Meinung

Regale und Köpfe sind verstopft

Ein Plädoyer gegen Lesefutterberge und mangelnde Qualität. Von Schriftsteller Wolfgang Bittner.

Wolfgang Bittner Schriftsteller; zuletzt erschienen von ihm »Das andere Leben« (Horlemann, 2007), »Flucht nach Kanada« (Laetitia, 2007) und »Der Aufsteiger« (Horlemann, 2008)

Wolfgang Bittner Schriftsteller; zuletzt erschienen von ihm »Das andere Leben« (Horlemann, 2007), »Flucht nach Kanada« (Laetitia, 2007) und »Der Aufsteiger« (Horlemann, 2008) © Markus Lokai

Als Jugendlicher habe ich viel gelesen: "Die Schatzinsel", Robinson Crusoe", Tom Sawyers und Huckleberry Finns-Abenteuer, "Die Flusspiraten des Mississippi", "Wolfsblut" und Coopers Lederstrumpf-Geschichten. Und dazwischen sämtliche für mich erreichbaren Romane von Jules verne und Karl May. Derartige Lektüre, die auch von Mädchen gelesen wurde, scheint derzeit passé zu sein. Was ist nun - außer den periodisch mit immensem Werbeaufwand eingeführten Bestsellern - an die Stelle solcher "klassischer" Lektüre getreten? In den Programmen der Jugendbuchverlage findet sich ein überaus großes Angebot von Büchern mit dem Zielpublikum Mädchen und sehr viel weniger, was für Jungen interessant sein könnte. Hier und da werden zwar sogenannte Jungenbücher angeboten, in denen vor allem Sexualität eine wesentliche Rolle spielt; zum Beispiel hat der Thienemann Verlag die Jungen-Reihe Für Mädchen verboten aufgelegt, bei Oetinger gibt es Bert-Katastrophenbücher. Ueberreuter bietet Action Pur und der Ravensburger Buchverlag für Jüngere die Knickerbocker-Bande. Aber überwiegend geht man davon aus, dass Jungen mit Büchern kaum mehr erreichbar sind. Diese Ausrichtung, die statistischen Erhebungen folgt, lässt sich nicht nur anhand der Verlagsprogramme belegen. Schon vor mehreren Jahren schrieb mir die Lektorin eines Jugendbuchverlags: "Wir werden den Roman nicht publizieren können, weil wir seit geraumer Zeit eine Verlagspolitik fahren, die dies nicht (mehr) erlaubt: Zum einen publizieren wir in dieser Altersgruppe zurzeit nur Mädchenbücher (weibliche Protagonisten), zum anderen ist vor allem aus ökonomischen Erwägungen heraus die Abkehr von problemorientierter Literatur gewünscht." Was aber kann an Literatur, die diesen Namen verdient, entstehen, wenn in vielen Verlagen neben der Jagd nach Bestsellern Spießigkeit, Engstirnigkeit und mangelnde Bildung dominieren? Da wird massenweise Lesefutter mit zweifelhaftem Unterhaltungwert produziert, das die Regale und die Köpfe verstopft. Abgesehen davon sind die Vermittler von Büchern überwiegend Frauen, die "eine Literatur bevorzugen, in der es eher sanft und gefühlvoll zugeht", wie das BÖRSENBLATT jüngst schrieb. Dass Jungen als Zielpublikum für viele Verlage uninteressant geworden sind, liegt unter anderem daran, dass sie nicht nur Bücher über Probleme mit der ersten Freundin, dem ersten Mal oder dem ersten Pferd lesen wollen; auch nicht über Technik, Fußball oder Raumfahrt. Man hat ihnen über Jahre hinweg mit Kitsch und Kram und Bauchnabelfirlefanz nahezu systematisch das Lesen ausgetrieben. Allerdings ist die Verlagsszene trotz der Fluktuation in den Lektoraten und trotz vieler Fusionen immer noch sehr komplex. Hier und da finden sich durchaus positive Ausnahmen: Bücher, die wirklich spannend sind, abenteuerlich, fantastisch - wie auch immer - und die außerdem für die Zielgruppe existentielle Inhalte geistreich transportieren. Im Grunde geht es überhaupt nicht um Jungenbücher oder Mädchenbücher - sondern um literarisches Niveau, um Lektüre, die nicht nur pubertierende Mädchen mit billigen Klischees bedient und damit den Markt verstopft. Es ist zu hoffen, dass sich die dafür Verantwortlichen besinnen. Wie ist es Ihrer Ansicht nach um das literarische Niveau von Jugendbüchern bestellt?

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27 Kommentar/e

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  • Vito von Eichborn

    Vito von Eichborn

    O Mann, lieber Wolfgang Bittner,
    so ein Käse - das sind doch uralte Hüte. Wer soll denn da sortieren? Wer bestimmt Qualität?
    Schon mal was von Freiheit gehört - der Leser, Händler, Verlage? Und von Toleranz - gegenüber den Andersdenkenden?
    Diese selbstgewisse Arroganz gegenüber minderwertiger Qualität hatte schon das Großbürgertum zur Zeit von Gartenlaube und Courths-Mahler.
    So ein Quatsch, das Lesen werde "ausgetrieben", das wurde uns auch über Comics erzählt - die Gesetze von Angebot und Nachfrage richten sich eben nicht nach nostalgischen alten Herren, die uns überflüssigerweise mitteilen, was sie selbst mal gelesen haben.
    Es war doch nie anders: Unter den Fluten des Trivialen gab und gibt es Wertvolles zu entdecken. Je intelligenter ein Buch ist, desto weniger Leser findet es. So what - wie könnte es anders sein?
    Oje, bitte keine Volkserzieher, die das Volk für doof halten!
    Es winkt und grüßt
    Vito von Eichborn

  • Hans-Joachim Schulz

    Hans-Joachim Schulz

    Nun.
    Jedes Volk hat die Regierung die es will - jeder Leserschaft die Bücher die sie erwünscht.
    Man kann versuchen den Leser zu erziehen, doch gegen den Leser verkauft sich kein Buch.
    Entwicklungstand der Industrienationen: Weströmisches Reich, Ende 4. Jahrhundert = Absturz in Sicht. (Hoffnung nur, wie auch schon damals: nur an der Peripherie.)

  • Wiebke Blanck

    Wiebke Blanck

    Ich stimme Herrn Bittner unbedingt zu, was das Niveau mancher Veröffentlichungen betrifft. Allerdings möchte ich mich ganz entschieden gegen seine Bemerkung zur "sanften" Literatur aussprechen: Wenn Herr Bittner schon über Klischees schreibt, sollte er sich darüber bewusst sein, dass Frauen auch als Leserinnen durchaus keine homogene Gruppe sind, die sich ausschließlich für Herzschmerz und "Bauchnabelfirlefanz" interessieren und damit einen durch diese Themen geprägten Markt hervorrufen. Nimmt man einmal die publizierten Schriftsteller in den Blick, die den Markt ja schließlich ausmachen, so finden sich unter den männlichen Vertretern einige, deren Themen vorwiegend um den Bauchnabel kreisen. Glücklicherweise hat der Autor noch die Bemerkung angefügt, dass es bei anspruchsvoller (Jugend-)Literatur nicht um geschlechtsspezifische Bücher geht.

  • Rosa Mann

    Rosa Mann

    "Abgesehen davon sind die Vermittler von Büchern überwiegend Frauen, die ´eine Literatur bevorzugen, in der es eher sanft und gefühlvoll zugeht´, wie das BÖRSENBLATT jüngst schrieb."
    Das habe ich mir gleich gedacht, dass die Frauen daran schuld sein müssen. Und wenn das Börsenblatt sagt, dass Frauen diese Art von Büchern bevorzugen, dann wird das sicher stimmen. Kann man das vielleicht wieder rückgängig machen, dass Frauen auch etwas sagen dürfen? Damit die Literatur nicht weiter den Bach runtergeht?

  • krämer

    krämer

    Für Jungs gibt es doch die Indianerromane, Karl May, Harka usw. , Heinrich Böll und diese, auch die anderen genannten Klassiker, das ist nunmal nicht zu toppen durch Autoren, die schreiben um des Geld verdienens willen, und nicht durch Verleger, die allein am Geschäft interessiert sind, und nicht daran, Jugendlichen Lektüre anzubieten, die ergänzend zu den Klassikern den Bedürfnissen und Interessen jugendlicher Leser und Leserinnen wirklich gerecht werden könnte. Alles, was Jungs im jugendlichen Alter zum Lesen brauchen: Das gibt es. Eine weitere schriftstellerische Produktion ist nicht nötig, ABSOLUT überflüssig, das ist alles nur fürs Geschäft, und natürlich die wirklich guten neueren Jugendbücher (mit Zeitbezug und ähnlichem, eingehen auf moderne Lebensverhältnisse), die es wohl geben mag, die gehen unter in dem Gesamtgeböllere von Buchstabenschrott.

  • Dieter Ziegler

    Dieter Ziegler

    Vor einiger Zeit hatte ich die Gelegenheit einen interessanten Vortrag von Prof. Dr. Christine Garbe zu diesem Thema zu hören. Ihre langjährigen Forschungen bestätigen im Grunde die Aussage von Herrn Bittner, ohne jetzt zu sehr in Details gehen zu wollen. Auch sprach sie von "Gender" und nicht von "Geschlecht", was dem Thema sicher gerechter wird. Ich füge jetzt einfach einmal einen Link zu ihren Internetseiten ein, weil ich diese Problematik einfach für zu wichtig halte, als dass man sie auf eine Klischee-Duskussion herunterbrechen sollte. Immerhin geht es um unserer Kinder. Hier also der Link: http://www.manndat.de/index.php?id=232

    Mit freundlichen Grüßen

    Dieter Ziegler

  • Annabelle Vroman

    Annabelle Vroman

    Der Anblick der meisten Kinder- und Jugendbuchabteilungen erfüllt mich auch mit Entsetzen, alles ist rosa und glänzt, ich denke schon, dass Herr Bittner nicht ganz Unrecht hat.
    Andererseits gibt es immer noch Verlage, die Mut zum Risiko haben und Bücher herausgeben, die sehr wohl literarischen Anspruch haben. Als Beispiel seien hier genannt: "Wir retten Leben, sagt mein Vater" des belgischen Gewinners des Deutschen Jugendliteraturpreises 2008, Do van Ranst, und der soeben im Gerstenberg-Verlag erschienene äußerst anspruchsvolle Roman "Ich, Adrian Mayfield" von Floortje Zwigtman. Letzterer ist sicherlich auch für Jungen interessant.

  • krämer

    krämer

    An den Grundschulen gibt es schon länger fast nur noch Lehrerinnen. Männliche Lehrer sind da die Ausnahme geworden, und das ist ganz klar, die Dominanz der Muttis bekommt den Jungs nicht.

  • Jörg Jahn-Meyer

    Jörg Jahn-Meyer

    O Mann Herr Bittner (Herr von Eichborn hat da völlig recht),
    Ihre Meinung lässt sich meiner Meinung getrost unter der Akte "Früher hatte wir mal einen Kaiser" abstempeln.
    Ein Kinder- und Jugendbuch kann, soll und muss heute nicht mehr von den von Ihnen zitierten "Lagerfeuer-Romantiken" leben.
    In unserer heutigen Gesellschaft sind Themen wie Toleranz gegen über Andersdenkenden und Anderslebenden angesagt. Der Jugendliche sollte sich mit anderen Kulturen und Kulturkreisen auseinandersetzen.
    Das Thema Sexualität und das somit verbundene Zugehörigkeitsgefühl in irgendeine Richtung sehe ich in unserer heutigen Zeit als immens wichtig an.
    Die Publikationen die Sie so "verehren" stauben in den Buchhandlungen immer mehr zu und werden höchstens noch von Seniorinnen und Senioren gekauft um noch ein letztes Mal in Kindheitserinnerungen zu schwelgen.
    Die heutige Kinder- und Jugendbuchliteratur hat den Auftrag den Leser in eine neue Zeit zu geleiten. Sie hat ihn modern und offen zu unterrichten.
    Meines Erachtens weist die moderne Kinder- und Jugendliteratur ein beachtliches Maß an Niveau auf. Sie ist interessant, konstruktiv, strittig, regt zum Nachdenken an, zum Weitererzählen und zum Diskutieren. Sie ist modern und TOLERANT ausgerichtet.
    Wer Jugendliche und Kinder noch in die Schemen von "Rosenresli" oder die Jungs in die Indianerwelt von Old Shatterhand packen will, der ist nun wirklich nicht von dieser Welt. Möglichst noch aufrechtstehend die Glocke vortragen und danach am Lagerfeuer "Wir lagen vor Madagaskar" singen.
    Das geht heute nicht mehr und soll, darf nicht mehr so sein. Nicht alle Protagonisten sind heutzutage mehr Frauen; Harry Potter zum Beispiel.... :-), Aber der scheint Herrn Bittner wohl zu feminin zu wirken.
    Nichtsdestotrotz: Die Qualität der Jugendliteratur ist heutzutage sehr ausgewogen, abwechslungsreich, konstruktiv und auch qualitativ.
    O.g. Meinung hingegen ist ein "alter Hut".

    Jörg Jahn-Meyer
    Inhaber The Book Buchhandlung Stolzenau
    Inhaber The Book Buchhandlung Liebenau

  • Dieter Ziegler

    Dieter Ziegler

    Versehentlich kopierte ich einen falschen Link in mein vorheriges Posting. Ich bitte dies zu entschuldigen. Hier der korrekte Link zur Homepage von Prof. Dr. Christine Garbe:
    http://www.fb1.uni-lueneburg.de/fb1/deutsch/mitarb eiter/Garbe/

    Und hier geht es zu ihrem Vortrag:
    http://www.querelles-net.de/forum/forum10-2.shtml

    Mit freundlichen Grüßen

    Dieter Ziegler

  • Stefan Wendel, Thienemann Verlag

    Stefan Wendel, Thienemann Verlag

    Herr Bittner hat m.E. schon recht, dass die Kinder- und Jugendbuchverlage die Zielgruppe Jungen aus den Augen verloren hatten. Doch - PISA sei Dank - das war gestern. Inzwischen haben die Kinder- und Jugendbuchverlage vielfältige Angebote speziell für Jungen geschaffen, mal mehr, mal weniger geglückt, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg (denn die Jungs sind diesbezüglich eine harte Nuss), häufig auch in der angemahnten literarischen Qualität. Auch die avj hat zu einem Umdenken in den Lektoraten beigetragen und uns ein hervorragendes, impulsgebendes Seminar zum Thema beschert. Die Tatsache, dass Jungen weniger lesen als Mädchen, hat jedoch nicht nur etwas mit dem kleineren Angebot zu tun. Jungen lernen das Lesen von klein auf als etwas "Weibliches" kennen - zu Hause (immer noch), im Kindergarten, in den Bibliotheken, in den Buchhandlungen, in der Grundschule und immer mehr auch in den weiterführenden Schulen. (Der Anteil männlicher Lehrer in den Grundschulen liegt inzwischen bei jämmerlichen 5 %!) Es fehlt an glaubwürdigen (!) männlichen Vermittlern von Kinder- und Jugendliteratur, die den Jungs beweisen, dass Mann sich für Bücher begeistern kann, ohne ein Warmduscher und Weichei zu sein. Die Aufgabe, Jungen zu Lesern zu machen, dürfen wir Männer nicht allein den vielen engagierten Frauen überlassen, die in der Leseförderung tätig sind und die sich jetzt auch vermehrt um die Jungs kümmern. Eines meiner Lieblingszitate in diesem Zusammenhang stammt von Silke Kirch aus ihrem lesenswerten Artikel "Lesen Jungs ander(e)s?", erschienen im Eselsohr 6/2006: "Ich kenne einen Grundschüler, der sehr betrübt war über den Befund der Schulpsychologin, dass er nicht reimen könne, denn natürlich kann er reimen: z.B. Penishaut auf Sauerkraut und Hodensack auf Schabernack. Aber das kann er der Schulpsychologin natürlich nicht sagen. Ich meine, da haben wir einen Großteil des Problems. Jungs haben wirklich Lust auf vieles, vielleicht auf manches, worüber Mädchen und Frauen lieber nicht sprechen wollen. Es sollte uns gelingen, Jungen zu vermitteln, dass ihre Lebenserfahrung trotz überbordender Frauenanteile in ihrem Lebensumfeld bedeutsam, erzählbar und verständlich ist und nicht nur als Mangel, Störung und Subversion in Augenschein genommen wird. Auch wenn wir uns dafür richtig anstrengen müssen." Zweifel habe ich allerdings, ob dies heute noch mit den Klassikern von damals geschehen kann, die Wolfgang Bittner ins Feld führt ...

  • Arthur Huber

    Arthur Huber

    Seit einiger Zeit betreiben wir auch eigene Buchhandlungen in der Deutschland, wie auch in der Schweiz wo das Angebot der Bücher ausschließlich von Kleinverlagen besteht mit überaus sehr guter Resonanz!
    Vor allem die Aussagen der Mütter in der Kinderbuchabteilung sind praktisch alle gleichlautend: "Endlich einmal etwas anderes ..." und sind erstaunt welche Vielfalt es an Kinderbüchern gibt, vor allem auch für Jungs, egal ob es sich um sog. Problembücher dreht oder wunderbare Bilderbücher, bei denen es nicht nur darum geht welchen Lernwert diese angeblich vermitteln. Denn dies ist gerade kleineren Kindern völlig egal, entweder es gefällt Ihnen oder eben nicht. Vor allem nicht auf Mainstream getrimmte Texte, wo einige größere Verlage inzwischen sehr viel Wert darauf legen und die Buchhändler bieten es auch dementsprechend an (haben sie ja so gelernt bei der Promotion von Verlag X oder Y ...), bzw. die Verlagsvertreter bieten Ihnen dies so an.
    Dennoch, auch kleine Verlag machen gute Bücher, klein, besser und vielfältiger, dafür um so exklusiver, was immer mehr Kunden doch sehr zu schätzen wissen!

  • Elke Jäger

    Elke Jäger

    Ach, das ewige Gejammer.!
    Jedes Jahr erscheinen ,neben einer Menge Mist , ganz wunderbare Bücher.Es gab in den letzten 4 Jahrzehnten, die ich Jugendbücher lese und verkaufe ,immer großartige Titel. Ein paar alte Börsenblatt-Jugendbuch-Sonderausgaben habe ich aufgehoben. Das ist manchmal recht unterhaltsam, zu sehen, worüber man sich früher aufgeregt hat.
    In diesem Jahr sind meine 3 stärksten Titel "Jungsbücher": Nennt mich nicht Ismael, Alabama-Moon, Der Junge, der sich in Luft auflöste. Was will man mehr, wenn man solche Novitäten hat?
    Die Bücher sind da. Lesen müssen die Jungs schon selber.

  • krämer

    krämer

    Es ist, auch wenn viele wertvolle neue Bücher auch für Jugendliche auf den Markt kommen, doch so, daß die Jugendlichen nicht selbst wählen, sondern daß ihnen mit gehöriger Propaganda was aufgetischt wird. In der unglaublichen Masse wird vorselektiert von denen, die daran was verdienen, um dann den Jugendlichen das Lesefutter vorzusetzen, und dann empört man sich über Appetitlosigkeit. Wenn Jugendliche nicht mehr Karl May, Harka, Tecumseh, Onkel Tom Hütte usw. lesen, dann nicht, weil das nicht etwas für sie wäre, sondern die Werbeproganda lenkt auf andere neuere Bücher, an denen es etwas zu verdienen gibt. Den Jugendbuchautoren will ich nicht generell unterstellen, daß es ihnen allein auf den Verdienst ankäme, und bei Herrn Bittner offenbar überhaupt nicht, aber bei Verlagen und Buchhandlungen ist doch unverkennbar, daß der junge Leser bzw. Leserin nur Objekt von Geschäftsinteressen ist.

  • C. Müller-Gödecke

    C. Müller-Gödecke

    Diese Diskussion finde ich sehr wichtig und anregend.
    Ich wußte zwar, daß Jungs sehr wenig lesen, war aber der Meinung, daß das immer schon so gewesen sei. Ich kenne es nicht anders. Oder sollten die Frauen inzwischen so sehr die Übermacht haben? Glaub ich nicht.

    Aber trotzdem meine Fragen:
    - liegt es an den Frauen, wenn Männer nicht Lehrer werden?

    - sind es nur weibliche Verlegerinnen, die den rosa Mist verlegen?

    - liegt es nur an den weiblichen Buchhändlern, wenn soviel Mist angeboten wird?

    Zu ersterer Frage habe ich eine ganz klare Antwort:
    Solange Lehrer schlecht bezahlt werden, werden sich weniger Männer für den Lehrerberuf entscheiden als Frauen. Frauen sind nämlich gewohnt, schlechter bezahlt zu werden (auch in der EDV z.B...., nicht nur in der Schule)

    Zur zweiten Frage:
    Ich glaube nicht, daß es eine feministische Verschwörung gibt, die nur noch rosa-Prinzessinen-Schrott produziert, um die Jungs zu demotivieren.

    Merke: Es sind nicht die Frauen, die diese Tussi-Romantik herstellen.
    Was Erfolg hat, was sich durchsetzt, was dominiert, ist von der Werbung gemacht.
    Und Werbung wird von Männern gemacht.
    Und die wollen kleine liebe rosa Frauen. So einfach ist das.

    Zur dritten Frage: ditto!
    In "meiner" Buchhandlung, in der auch die Frauen dominieren, weil Buchhändler eben ein schlechtbezahlter Beruf ist (wie Lehrer auch), wird der rosa LeseSchrott nur zähneknirschend geführt und nicht empfohlen.

    Was lernen wir? Bildungsvermittelnde, Lesefreude fördernde Berufe sind schlecht bezahlte Berufe.
    Darum gibt es da zuwenig Männer.
    Und deshalb steigt der Anteil der anti-emanzipatorischen Bücher, die dann wiederum die Jungs vergraulen ("nichts mit Prinzessin..! ")

  • Arthur Huber

    Arthur Huber

    Bravo !!!

    Von der Vorbesitzerin des Buchladens habe ich nur die rosa Taschen zum Einpacken der Bücher übernommen undd der rosa Kasten flog gleich als aller erstes raus.

  • krämer

    krämer

    "Solange Lehrer schlecht bezahlt werden, werden sich weniger Männer für den Lehrerberuf entscheiden als Frauen."
    Die schlimmere Wahrheit ist, unabhängig von der Bezahlung, daß die Berufe, wo die Frauen die Überzahl bekommen, im Status absacken. Der wahrgenommene Status des Lehrers (bzw. natürlich auch Lehrerinnen) ist ganz stark davon geprägt, daß die weiblichen Menschen diesen Beruf "übernommen" haben, DAMIT sinkt die gesellschaftlichen Reputation solcher Arbeit. Welcher "richtige" Mann will schon sich als Kindergärtner verstehen, das ist was für Weiber, Muttis.
    Diese üble kulturelle Vorbestimmung, was Männer dürfen, dürfen die stricken, nein, dürfen sie nicht.
    In Nordeuropa, z.B. Finnland, ist das Regiment der Muttis weit vorgeschritten, dort gibt es bald nur noch Männchen und männliche Muttis. Die Prüfung ist wirklich das Stricken. Es gibt geselligen Verkehr, wo die weiblichen Persönlichkeiten während des Smalltalk einen Pulli stricken. Zwei Eisen im Feuer? Die Stero-Type sagt: Ein richtiger Mann darf das nicht. Schon komisch. Aber warum eigentlich nicht. Das traurige Ergebnis der feministischen Forschung ist: Die FRAUEN mögen solche Männer nicht. Und wie in Finnland, in der Natur gibt es deutlichere Beispiele, die Degradierung von Helden zu Gatten und Netzbeschützern, und Kloputzern. Schatz, hast Du schon den Müll runtergebracht?

  • Jürgen Hees

    Jürgen Hees

    Zuerst sei eine Frage gestattet: was , bitte schön, ist Bauchnabelfirlefanz? Mein lieber Herr Bittner, irgendwie scheint mir, ist an Ihnen die Diskussion der letzten Jahre um die Jungsliteratur bzw das Jungs-lesen-nichts-Problem vorbei gegangen. Sie unterstellen den Verlegern und Lektoren Spießigkeit, Unwissen und reines ökonomisches Denken was direkt zu unterirdischer Qualität der Bücher führt. Falsch. Wenn Sie etwas genauer in der Verlagslandschaft und den Buchhandlungen gestöbert hätten, wäre Ihnen sicher aufgefallen, wie vielfältig und bunt und wild und lesenswert all die Bücher sind, die heutzutage produziert werden, egal ob von großen Verlagshäusern oder unabhängigen Verlagen. Der eine machts besser, der andere halt nicht, Ausfälle gab und wird es immer geben, aber keine Sorge, der geneigte Leser sortiert gadenlos aus. Zudem ist Schund immer sehr subjektiv, die Vielfalt machts, wie überall. Übrigens gibt es durchaus engagierte Frauen im Buchhandel, die ganz famos Jungs zum lesen animieren und das weder mit rosa Plüsch noch mit verstaubten Vorkriegsklassikern. Wer es nur wagt, über den Tellerrand zu blicken, entdeckt die unendlichen Möglichkeiten für das "erste mal"... mein Gott, dann ist es eben ein Manga, was solls? Übrigens: ist Ihnen eigentlich aufgefallen, wie viele schön editierten Klassikerausgaben von den unterschiedlichsten Verlagen als Backlist lieferbar gehalten werden? Wer Stevenson möchte, wird immer fündig werden! Jedoch sollten wir uns hüten, nur an den Klassikern festzuhalten, Jungs heutzutage leben in einer anderen Welt, das gilt es zu akzeptieren. Dann klappt es auch mit der Leseförderung.
    Was Bauchnabelfirlefanz ist, weiß ich leider immer noch nicht.

  • Frank Maria Reifenberg

    Frank Maria Reifenberg

    Es ist doch überhaupt nicht zu verleugnen, dass wir die Jungen als Leser verlieren - und zwar in einem alarmierenden Ausmaß. Wer sich umfassend damit beschäftigt (und das habe ich getan), findet schnell heraus, dass es eine Vielzahl von Gründen gibt und fast jeder wurde hier schon genannt. Wir können weiterhin darüber jammern und uns auch ordentlich beschimpfen und uns dann im Stellungskrieg (argh, männlich-martialischer Begriff und auch noch doppeldeutig!!!) festrennen. Oder etwas tun. Jungen brauchen ohne jeden Zweifel Angebote zur Leseförderung. Darin müssen wir auf ihre Bedürfnisse eingehen und die unterscheiden sich massiv von dem, was wir Alten (ob Mann oder Frau) uns vorstellen und wünschen. Mein Credo ist deshalb : Es ist zunächst nicht wichtig, ob sie zum "guten" Buch greifen, sondern dass wir sie dazu bewegen können, überhaupt zu lesen. Der Weg dorthin ist schwierig und erschöpft sich nicht in der Frage, ob es zu viele rosa Ecken und zu wenig Bücher für Jungs gibt. Der Buchmarkt gibt in allen Bereichen eine Menge her (wovon wir Autoren ein Liedchen singen können). Eine häufige Reaktion auf mein Angebot zur Jungenleseförderung (http://www.lesefoerderung-fuer-jungen.de) ist übrigens: "Was? Die sind doch sowieso überall bevorzugt!" Deshalb sei es klar gestellt: Jungenleseförderung zu stärken heißt nicht die Förderung von Mädchen zurückzuschrauben!!!

  • Dieter Dausien

    Dieter Dausien

    Also ich find's ja gut, dass es diese klischeefreie Jugendliteratur von Karl May noch immer gibt. Schade nur, dass die Knaben von heute keinen Zugang mehr zu dieser Hochliteratur haben, weil wir sie jahrelang mit solchem Mist vollgestopft haben. - O weh, Herr Bittner, Nomen scheint doch Omen zu sein, so verbittert wie Sie sind. Ansonsten kann ich nur Vito von Eichborn zustimmen, der es sehr schön auf den Punkt gebracht hat.

  • J.Courmont

    J.Courmont

    Erstens: Erschreckend scheint mir im ursprünglichen Artikel vor allem die Verknüpfung von "literarischem Niveau" (was auch immer das sei - Karl May..hmmm....) und der Frage des "Geschlechts".
    Zweitens: Dass Männer offensichtlich aus gesellschaftlich-sozialen Bedingung heraus nicht so gerne und viel Belletristik lesen wie Frauen ist seit dem 19. Jahrhundert hinlänglich bekannt.
    wie man aus 1 und 2 zu einer Anklage der Verlage kommen kann, ist mir schleierhaft!

  • Eugen Maus

    Eugen Maus

    Herrn Bittners Forderung nach literarischer Qualität von Jugendbüchern kann ich nur unterstreichen. Selbstverständlich gibt es dafür objektive Maßstäbe. Wenn Herr von Eichborn sie nicht kennt, dann wirft das kein gutes Bild auf ihn als Verleger. Was das mit Freiheit oder Toleranz zu tun haben soll, bleibt sein Geheimnis. Vielleicht verwechselt er es mit Beliebigkeit.

  • krämer

    krämer

    Es gibt da auch eine Häme über rechtschaffene Autoren, die scheinbar am Markt vorbeiproduzieren. Aber werden Bücher für den aktuellen Absatz geschrieben? Die Verleger schielen aber genau darauf, und DAS bekommt der Qualität nicht.

  • Eugen Maus

    Eugen Maus

    Es gibt ja erfreulicherweise auch Verleger, für die es nicht egal ist, ob sie Bücher oder Hamburger produzieren, auch wenn man mit letzteren sicher größere Auflagen erzielt.
    So weit es die weiter oben angesprochenen Verneigungen vor der Zeitgeistin betrifft, halte ich es mit einem Spruch von Reich-Ranicki: "Frauenliteratur - was ist das? Ich kenne nur gute oder schlechte Literatur!"

  • Renate Schoof   www.renateschoof.de

    Renate Schoof www.renateschoof.de

    Erfreulich, dass einige verstehen, worum es Wolfgang Bittner geht und das Gesprächsangebot engagiert aufnehmen.
    Bedauerlich allerdings, dass gerade ein Verleger und ein Buchhändler offensichtlich missverstehen wollen. Schade. Unsachliche und beleidigende Bemerkungen wie "verbittert, Quatsch, Käse" usw. bringen die Diskussion auf eine persönliche Ebene, wo sie nicht hingehört. (O Mann - ist diese Art, andere unfair anzugreifen etwa typisch männlich?) Auf jeden Fall hilft es nicht weiter. Wer traut sich denn schon noch grundlegend Kritik zu üben, wenn sich so viele im Mainstream treiben lassen und Verkaufszahlen blind machen.
    Wir mit dem Buch Beschäftigten sollten uns besonders bemühen, auch Börsenblattartikel genau und "verstehend" zu lesen - eine laut PISA ja in Deutschland nicht gerade verbreitete Kunst. Zum Beispiel hat sich Wolfgang Bittner weder gegen Unterhaltungsliteratur gewandt, auch nicht gegen heutige Literatur, noch hat er Karl May propagiert, wie ihm mehrfach unterstellt wird. Karl May - so entnehme ich dem Beitrag - ist lediglich als eines von mehreren Beispielen für die Jugendliteratur des Autors erwähnt. Reden wir konstruktiv miteinander, statt auf jemandem, der einen Missstand formuliert, herumzuhacken.
    Vor Jahren war ich Daniel Pennac ("Wie ein Roman"; seine 10 Gebote hingen damals in jeder Bibliothek) dankbar für seine offenen Worte zu literarischer Qualität, die es natürlich gibt und die es nie leicht hatte. Nur hatten lesenswerte Bücher früher eine größere Chance, wahrgenommen zu werden, weil der Buchmarkt weniger schnell rotierte.
    Renate Schoof

  • Dr. Otfried Wolfrum

    Dr. Otfried Wolfrum

    Aus dem Foto einfach zu unterstellen, Wolfgang Bittner sei
    verbittert, geht entschieden zu weit. Im Gegenteil,jeder, der ihn kennt, weiß, dass er nach wie vor ein engagierter Anwalt
    für das Lesen von Jungen (und Mädchen(!)) ist.
    Er hat recht, bei unpassender Lektüre verweigern sich die
    Leser. Und das findet dramatisch statt: Nach der jüngsten
    Erhebung (2007) liegen KJ-Bücher bei Jungen in der Me-
    dienpräferenz inzwischen hinter Zeichentrick und Comics
    auf Platz acht. Da braucht sich Herr von Eichborn nicht mit
    "Volkserzieher" mokieren, er sollte eher beunruhigt sein,
    ob es künftig überhaupt noch Leser für seine Bücher geben
    wird.
    Tatsache ist: Das (realistische) Abenteuerbuch steht, falls
    ein Junge überhaupt noch liest, nach wie vor ganz oben in
    der Präferenz . Leider gibt es nur wenige begabte Autoren,
    wie Wolfgang Bittner, die dieses schöne und wichtige, aber
    auch schwierige Genre noch bedienen können.

    Mit freundlichen Grüßen

    Dr. Otfried Wolfrum
    Laetitia Verlag

  • Dr. Bruno Köhler

    Dr. Bruno Köhler

    Das ist typisch. Alles jammert über die schlechten Leseergebnisse bei PISA und wenn ein Mann mal Tacheles redet, wird er persönlich angegriffen, satt sich seinen Argumenten sachlich zu stellen.

    Ich kann die Aussagen von Herrn Bittner aus meiner Praxis vollauf bestätigen. Da wirbt man in der Schule um Erwachsene als Vorlesepaten und wenn der Bürgermeister sich zur Verfügung stellt und will gerne Karl May lesen, wird ihn das verboten, weil es zu blutrünstig wäre. Das ist das Problem, das wir haben. Jungs interessiert es nicht, wenn die Lea mit dem Ele ein Eis essen geht (Schullektüre Grundschule Baden-Württemberg).

    Alle wissenschaftlichen Disziplinen, von der pädagogischen Forschung bis zur Hirnforschung bestätigen, dass die geringe Leseleistung der Jungen in der geringeren Lesemotivation begründet ist. Wenn man Jungen und Mädchen mit gleicher Lesemotivation vergleicht, dann verschwinden die geschlechterspezifischen Leseunterschiede nahezu vollständig. Das belegt schon die PISA-Studie 2000 und seitdem hat sich nahezu nichts getan.

    Jungen lesen, wenn sie lesen dürfen, was SIE lesen wollen. Aber wir wollen, dass sie das lesen sollen, was WIR wollen. Die schlechte Leseleistung der Jungs liegt also in unserem Ego begründet.

    Wer wissen will, was Jungen gerne lesen, kann sich unter http://www.manndat.de „Jungen lesen“ – Jungenleseliste informieren.

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