Interview

"Meine Figuren sollen so realistisch wie möglich sein"

Deon Meyer gehört zu den interessantesten und lesenswertesten Krimiautoren des afrikanischen Kontinents. Im August erscheint bei Rütten & Loening sein neuer Thriller "Weißer Schatten", in dem sich Meyer mit der Umweltzerstörung in Südafrika und der Konfrontation europäischer und afrikanischer Werte beschäftigt. Manfred Loimeier hat für boersenblatt.net mit Deon Meyer gesprochen. Weitere Beiträge zum Thema Krimi lesen Sie auf boersenblatt.net ab morgen. Und versäumen Sie nicht das neue BÖRSENBLATT Extra Krimi, das am Donnerstag in Heft 27 erscheint. VON INTERVIEW: MANFRED LOIMEIER

Deon Meyer, dessen neuer Thriller "Weißer Schatten" im August bei Rütten & Loening erscheint

Deon Meyer, dessen neuer Thriller "Weißer Schatten" im August bei Rütten & Loening erscheint © Aufbau

Worum geht es in Ihrem neuen Roman? Meyer: Eigentlich sind es zwei Bücher: Im August kommt in Deutschland ein neuer Thriller heraus, der in Südafrika seit Herbst 2007 auf Afrikaans vorliegt und gerade auch ins Englische übersetzt wird („Onsigbaar“/„The Invisible“). Das ist eine vollkommen neue Geschichte, also mit neuen Figuren. Es geht um einen Bodyguard, der früher für die Regierung arbeitete, aber als Choleriker Probleme bekam. Er wurde straffällig, war einige Zeit im Gefängnis und arbeitet nun als privater Leibwächter für eine private Sicherheitsfirma in Kapstadt. Er wird angeheuert von einer Frau, die glaubt, dass ihr vor 20 Jahren gestorbener Bruder nicht tot ist. Sie fährt in die Mpumalanga-Provinz nahe dem Kruger-Park, um herauszufinden, was geschah. Der Bodyguard, Lemmer heißt er, glaubt, dass sie in einer Fantasiewelt lebt – er glaubt sie nicht in Gefahr und betrachtet das Ganze bloß als Gänsejagd. Und dann ändert sich plötzlich alles, und die Hölle bricht los. Das Buch, an dem ich gerade schreibe, ist eine neue Benny-Griessel-Folge. Es heißt „13 Hours“ und dreht sich um 13 Stunden im Leben von Benny Griessel. Er muss zwei Morde aufklären, die absolut nichts miteinander zu tun haben. Sie schreiben auf Afrikaans, und veröffentlichen rasch danach auf Englisch. Was halten Sie von dieser Notwendigkeit, als Afrikaans-Autor auf Englisch publizieren zu müssen, um besser bekannt zu werden, vor allem im Ausland? Meyer: Oh, darüber denke ich nicht viel nach, denn das ist einfach die Realität, in der wir leben. Es ist eine ganz pragmatische Sache. Wenn man in einer kleinen Sprache schreibt, wie Afrikaans eine ist, muss man in eine andere große Sprache übersetzt werden, um bemerkt zu werden – oder um überhaupt einen Verleger zu finden. Unbestreitbar ist Englisch eine solche Sprache, die verschiedene Märkte erreicht. Also das Vereinigte Königreich, Australien und die USA sowie Kanada und natürlich Südafrika. Das ist die Route, die eingeschlagen wurde, bevor ich zu schreiben begann. Ich folge einfach nur dieser Route. Aber ins Englische übersetzt zu werden, hat viele andere Türen geöffnet. Mein Verleger in Deutschland zum Beispiel kann Englisch und konnte auf dieser Grundlage entscheiden, meine Bücher zu kaufen. Es ist also ein Sprungbrett zu anderen Märkten und Sprachen – und das finde ich sehr angenehm. Hauptberuflich sind Sie kein Autor. Wie kam es, dass Sie zu schreiben begannen? Meyer: Ich wollte immer schon schreiben. Ich erinnere mich daran, wie ich als Junge mit neun Jahren las. Wir waren eine Familie, in der gern Bücher gelesen wurden. Ich habe noch zwei Brüder, und wir drei lasen gern, aber ich war der einzige, der – schon früh - diesen Drang und Wunsch spürte, zu schreiben. Mit neun wusste ich schon, eines Tages schreiben zu wollen. Ich hatte keine Vorstellung davon, was ich schreiben wollte, aber ich wollte Geschichten schaffen. Dieser Drang und Wunsch hat mich nie verlassen und erfüllt mich immer noch. Mit zehn, elf, zwölf dachte ich mir Geschichten aus. Mit 14 schrieb ich einen Kurzroman – einen schlechten Roman, aber ich musste ihn schreiben, ich hatte diesen Drang. Als ich in meinen 20ern war, versuchte ich das erste Mal, ernsthaft zu schreiben. Als ich mir das dann anschaute, realisierte ich, dass es schlecht war, dass ich noch lernen, dass ich meine Fähigkeiten und auch meine Persönlichkeit noch entwickeln musste. Mehr Einblick zu bekommen in mich selbst, ins Leben, in Menschen, bevor ich schreiben und zufrieden sein und es in die Welt geben könnte. Sie wenden ein System rotierender Hauptfiguren an, haben also nicht nur einen bestimmten Kommissar, sondern mehrere, die in den verschiedenen Büchern mal im Vordergrund stehen, dann wieder in den Hintergrund treten. Was hat Sie dazu veranlasst, und wonach beurteilen Sie, wer jeweils Hauptfigur wird? Meyer: Na, wenn einer der Kommissare müde wird, kommt der nächste dran ... (lacht). Nun, ich bin, glaube ich, nicht der erste, der so schreibt. Der US-Autor Ed McBain machte das sehr ausführlich. Wenn Sie dessen „87th Precinct“-Romane lesen, dann steht zwar meist Stephen Louis „Steve“ Carella im Mittelpunkt, aber es gibt darin auch andere Ermittlerfiguren: Bert Kling, Meyer Meyer, den jüdischen Cop, dann Arthur Brown, den afro-amerikanischen Cop, und natürlich „Fat Ollie“ Weeks. Ed McBain hatte eine Vielzahl von Figuren, und mal stand mehr der eine, mal der andere im Vordergrund, mal kamen sie nicht mehr vor, dann waren sie wieder da. Ich habe sehr viel von Ed McBain gelesen, als ich jung war, und denke, dass er mich sehr beeinflusst hat. Die meisten Ihrer Hauptfiguren sind gebrochene Existenzen. Sie trinken, haben ihre Familie ruiniert, ihre Frau verloren – außer Thobela, der schwarze Protagonist in „Das Herz des Jägers“ und „Der Atem des Jägers“. Ist das Zufall? Meyer: Nein, ich denke nicht, dass Thobela vollkommen ist. Er weiß, dass in ihm Gewalt schlummert und hat damit zu kämpfen. Ich habe für meine Recherchen viel Zeit bei der Polizei verbracht, und die meisten Kommissare, die ich dabei kennen gelernt habe, waren von ihrer Arbeit gezeichnet. Die Arbeit ist so traumatisierend, dass die meisten von ihnen irgendeinen Preis dafür bezahlen. Manche trinken, manche haben Depressionen. Ich versuche, dreidimensionale Figuren zu schaffen, die so realistisch wie möglich sind – die unter Bedingungen arbeiten müssen, in denen Mord und Gewalt alltäglich sind. Krimis erleben in Südafrika gerade eine Art Boom. Wie kommt das? Meyer: Ich bin mir nicht sicher, ob ich das erklären kann. Tatsache ist, dass wir in den 1960ern und 1970ern Kriminalromane hatten – dann aber nicht mehr. Meine Theorie ist, dass man in einer anormalen Gesellschaft keine Kriminalliteratur haben kann. Man kann keine Kriminalliteratur unter einem Regime haben, das nicht demokratisch und nicht frei ist. Denn die Polizei repräsentiert den Staat, und wenn der Staat illegal, böse, ist, dann sind auch die Polizisten böse. Und das ist, denke ich, der Grund, warum wir 20 hässliche Jahre lang keine Krimis hatten. Ich hatte das Glück, der erste zu sein, der in den frühen 90ern in diesem Genre zu schreiben begann, aber seither gab es eine regelrechte Explosion an Kriminalliteratur in Südafrika. Wir haben Krimis in den afrikanischen Sprachen, seit Jahren auch wieder im lokalen Englisch, und dann auch auf Afrikaans! Das ist fantastisch. Ich denke, dass die Literatur jedes Land das Genre Kriminalliteratur braucht, als Teil der Literatur, um sie zu vervollständigen. Von daher freut mich diese Entwicklung. Zur Person Der südafrikanische Schriftsteller Deon Meyer, 1958 in Paarl geboren, arbeitete nach seinem Studium zunächst als Reporter bei „De Volksblad“ in Bloemfontein, dann als Werbetexter, Creative Director und Web-Manager. Nebenher schrieb er Kurzgeschichten, die in Zeitschriften erschienen. Seine beiden ersten Bücher, der Roman „Wie met Vuur Speel“ (1994/2007) und die Kurzgeschichtensammlung „Bottervisse in die Jêm“ (1997) liegen nur auf Afrikaans vor. Meyers gut recherchierte Krimis aber werden verfilmt und ins Englische, Französische, Spanische, Italienische, Niederländische, Dänische, Tschechische, Rumänische, Bulgarische, Slowakische, Norwegische und auch ins Deutsche übersetzt. Sie gewinnen zahlreiche Preise – Le Grand Prix de Littérature Policière 2003, Le prix Mystère de la critique 2004, Deutscher Krimipreis 2006, ATKV-Drehbuchpreis 2007 - und werden erfolgreich auch in den USA publiziert.

Schlagworte:

0 Kommentar/e

Diskutieren Sie mit ...

  • Informationen zum Kommentieren

    Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

  • Mein Kommentar

    Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

    Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

    (E-Mail wird nicht veröffentlicht)
    CAPTCHA image
    Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination.

    * Pflichtfeld