Leipziger Buchmesse 2020: Rückabwicklung nach Absage der Messe

"Den Weg können wir nur miteinander gehen"

Anfang März wurde, neun Tage vor der geplanten Eröffnung, die Leipziger Buchmesse abgesagt. Sämtliche geplanten Messeauftritte mussten anschließend rückabgewickelt werden - für alle beteiligten Unternehmen eine Herausforderung an finanzielle Sorgfalt und weitsichtige Verhandlungsführung. Dirk Deumeland, Prokurist des Leipziger Messebauunternehmens Fairnet, spricht im Interview über einen komplexen Vorgang - für den es aus seiner Sicht keine Blaupause gab.  INTERVIEW: NILS KAHLEFENDT

Dirk Deumeland, fairnet-Prokurist, im Verwaltungsgebäude der Leipziger Messe

Dirk Deumeland, fairnet-Prokurist, im Verwaltungsgebäude der Leipziger Messe © Nils Kahlefendt

Herr Deumeland, war es aus heutiger Sicht eine gute Idee, sich beim Versand Ihrer Rechnungen hinter einem Paragraphen der Allgemeinen Geschäftsbedingungen zu verschanzen?
Dirk Deumeland: „Verschanzen“ würde ich das nicht nennen. Aber Sie haben recht: Wir hätten das kommunikativ deutlich besser lösen müssen.  

Können Sie verstehen, dass nicht wenige Aussteller die Botschaft „Sorry, leider zu spät storniert“ als zynisch empfanden? Das Verhältnis von Leipziger Buchmesse, die sehr um Kulanz bemüht war, und Fairnet musste manchem wie das Spielchen Good Cop versus Bad Cop vorkommen...  
Das kann ich nachvollziehen. Die Nähe von Fairnet und Messe hat offensichtlich bei einer Reihe von Austellern zu anderen Schlussfolgerungen geführt. Vielleicht stoßen wir bei nicht allen Ausstellern auf Verständnis. Das kann ich in der aktuellen Situation gut nachvollziehen.

Fairnet ist eine 100-prozentige Tochter der Leipziger Messe GmbH ...
Genau. Aber wir agieren eigenständig, mit eigenem Geschäftsmodell. Wir haben Rahmenverträge mit zahlreichen regionalen Firmen, vom Messebauer bis zur Tischlerei, die wir den Ausstellern, die das wünschen, gebündelt und aus einem Guss vermitteln. Es ist nicht so, dass wir ins Regalfach greifen und einfach etwas hinstellen, das uns gehört.

Wie hätten Sie kommunikationstechnisch mit der ja für alle Beteiligten sehr speziellen Situation umgehen sollen?
Wir hätten in der Kommunikation noch deutlicher machen müssen warum Fairnet so handeln muss: Welche Situation ist da entstanden, in welcher Phase befinden wir uns? Wir haben uns dann, wie in ähnlichen Abwicklungs-Fällen üblich, auf Ziffer 5.1. der Allgemeinen Geschäftsbedingungen bezogen. Es geht aber nicht in erster Linie um das, was rechtlich wohl durchsetzbar wäre. Sondern im besten Fall um gute, möglichst einvernehmliche Lösungen. Einzelgespräche sind jedoch im Fall der Leipziger Buchmesse, wo wir von über 600 Kunden mit Rechnungsbeträgen zwischen 20 und 15.000 Euro reden, nur schwer umzusetzen.

In den Teilnahmebedingungen der Buchmesse heißt es unzweideutig, dass Aussteller im Fall einer Absage „bereits ausgeführte Arbeiten und Dienstleistungen in voller Höhe“ zu zahlen haben. Hätte man den Ausstellern nicht besser transparent machen sollen, warum zum Teil sehr hohe Kosten bereits entstanden waren?    
Es gab keine Blaupause für diesen Fall. Zu dem Zeitpunkt, wo die Absage der Messe publik wurde, hatten wir den ersten Aufbautag. Eine Messe, die acht Tage vor Beginn abgesagt werden muss, ist per definitionem fertig: Was etwa Dienstleistungen rund um den Standbau, Möbelbestellungen, Grafik und anderes betrifft, sind alle administrativen, organisatorischen, planerischen und gestalterischen Aufgaben erledigt. Die Konstruktion ist erfolgt, das Material zugemietet oder –gekauft, lackiert, gespritzt, geplottet, kommissioniert. Speditionen sind beauftragt worden, es wurde verladen und angeliefert. Teilleistungen wie Hängepunkte oder Werbeflächen sind realisiert, die Abläufe passen sonst nicht. Viele Dienstleister sind in Vorkasse bezahlt. Nur eine Sache ist nicht passiert: Montage und Demontage des Ganzen...

Für den reibungslosen Messebetrieb nicht ganz unerheblich ...  
In der Tat. Wie nun aber umgehen mit den 600 in der Luft hängenden Projekten? Ob der schieren Menge haben wir uns dafür entschieden, das zu pauschalisieren: Nachdem alles Mietmaterial zurückspediert oder, wo nicht anders möglich, verschrottet, weiter Verwendbares eingelagert, Montagekräfte ausgebucht, Speditionen storniert waren, haben wir uns mit unseren Dienstleistern zusammengesetzt – und versucht, Quoten zu verhandeln. Das ging von 60 Prozent, weil etwa Veranstaltungstechnik noch nicht eingebracht war, bis nahe 100 Prozent in allen Fällen, wo die volle Leistung nachweislich erbracht war. Schlussendlich haben wir versucht, die Lösungen auf die abgesagte Messe zu übersetzen – und den Ausstellern eine Gutschrift von 25 Prozent auf die Auftragssumme angeboten. Aber, wie gesagt: Es geht hier weniger um eine rechtliche Bewertung, als um Verständnis für den Prozess. Dazu hätten wir früher und überzeugender erklären müssen, wie die Fairnet funktioniert.

Und nun? Im Messegeschäft sieht man sich ja, wie meist im Leben, mehr als einmal.
Auch wenn wir bei unseren Kunden auf viel – mitunter knirschendes – Einverständnis gestoßen sind, kann ich den Zorn mancher Aussteller verstehen. Aber vergessen Sie bitte nicht: Auch Marktteilnehmer, die nicht Fairnet heißen, werden Rechnungen stellen; wir kümmern uns ja nur um einen Teil der weit über 2000 Messestände. Und: Beim Gros der kleinen und mittleren Handwerksbetriebe, freien Montageteams, Technikfirmen, Tischlereien, Malern und Teppichverlegern haben wir unsere Zahlungen bereits geleistet; bislang über eine Millionen Euro. Wir haben uns da nicht auf die Position versteift, dass erst Geld fließt, wenn wir bezahlt werden. Ob ILS Medientechnik, Messeprojekt, Orgatech, SHOWconcept, Superscript oder MaXxPrint – das sind alles Firmen, die hier in Leipzig vom Messegeschäft leben, aber momentan auf Null runtergefahren sind, weil eine ganze Branche im Shutdown steckt. Wir brauchen sie mit all ihrem Know-how, um die hoffentlich bald wieder anstehenden Veranstaltungen zu stemmen. Den Weg können wir nur miteinander gehen. Aber dazu müssen wir miteinander reden.    

 

Über Fairnet

Die Fairnet GmbH, hervorgegangen aus dem Service-Center Leipzig (SCL), wurde 1996 als Tochter der Leipziger Messe GmbH gegründet und engagiert sich mit rund 50 angestellten und freien Mitarbeitern im In- und Ausland in den Bereichen Messeauftritt, Systemstandbau und Veranstalterservice für Messen, Events und Kongresse. www.fairnet.de
Dirk Deumeland, geboren 1964, ist diplomierter Kulturwissenschaftler und nach verschiedenen Stationen im Veranstaltungsmanagement seit 2009 Prokurist bei der Fairnet GmbH. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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