Interview mit Frank Thurmann

„Rolle des Readers wird überschätzt“

Libri, Thalia und Sony haben eine Kooperation zum Vertrieb von E-Books und Lesegeräten verkündet. Was hält KNV-Chef Frank Thurmann davon? VON INTERVIEW: TORSTEN CASIMIR, CHRISTINA SCHULTE

Frank Thurmann

Frank Thurmann © Horst Rudel

Wie fühlt man sich als Barsortiment außerhalb dieser Allianz? Thurmann: Zunächst begrüße ich jede Allianz, die die Chancen innovativer Technologien zur Entwicklung neuer Geschäftsmodelle nutzt und nicht abwehrt. Inwieweit die einzelnen Partner von dem Geschäftsmodell profitieren, ist noch unklar. Die Rolle des Readers wird meines Erachtens noch überschätzt. Neben Amazon, wenn überhaupt, wird es wohl keinem weiteren Marktteilnehmer gelingen, ein proprietäres System durchzusetzen. Mit welchem Geschäftsmodell werden Sie kontern? Thrumann: Ab sofort ist in Buchkatalog.de bei zahlreichen Titeln die Google Vorschau integriert. Per Mausklick gelangen die Internet-Nutzer über einen Button beim Titel zur Google Vorschau. Mit Google Vorschau war es uns wichtig, sowohl für Verlage, als auch dem Buchhandel schnell und unkompliziert Vorteile zu generieren. Wir versprechen uns verbesserte Verkäuflichkeit, erhöhte Beratungsmöglichkeit und weniger Remittenden durch Vermeidung der Ansichtsexemplarbestellungen. Verschiedene Optionen für ein Geschäftsmodell für E-Books sind bei uns im Gespräch. Die Wertschöpfung eines Großhändlers wird aber sicher die einer Aggregation sein. Wie beurteilen Sie den E-Book-Vertrieb über den Buchhandel? Der E-Book-Vertrieb wird in erster Linie im Internet stattfinden, durch Internet-Kaufhäuser wie amazon.de, Suchplattformen und auch über Communities in einer Web 2.0-Welt oder durch Verlage direkt. Die Rolle des Buchhandels im B2B-Geschäft hat Potenzial, wenn es dem Buchhändler gelingt, seine Wertschöpfung darzustellen und zu verkaufen. Trauen Sie dem Buchhandel zu, dass er schnell Beratungskompetenz aufbaut? Thurmann: Das hängt sehr davon ab, ob er sich kreativ um die Gestaltung der Beratungsleistung Gedanken macht. Teilen Sie die Prognosen vieler, dass E-Books binnen weniger Jahre bereits ein Viertel des Buchmarkts ausmachen werden? Thurmann: Der Anteil von E-Books wird in Zukunft stark vom Content, dem Verkaufskanal und dem Nutzerkreis abhängen. In einigen Segmenten ist die Größenordnung von 25 Prozent durchaus denkbar. Zu Beginn des E-Commerce-Zeitalters gab es Prognosen zwischen fünf Prozent und 50 Prozent für den Anteil des elektronischen Handels. Auch bei den elektronischen Inhalten wird das Wachstum irgendwo zwischen den Extremen seine Grenzen haben, allerdings mit sehr unterschiedlicher Ausprägung in den einzelnen Warengruppen oder Verkaufskanälen. Wie schätzen Sie die Bereitschaft und die Fähigkeit der Verlage ein, rasch Titel in dem von Libri gewünschten EPUB-Format bereitzustellen? Thurmann: Es ist zu früh, dafür eine konkrete Prognose abzugeben. Der Markt wird jedoch bald entscheiden, welche Formate sich durchsetzen - in Abwägung von Komfort, Kopierschutz und Formatierungskosten. Aktuell glauben wir, dass sich das EPUB-Format und offene Strukturen bewähren werden. Sind Ihre Kunden schon auf Sie zugekommen mit der Frage, was KNV ihnen beim Thema E-Books nun anbieten wird? Thurmann: Der mediale Hype vor der Frankfurter Buchmesse hat dazu geführt, dass viele Buchhändler sich über das E-Book-Geschäft informieren wollten. Für Buchhändler und Verlage ist es wichtig, dass Lösungen entwickelt werden, von denen sie profitieren. Für das jetzt ins Rennen gehende Sony-Lesegerät ist ein Preis um die 300 Euro im Gespräch. Ist ein solcher Preis für E-Reader bereits massenmarkttauglich? Thurmann: Sie müssen sowohl günstiger, als auch attraktiver werden – aber das ist der ganz normale Gang einer technologischen Entwicklung und wird wahrscheinlich schneller gehen, als der Handel den Vertrieb entwickelt. Wie Sehen Sie jetzt die Rolle von libreka!, der als Branchenlösung gedachten Plattform? Thurmann: libreka! als unabhängige Plattform zur Speicherung von E-Content ist sicher im Interesse der meisten Mitglieder, sofern alle Branchenteilnehmer gleichberechtigten Zugriff auf diese Plattform haben. Alle darüber hinausgehenden Aktivitäten, insbesondere der Vertrieb von E-Books durch libreka!, stehen im Wettbewerb mit Geschäftmodellen vieler Börsenvereins-Mitglieder und sollten daher umgehend aufgegeben werden. Auch hier zeigt sich mal wieder, dass im Börsenverein klare Regeln fehlen, wo die Grenzen der Tätigkeit der Wirtschaftsbetriebe sind. Ein Berufsverband darf seinen Mitgliedern keine Konkurrenz machen. Die Stimmen von Beitrag zahlenden Börsenvereins-Mitgliedern haben inzwischen einen kritischen Stand erreicht.

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