Kontroverse zum Urheberrecht beim Branchenhearing Buchmarkt

„Sie werden immer hinter den Piraten herlaufen“

Als Bestandsaufnahme war das Branchenhearing Buchmarkt von Seiten der Bundesregierung beabsichtigt worden, aber auch als „intensiver Dialog“. Intensiv gesprochen wurde bei dem gestrigen Treffen in Frankfurt tatsächlich, inhaltlich aber dominierte ein Thema die Debatten: Wie steht es im Internetzeitalter um die Rechte der Urheber und der Verwerter?

Manfred Metzner, Kurt-Wolff-Stiftung

Manfred Metzner, Kurt-Wolff-Stiftung © Harald Schröder

Till Kreutzer, iRights.info

Till Kreutzer, iRights.info © Harald Schröder

Joerg Pfuhl, Random House

Joerg Pfuhl, Random House © Harald Schröder

Anna Dünnebier, Autorin

Anna Dünnebier, Autorin © Harald Schröder

Vittorio Klostermann (rechts), Klostermann Verlag

Vittorio Klostermann (rechts), Klostermann Verlag © Harald Schröder

Bettina Preiß, VDG-Verlag

Bettina Preiß, VDG-Verlag © Harald Schröder

Branchenhearing Buchmarkt im Frankfurter Literaturhaus

Branchenhearing Buchmarkt im Frankfurter Literaturhaus © Harald Schröder

Die Positionen konnten disparater kaum sein. Nach dem pointiert provozierenden Blick auf die „schöne neue Welt“ aus Verlegerperspektive durch Karl-Peter Winters meldete sich die Generaldirektorin der Nationalbibliothek, Elisabeth Niggemann, versöhnlicher zu Wort: als „Freundin der Verleger“. Wenn es um die Vermarktung digitaler Bestände gehe, will Niggemann darunter „das Heben von Schätzen und das Aufmerksammachen“ verstanden wissen. Die Bibliotheken strebten nicht nach der kommerziellen Verwertung, sondern „wir wollen es vermarkten im Sinne von: frei an möglichst viele Nutzer bringen“, versicherte sie. Und ergänzte: „Was urheberrechtsfrei geworden ist, sollte vom öffentlichen Bereich nicht wieder unfrei gemacht werden.“ Thieme-Verleger Albrecht Hauff machte darauf aufmerksam, wie rasch gesetzgeberische Entscheidungen das Geschäft der Wissenschaftsverlage beeinträchtigen können. „Was uns bedroht, ist die Internet-Piraterie.“ Noch funktioniere bei Thieme das Lizenzgeschäft für die E-Book-Libraries sehr gut, die Preise des Verlages würden „offensichtlich als angemessen empfunden“. Das könnte sich schnell erledigt haben, warnte Hauff, wenn nach einem womöglich erweiterten Paragraph 52b des Urhebergesetzes künftig die Online-Nutzung der lizenzierten Werke nicht auf die Leseplätze des Lizenznehmers beschränkt bliebe. Die Interessen der Autoren im Internet brachte Anna Dünnebier auf einer prägnanten Plus-Minus-Liste zusammen. „Neue Chancen“ sieht die stellvertretende Vorsitzende des Verbands Deutscher Schriftsteller – „wir können Texte öffentlich machen. Das ist ein großer Gewinn an Informationsfreiheit, leider noch nicht an Verdienst.“ Das Urheberrecht stehe nicht gegen die Informationsfreiheit (was leider öffentlich oft und falsch behauptet werde). „Autoren möchten ihre Texte gerne weiterverbreiten; sie möchten von dieser Verbreitung allerdings auch gerne leben.“ Dünnebier kritisierte alle Versuche, geistigen Diebstahl mit Hinweis auf die Kultur- und Informationsfreiheit zu rechtfertigen. „Hier tut Aufklärung not.“ Zum Google-Settlement bemerkte die Schriftstellerin, von ihr seien bisher drei Romane bei Google auffindbar. „Jetzt bekomme ich vielleicht 60 Dollar für jeden Roman für die Einräumung lebenslanger weltweiter Nutzungsrechte. Das scheint mir ein recht bescheidenes Honorar zu sein.“ Allerdings: „Können wir Autoren überhaupt aussteigen? Oder verschwindet man dann ganz aus dem Kanon der Bücher?“ Der Rechtsanwalt und Autor Till Kreutzer von iRights.info ermunterte die Branche dazu, kreativ über neue Geschäftsmodelle nachzudenken und die Vorteile zu sehen, die sich aus dem Google-Settlement ergeben könnten: mehr Reichweite etwa, immerhin eine Beteiligung an den Einnahmen der Suchmaschinenfirma. Kreutzer widersprach auch der Auffassung, es drohe ein Ausverkauf der Rechte. „Google erhält nur einfache Nutzungsrechte. Jeder Autor kann sich selbst weiter vermarkten.“ Nach Überzeugung von Random-House-Geschäftsführer Joerg Pfuhl ist das Internet zunächst einmal ein hilfreiches Marketing-Instrument. „Wir können erstmals direkt mit unseren Lesern kommunizieren. Online ist ein bedeutsamer Vertriebsweg sowohl für physische Bücher wie für digitale Produkte.“ Pfuhl wies darauf hin, dass sich in den USA die Umsätze mit E-Books zuletzt steil nach oben entwickelten. Er erwarte den „Marktdurchbruch in den nächsten fünf Jahren“. Publikumsverlage würden deswegen nicht verschwinden; „sie bleiben wichtig. Aber es werden bis dahin heute noch unbekannte Geschäftsmodelle entstanden sein.“ An die Politik richtete Pfuhl, wie zahlreiche Branchenvertreter vor und nach ihm, drei Wünsche: einen verlässlichen Rechtsrahmen, der das Eindämmen von Online-Kriminalität ermöglicht; eine Anpassung des Mehrwertsteuersatzes für digitale Bücher; und schließlich eine Initiative Leseförderung. Bettina Preiß, die die Geschichte ihres VDG-Verlags (Verlag und Datenbank für Geisteswissenschaften) referierte, räumte bei der Gelegenheit mit dem Vorurteil auf, die Buchbranche habe die Digitalisierung verschlafen. Sie habe in ihrem Unternehmen bereits in den frühen neunziger Jahren über digitale Workflows und Geschäftsmodelle nachgedacht. „Das Internet ist für uns der Weg zu den speziellen, den nicht industrialisierten Büchern. Sie werden durch das Internet auffindbar und dadurch nutzbar für Menschen mit besonderen Interessen.“ Das Stichwort Förderpolitik brachte der Verleger Manfred Metzner, ehrenamtlich für die Kurt Wolff Stiftung zugegen, ins Gespräch. Zum Schutz einer „Vielheit“ von Verlagen seien Programme von Regierungsseite zur Unterstützung der kleinen Verlage in Deutschland sehr zu wünschen. Metzner richtete eine von ihm gern gestellte Frage an den Moderator des Tages, Peter Grafe, Referatsleiter „Kulturwirtschaft“ beim Kulturstaatsminister: „Warum gibt es ein Filmförderungsgesetz, aber kein Literaturförderungsgesetz?“ Darauf Grafe: „Diese Frage kann ich Ihnen nicht beantworten.“ Darauf Metzner: „Eben!“ Die beiden auf dem Hearing vortragenden Buchhändler, Osiander-Chef Heinrich Riethmüller und Börsenvereinsvorstand Stephan Jaenicke, stimmten darin überein, dass der Markt für den stationären Buchhandel enger werde – zugunsten des Internet-Handels. Riethmüller skizzierte, wie die Buchhandlungen seines Unternehmens jedoch offensiv mit den neuen Gegebenheiten umgingen: etwa durch eine Weiterentwicklung des Markenbilds zu „OSIANDER.de“; etwa durch den Verkauf des Sony-Readers in allen Filialen ab Mitte März; etwa durch die Nutzung der lokalen Bekanntheit von Osiander für den eigenen, sehr individuellen Online-Shop. Jaenicke als Vertreter der kleineren Buchhändler räumte ein, dass die Digitalisierung viele kleine, unabhängige Geschäfte eher vor neue Probleme denn vor neue Chancen stelle. Zwar hätten die meisten Kollegen heute schon Online-Buchshops, „aber oft noch viel zu wenig individualisiert“. Aus seiner Sicht fördert die Digitalisierung bereits vorhandene große Trends: den zur Konzentration; den zum Internethandel; den zur Stärkung ohnehin starker Marken; und den zur Piraterie. Letzteren solle man nicht durch den Ruf nach dem Gesetzgeber aufzuhalten versuchen. So lautete die provokative These von Michel Clement, Professor am Institut für Marketing und Medien der Universität Hamburg. Clement warf der Buchbranche vor, sie habe es seit Jahren versäumt, legal und leicht zugänglich populäre Bücher online zu vermarkten. Und was die Branche nicht selbst erledige, das erledigten dann die User für sie. „Sie können im Urheberrecht machen, was Sie wollen: Der User wird seinen Weg in den Schwarzmarkt finden. Millionenfach. Sie werden immer hinter den Piraten herlaufen.“ Die Branche habe durch ihre Untätigkeit dazu auch noch indirekt den Anlass produziert. Des Professors Fazit: „Sie haben kein juristisches Problem. Sie haben ein Marketing-Problem.“ Mehr zum Branchenhearing lesen Sie im aktuellen Börsenblatt, das am 5. März erscheint.

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9 Kommentar/e

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  • Dennis Schmolk

    Dennis Schmolk

    Schade, dass Sie die wichtigste Aussage in den letzten Absatz verbannen. Denn genau wie die Musikindustrie muss sich auch der Buchmarkt damit abfinden: die alten Geschäfts- und Marketingmodelle tragen nicht mehr. Über neue Vertriebswege und neue Kundenakquise muss nachgedacht werden - aber da darf man nicht haltmachen. Wir befinden uns auf dem Weg in eine neue Medienkultur; und ich jedenfalls wünsche mir, dass wir das Buch hinüberretten.

  • bookseller

    bookseller

    Ein wichtiger Artikel und wie immer, wenn es ernst wird, traurig wenig Kommentare hier im Forum. Solange es Buchhändler mehr umtreibt, von welchem Standort aus Suhrkamp sein angestaubtes Image pflegt, als vor welchen Herausforderungen die Branche wirklich steht, sehe ich leider eher schwarz. Wir schon gesagt, es lohnt sich, den Artikel bis in die letzte Zeile zu lesen.

  • Matthias Ulmer

    Matthias Ulmer

    Nein, der letzte Absatz, der Vortrag von Herrn Clement, enthält nicht die wichtigste Aussage. Dafür enthielt er die größten Platitüden. "Der Buchhandel hat alles verschlafen..." "Macht nicht den Fehler der Musikindustrie..." Solche Sätze kann man doch nicht mehr hören. Herr Clement hatte ganz offensichtlich keine Ahnung, was der Stand der Digitalisierung in den Verlagen heute ist. Seine revolutionären Vorschläge spiegelten etwa das wieder, was seit vier bis fünf Jahren gemacht wird. Das war enttäuschend.

    Natürlich werden wir weiter neue Geschäftsmodelle anbieten. Neue Geschäftsmodelle hängen uns doch schon zum Hals raus, so viele haben wir skizziert, geprüft, gerechnet, umgesetzt und zum größten Teil wieder in die Schublade gepackt, weil es halt noch zu früh ist, weil die Nutzer noch nicht so weit sind. Aber dass wir uns ständig anhören müssten, wir seien verschlafen, weil wir keine neuen Geschäftsmodelle hätten, obwohl diejenigen, die das großmäulig behaupten, ja keinen Schimmer haben, was wir bereits alles getestet und in unseren Schubladen verstaut haben, das ist ärgerlich.

    Und: Wir werden immer hinter den Piraten herlaufen? Ja und? Wir laufen immer hinter den Verbrechern her. Das ist seit tausend Jahren so und wird sich nie ändern. Das ist doch kein Argument, Kriminalität zu legalisieren. Schlimm ist ja nur, dass man uns unter dem Deckmäntelchen Datenschutz daran hindert, hinter den Dieben herzulaufen.

  • bookseller

    bookseller

    Ja, so ist es. Die Verlage, gerade die Fachverlage, stellen sich seit Jahren des Herausforderungen und erarbeiten Konzepte und Modelle. Nur fehlen Ihnen leider zu oft die Partner im Handel. Es kann nicht die Bringschuld der Verlage sein, um Engagament des Sortiments zu betteln. Des Händlers Initiative ist gefragt. Dass Verlage Mittel und Wege finden werden, digitale Inhalte angemessen zu vermarkten steht außer Frage. Und sie werden es tun. Ob mit dem Handel oder ohne.

  • Matthias Spielkamp

    Matthias Spielkamp

    Herr Ulmer, ich glaube Ihnen sofort, dass die Verlage seit Jahren allerhand ausprobieren, dass das teuer, anstrengend und frustirerend ist. Die Außensicht ist ja immer sehr undifferenziert. Nur sollten Sie sich darüber freuen, dass Ihnen jemand mal diese Außensicht präsentiert, denn das ist eben auch die Sicht der Kunden. Und wenn die Kunden Libreka nicht kennen, oder wenn sie es kennen (was sehr unwahrscheinlich ist) und es ihnen egal ist, weil sie es nicht benutzen können, weil es eine Usability-Hölle ohne interessante Inhalte ist, dann haben die Verlage eben genau *kein* Geschäftsmodell, das für diese Kunden funktioniert. Wenn man diese Sicht nicht akzeptiert, dann macht man halt etwas falsch, da kann man so viele Geschäftsmodelle ausprobiert haben wie man will. Aber Sie sind ja offenbar der Ansicht, die Nutzer sind noch nicht so weit. Von welchen Nutzern sprechen Sie - den Google-Nutzern, den iTunes-Nutzern, oder den Nutzern, die die Buchhändler alle so toll finden - die im Netz bestellen, und dann in der Buchhandlung das Buch abholen? Wer auf die setzt, hat schon verloren. Zumindest den Massenmarkt.

  • buchleser

    buchleser

    Die Verlagsbranche hat offenbar wenig von der Musikindustrie gelernt, wenn hier wieder einmal pauschal gedroht und kriminalisiert, und kein Unterschied zwischen kommerzieller und privater rechtswidriger Nutzung gemacht wird. Hat es dem Ruf der Musikindustrie gut getan? Es wird so oder so immer genug Leute geben, denen ein gutes Buch 20 Euro wert ist, und wie viele wissen schon tatsächlich, wie man an vollständige eingescannte Bücher kommt?

    Die Musikindustrie hat aber schon teilweise gelernt, dass nur nicht mit DRM behaftete Musik wirklich gefragt ist - diese Erkenntnis müsste sich bei E-Books wohl auch erst generell durchsetzen.

  • ebook-Freund

    ebook-Freund

    Bei Fachbuchverlagen kenne ich mich zu wenig aus; darum möchte ich dazu keine Meinung abgeben - aber bei Verlagen, deren Sortiment aus Belletristik besteht ... Möglicherweise sollten diese einmal das Geschäftsgebaren des amerikanischen Verlages "Baen Publishing" analysieren, der seit über 9 Jahren erfolgreich im e-book-Markt tätig ist und sein entsprechendes Angebot über die Jahre successive ausgebaut hat - ohne, daß es negative Auswirkungen auf die Verkäufe der Deadtree-copies gehabt hätte (Toni Weisskopf, die Verlagschefin, ist schließlich keine Selbstmörderin ...)

  • cliavouc

    cliavouc

    Ich kann meinem Vorkommentator nur beipflichten. Nehmen Sie sich ein paar Minuten und gewinnen Sie einmal einen Überblick über die Diskussionen auf den US-Seiten http://www.mobileread.com und http://www.teleread.org. Die lesen nämlich Ihre zukünftigen Kunden bzw. dort finden sie Ihre Zielgruppe und viele Multiplikatoren, die gute Ideen gern weiter verbreiten.

  • Matthias Ulmer

    Matthias Ulmer

    Herr Spielkamp, ich spreche von den Kunden, die unsere Bücher (oder die anderer Verlage wollen). Und da ist in den vergangenen Jahren das Angebot immer größer gewesen als die Nachfrage. Es gab eben noch keinen Markt dafür.

    Das ändert sich nun, weshalb so ziemlich alle Verlage das Thema mit Priorität betreiben. Es wird in den kommenden Jahren eine starke Dynamik bekommen. Aber dennoch wird das Thema eine geringe Marktbedeutung haben. Der gesamte Marktanteil der Bücher wird von heute weniger als 1% auf sicher 5% steigen. Und in zehn Jahren sind wir dann vielleicht bei 15%.

    Illegale Downloads sind bisher nur beim Hörbuch ein Thema. Natürlich sind auch unsere Bücher auf den Klauplattformen zu finden. Aber es gab auch früher schon Raubdrucke. Erst mit dem E-Book kann das ein echtes Problem werden, weshalb die Verlage das Thema jetzt so hoch aufhängen.

    Kurz: es gibt bisher nur einen sehr kleinen Markt, weil es praktisch keine Nachfrage gibt. Und deshalb gibt es auch noch kein dramatisches Piraterie-Problem.

    Ich habe an dem Vortrag von Herrn Clement kritisiert, dass er den Verlagen vorwirft, etwas zu verschlafen. Und das ist eben Käse. Man hat noch nichts verschlafen, man bereitet alles vor, die Konzepte sind da und werden vorbereitet. Es tut manchmal gut, wenn man sich vor einem Vortrag auch vorbereitet.

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