Nominiert beim Deutschen Verlagspreis (4/7)

Merlin Verlag: Die Freiheit von Gifkendorf

„Freude zuvor!“ – Die Grußformel, mit der Jakobus in seiner Epistel einst die Christenheit zur Tat ermunterte, nahm Andreas J. Meyer an einem Sommerwochende 2017 als Willkommensgruß für die Gäste eines besonderen Sommerfestes: Der Merlin Verlag, der Verlag Jean Genets und Boualem Sansals, den Andreas J.Meyer 1957 gegründet hatte, feierte sein 60-Jähriges Jubiläum. Drei Jahre später erhält der Verlag den Deutschen Verlagspreis 2020. Da ist „Freude zuvor!“ TORSTEN CASIMIR

Katharina und Andreas Meyer

Katharina und Andreas Meyer © privat

Wer von Süden her die Lüneburger Heide durchreist und den Merlin Verlag sucht, muss Richtung Norden weiter, kurz vor Lüneburg auf der B4 rechts abbiegen, hinter Bienenbüttel ein paar Kilometer nordostwärts fahren, kurz vor Vastorf aufpassen und noch mal rechts ab, um dann in Gifkendorf an sein Ziel zu gelangen. Dort lebt und arbeitet das Merlin-Team, dessen Produktion seit Jahrzehnten wie wenige andere deutsche Verlagsprogramme für die Freiheit des Denkens, der Literatur und der Schriftsteller steht. Mag sein, dass der oft bewiesene Eigensinn der Menschen im nahe gelegenen Wendland bis Gifkendorf ausstrahlt: Hier jedenfalls hat sich ein Widerstandsgeist erhalten, dem die Literaturgeschichte viel verdankt.

60 Jahre gibt es Merlin nun schon, gar 90 wird im Dezember der Verlagsgründer Andreas J. Meyer, und immerhin schon seit 30 Jahren steuert die Verlagsschwester Little Tiger die Tigerenten bei – diese berühmten Tiere und vieles mehr rund um und zu Janoschs Geschichten (freilich erscheinen bei Little Tiger längst auch Titel neu ins Programm genommener Autoren). Entsprechend groß und schön wurde also auf dem Gifkendorfer Anwesen gefeiert. Verlagskollegen kamen (darunter Marianne Rübelmann aus Weinheim), befreundete Künstler, Buchhändlerinnen, Autoren und viele Weggefährten des Hauses, Nachbarn aus dem Dorf, der Landesverband des Börsenvereins war durch seine Geschäftsführerin Carola Markwa vertreten. Es wurde geredet, gelacht, gegessen, getrunken – und natürlich wurde vorgelesen in einem vollbesetzten Zelt.

Letzteres übernahmen zwei Profis: der Schauspieler Maximilian Meyer-Bretschneider, ein Großneffe des Verlagsgründers, und seine bezaubernde Kollegin Lara Feith. Die beiden führten die Jubiläumsgäste durch sechs Jahrzehnte von Merlin-Literatur, trugen Texte vor, die allesamt eines verband: das Thema Freiheit. Jean Genet kam zu Gehör, der Autor, dessen Theaterstücke und später auch Romane am Anfang der Merlin-Geschichte standen und die dem Verlag natürlich erhebliche Scherereien mit der Justiz einbrachten; bis heute erscheint das Gesamtwerk Genets auf Deutsch bei Merlin. Der Marrokaner Fouad Laroui stand auf der langen Leseliste, Regine JuhlsEugen RugeJanosch durfte nicht fehlen im Lese-Reigen, ebenso wenig Horst Janssen.

Überhaupt die Künstler: „Unser Verlag stand immer auf drei Säulen“, erklärte im Gespräch an der im Garten aufgestellten Kuchentafel die Tochter des Gründers, Katharina Eleonore Meyer; sie trägt seit 2005 die verlegerische Verantwortung. „Wir sind Theaterverlag, wir haben Kunst, und wir haben den Buchbereich.“ Die Kunstsäule wuchs in den 1960er Jahren durch die Nähe zu dem Künstlerkollektiv der Rixdorfer, dessen Mitglieder zeitweise auf dem Gifkendorfer Anwesen wohnten und aufwendige Ausstattungen bibliophiler Ausgaben beigesteuert haben.

In der Galerie des Verlags hatte das Verlagsteam für die Festgäste einige dieser Buchkunstwerke ausgelegt. Man konnte etwa in Horst Janssens wunderbar schwarz-rot-goldenen „Anmerkungen zum Grundgesetz“ blättern, oder Johannes Grützkes schmale Preziose „Im Watt“ zur Hand nehmen. Weiter hinten im Haus standen die Türen offen zum Merlin-Lager: bis zur Decke gestapelte Geistesgeschichte, ein Paradies zum Stöbern.

Die benachbarte Bienenbütteler Buchhändlerin Anne-Grete Patz, die mit dem Merlin-Verlag seit mehr als zehn Jahren in vielfacher Weise kooperiert, beschrieb am Rande, wie Buchlogistik unter nordostniedersächsischen Strukturbedingungen funktioniert: Da bringt die Verlegerin, was auszuliefern ist, in Bienenbüttel im Geschäft vorbei, so dass der KNV-Bücherwagendienst, wenn er bestellte Ware zu Patz liefert, mit KNV-Wannen voll Merlin-Bücher den Laden wieder verlässt. Effizientes System, keine Leerfahrten – und niemand auf dem Fest, der nicht die Daumen drücken würde für viele weitere Jahre voller Merlin-Wannen, die von Gifkendorf via Bienenbüttel in die Welt der Lesenden verschickt werden…

Dieser Artikel wurde bereits am 11.9.2017 auf www.boersenblatt.net veröffentlicht

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