorInnen und SprecherInnen die Regie über 15-Minuten-Episoden aus ihrem Leben in der Quarantäne. 


Corinna Zimber, Mitinhaberin Audiobuch Verlag:

Wir konzentrieren uns auf unseren Toptitel: Der neue Bestseller von Hilary Mantel "Spiegel und Licht" läuft derzeit in der Lesung von Frank Stieren  im NDR („Am Morgen vorgelesen“). Das stimuliert die Nachfrage physisch wie digital ganz erheblich. Audible bewirbt seit einigen Tagen die ungekürzte Version der Lesung, die mit über 37 Stunden Laufzeit jede Corona-Langeweile vertreibt. Die leicht gekürzte Fassung bewerben wir auf allen anderen Kanälen, so z.B. bei der Tolino-Allianz.

Kathrin Rüstig, Geschäftsführerin BookBeat Deutschland:

BookBeat investiert generell ein sehr hohes Budget ins Marketing, das war im letzten Jahr schon so und geht auch in diesem Jahr weiter. Unsere erste TV-Kampagne lief im Januar, ebenso große Out of Home Kampagnen. Insofern stocken wir das Marketingbudget nicht noch weiter auf, versuchen aber, einige bereits geplante Out of Home Kampagnen in den Sommer und Herbst zu verschieben, wenn die Menschen hoffentlich wieder draußen unterwegs sind und unsere Anzeigenmotive auch sehen können. Stattdessen werben wir jetzt noch etwas stärker im digitalen Umfeld.   

Oliver Daniel, Geschäftsführer Audible Deutschland: 

Wir haben vor zwei Wochen die Aktion #ZuHauseMitAudible gestartet, mit der man kostenlos auch ohne Audible-Abo ausgewählte Titel hören kann. Wir freuen uns über die sehr hohen Nutzerzahlen zu dieser Aktion und erhalten extrem positives Feedback der vielen Hörerinnen und Hörer. 

Versetzt Corona dem haptischen Hörbuch den Todesstoß? 

Annette Kunze, Leiterin Lübbe Audio:

Nein, davon ist nicht auszugehen. Während der Krise haben wir zwar über unseren Podcast „BuchstabenBande“ eine Reihe von kostenlosen Inhalten für Kinder angeboten, das wird aber den physischen Markt nicht nachgelagert kannibalisieren. Sicherlich werden deutlich weniger Hörspiele und Hörbücher gekauft, wenn die Läden geschlossen sind. Aber wir sind uns sicher, dass nach dem Shutdown wie bisher gilt: Der Kunde entscheidet, welches  Medium er für seine Inhalte nutzen möchte, und das darf er auch weiterhin frei bei unseren Angeboten wählen.

Robert Wildgruber, Verlagsleitung der Hörverlag/Random House Audio/cbj audio:

Die Frage, auf welchem Niveau der Umsatz mit physischen Ausgaben nach der Krise wieder einsteigt, betrifft neben dem Hörbuch auch andere Warengruppen. Wir alle werden derzeit privat und im Job digitaler, und doch bleibt das Bedürfnis nach Haptik. Es liegt auch in der Verantwortung unserer Partner im Handel, ob sie – wie wir – weiter an die CD glauben, ihr angemessene Präsentationflächen einräumen und sie selbstbewusst und engagiert verkaufen.

Corinna Zimber, Mitinhaberin Audiobuch Verlag:

In unserem Herbst-Programm werden wir einige starke Titel für den Buchhandel präsentieren: Leah Hayden hat einen großartigen Roman über Peggy Guggenheims Beziehung zu Max Ernst geschrieben, der unter dem Titel MISS GUGGENHEIM in der Aufbau-Reihe „Mutige Frauen zwischen Kunst und Liebe“ erscheinen wird. Zsuzsa Bánks autobiographischen Text "Sterben im Sommer" planen wir mit Lisa Wagner als Sprecherin gemeinsam mit dem Hessischen Rundfunk zu produzieren. Diese beiden Beispiele zeigen, dass wir weiterhin auch auf den Buchhandel bauen.

Kathrin Rüstig, Geschäftsführerin BookBeat Deutschland:

Nein. 

Oliver Daniel, Geschäftsführer Audible Deutschland: 

Wir haben mit dem digitalen Hören in Deutschland in den letzten Jahren ein signifikantes Wachstum erreicht und hoffen, dass das aktuelle zusätzliche Interesse am digitalen Hören nicht nur weitere Kunden begeistert, sondern auch dazu beitragen wird, unsere Partner und Autoren in dieser schwierigen Zeit zu stärken. 

Johannes Stricker, Geschäftsführer Hörbuch Hamburg: 

Der Todesstoß wird das für das physische Hörbuch nicht werden. Sicher werden die Buchhandlungen sich, wenn sie denn wieder geöffnet haben dürfen, erstmal auf Bücher konzentieren.

Kilian Kissling, Geschäftsführer Argon: 

Für den Todesstoß ist es deutlich zu früh. Ich glaube aber, die Corona-Krise könnte ein empflindlicher Rückschlag für das Hörbuch im Buchhandel sein. Hörbücher gehören ja zur "Kannwarengruppe", der Buchhandel wird sich erstmal auf anderes konzentrieren. Trotzdem: Auf CD sind die besonderen, die anspruchsvollen Titel gefragt und auch wenn manche jetzt zum digitalen Hörbuch wechseln, wird das noch eine Weile so bleiben. 

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