Interview

"Es sind Zeiten des Umbruchs"

Die Cornelsen Verlagsholding hat von der Langenscheidt Gruppe die Aktienmehrheit am Bibliographischen Institut (B. I.) übernommen. Cornelsen baut damit nicht nur seine führende Position im Schulbuchmarkt aus, sondern erweitert sein Portfolio beträchtlich - auch um den Kalenderverlag von B.I. Boersenblatt.net sprach mit Alexander Bob, Geschäftsführer der Cornelsen Holding, über Hintergründe und Perspektiven des Zukaufs. VON INTERVIEW: MICHAEL ROESLER-GRAICHEN

Alexander Bob, Geschäftsführer Cornelsen Holding

Alexander Bob, Geschäftsführer Cornelsen Holding © Cornelsen

Herr Bob, an Zufall zu glauben fällt schwer, wenn der ehemalige Vorstandssprecher von B. I. & F. A. Brockhaus nun für Cornelsen die Aktienmehrheit von B. I. übernimmt? Ist die Übernahme von langer Hand geplant?

Bob: Die Gespräche zwischen Langenscheidt und Cornelsen sind über viele Monate gelaufen und haben in der Tat bereits 2008 begonnen. Letzte Woche Montag haben wir dann die Verträge unterschrieben.

Mit dem Kauf des Bibliographischen Instituts erweitern Sie Ihr Portfolio deutlich und arrondieren Ihr Angebot im Bildungsbereich: Bis auf die berufliche Bildung gibt es kein Segment, in dem Sie künftig nicht vertreten sind. Sind Sie jetzt die Nummer 1 unter den Bildungsverlagen?

Bob: Das ist für uns kein primäres Ziel, sondern ergibt sich höchstens aus der Erreichung der eigentlichen Ziele. Der Kauf von B. I. ist aus Sicht der Cornelsen Holding eine ideale Ergänzung. Und es ist eine der letzten attraktiven Möglichkeiten für einen Zukauf im deutschen Markt überhaupt. Vor allem Duden als herausragende Marke eignet sich in besonderer Weise, das Geschäft mit Bildungsmaterialien auszubauen.

Stand beim Verkauf der Aktienmehrheit durch Langenscheidt und die Gesellschafterfamilie Brockhaus auch die Überlegung im Hintergrund, dem B. I. ein neues, krisenfestes Zuhause unter dem Dach einer wirtschaftlich starken und finanziell unabhängigen Verlagsgruppe zu geben?

Bob: In den Gesprächen mit Andreas Langenscheidt und Hubertus Brockhaus, die mein Geschäftsführungskollege Herr Hubertus Schenkel und ich gemeinsam geführt haben, war das ein Leitgedanke: B. I. eine Zukunft in einer größeren Verlagsgruppe zu geben, in der das Unternehmen mehr Wachstumschancen erhält und eine Position hat, die robust genug ist, um angesichts der anstehenden Herausforderungen der Buchbranche zu bestehen. Umgekehrt war unser Eindruck, dass auf Seiten der Familien Brockhaus und Langenscheidt für dieses Unternehmen bewusst als Käufer keine Investorengruppe, sondern ein verlegerischer Hafen gesucht wurde.

Hat das gute persönliche Verhältnis, das Sie und Herr Schenkel zu Andreas Langenscheidt und Hubertus Brockhaus haben, die Übernahme begünstigt?

Bob: Natürlich ist die Basis für ein solches Geschäft Vertrauen. Nur wenn alle Beteiligten wissen, was auf sie und die Verlage zukommt, kann man so etwas planen und umsetzen.

Welche Rolle hat die schwierige wirtschaftliche und personelle Lage von B. I. nach der Herauslösung von Brockhaus gespielt?

Bob: Die starken Veränderungen, die durch den Verkauf von Brockhaus ausgelöst wurden, haben ohne Zweifel Blessuren hinterlassen. Der Verlag und die Mitarbeiter sind tief berührt und natürlich auch verunsichert. Der Sozialplan für die Mitarbeiter, die aufgrund des Brockhaus-Verkaufs an Bertelsmann ausscheiden müssen, ist noch nicht verabschiedet und die diesbezüglichen Hausaufgaben müssen vom Vorstand erledigt werden. Parallel dazu wird es vordringliche Aufgabe sein, das Unternehmen wieder nach vorne auszurichten, an die Stelle der Beschäftigung mit sich selbst die Beschäftigung mit den Märkten, Kunden und positiven Zielen zu setzen.

Wird am Standort Mannheim gerüttelt?

Bob: Nein. Bis zum Vollzug der Übernahme - das Kartellamt in Österreich muss noch zustimmen - wird sich für die Mitarbeiter ohnehin nichts ändern. Danach wird man darüber sprechen, wo sich Synergien in der Gruppe herstellen und gemeinsame Ressourcen nutzen lassen. Dies aber vor dem Hintergrund, dass wir das Unternehmen entwickeln wollen.

Gilt das auch für Duden Paetec?

Bob: Ja, vor allem für den Standort Berlin. Der Umzug der Grundschulredaktion von Frankfurt nach Mannheim ist vor unserem Eintritt beschlossen worden und wird meines Wissens bereits umgesetzt.

Was haben Sie mit dem Kalenderverlag vor?

Bob: Das ist ein sehr attraktives Geschäftsfeld, in dem der Verlag mit ca. 29 Prozent Anteil am Kalendermarkt eine marktführende Position hat. Aus Sicht der Verlagsholding ist dies ein ausgleichendes Element im Portfolio, das wir behalten und ausbauen wollen.

Blicken Sie optimistisch nach vorn?

Bob: Realistisch, weil die Herausforderungen, die auf die Buchbranche in den nächsten zehn Jahren zukommen denen der Musikindustrie in den vergangenen zehn Jahren entsprechen. Es sind Zeiten des Umbruchs. Optimistisch, weil die Cornelsen-Gruppe über ein gutes Unternehmensportfolio verfügt, über ausgezeichnete Produkte und renommierte Marken, die von engagierten und motivierten Mitarbeitern weiter entwickelt werden. Durch den Zukauf schaffen wir auch neue Synergie- und Wachstumspotenziale. Darüber hinaus preisen mein Kollege Schenkel und ich in den kleinen Pausen des Tagesgeschäfts die Weitsicht von Franz Cornelsen, durch die Stiftungskonstruktion der Cornelsen-Gruppe eine ausgezeichnete Basis für erfolgreiches Wirtschaften mitgegeben zu haben.

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1 Kommentar/e

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  • Ulrich Stiehl

    Ulrich Stiehl

    Ich war ein Vierteljahrhundert lang Ausbilder für die Azubis von Duden. Das war die glorreiche Zeit. Als nostalgischer Rentner frage ich mich: Wenn ich in einem Jahr wieder einmal nach Mannheim fahre, werde ich dort in der "Dudenstraße" überhaupt noch den "Duden-Verlag" antreffen?

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