Piraten lieben DRM

Warum Kopierschutz Piraterie eher fördert als verhindert. VON RONALD SCHILD

Ein mutiges Statement, werden Sie möglicherweise nun sagen, und widersprüchlich noch dazu. Aber ist es wirklich ein Widerspruch, Kopierschutz als förderndes Element von Piraterie zu betrachten?

Treten wir doch mal einen Schritt zurück und übersetzen das, was wir dem Kunden mit DRM (Digital Rights Management) zumuten, in die Welt der gedruckten Bücher. Stellen Sie sich vor, Sie kaufen ‘The Road’ von Cormac McCarthy (was ich Ihnen unbedingt empfehlen möchte, unabhängig von Ihren Ansichten zu DRM) als Hardcover in Ihrer Buchhandlung vor Ort. Der freundliche Buchhändler klärt Sie darüber auf, dass Sie das Buch an maximal drei Familienmitglieder weitergeben können, nicht aber an andere Verwandte, Freunde oder Bekannte. Darüber hinaus können Sie das Buch noch nicht auf dem Weg nach Hause in der U-Bahn lesen, weil Sie es erst über eine kostenfreie Hotline registrieren müssen. Letztlich bekommen Sie den Hinweis, dass das Buch mit einem neuen Spezialdruckverfahren hergestellt wurde, das das Kopieren auf Fotokopierern unterbindet. Dummerweise können Sie das Buch daher nicht mehr bei besonders hellem Licht lesen und sollten Ihre Leselampe leicht dimmen.

Was Sie vielleicht spontan als unsachliche Verunglimpfung der DRM-Technologie empfinden werden, ist aber genau das, was wir dem Kunden antun: Während das Einschränken der Kopiervorgänge möglicherweise bei E-Books noch nachvollziehbar wäre, ist der technische Aufwand für den Kunden schlichtweg eine Zumutung. Selbst computeraffine Menschen haben immer wieder Probleme, kopiergeschützte E-Books zugänglich zu machen. Und wir sollten uns darüber klar sein, dass nach wie vor nur eine verschwindend geringe Zahl an Lesegeräten Kopierschutz überhaupt unterstützt.

Sie werden nun möglicherweise sagen, dass doch auch die Geschäftsmodelle von Apple und Amazon hervorragend mit Kopierschutz funktionieren. Dem sei auch in keiner Weise widersprochen. Allerdings haben wir es hier mit geschlossenen Systemen zu tun, bei denen Shop-System, Content und Endgerät aus einer Hand kommt. Nur in einem solchen Ökosystem funktioniert DRM problemlos – und hat für die Anbieter den nicht uninteressanten Nebeneffekt, dass nicht nur die Inhalte, sondern auch die Kunden geschützt sind. Diese können (vereinfacht dargestellt) nur im Shop dieses einen Anbieters kaufen und die E-Books auch nicht auf die Endgeräte anderer Hersteller übertragen.

Inwiefern profitieren nun Raubkopierer von DRM? Nun, die Antwort liegt auf der Hand: Raubkopierte E-Books (die im Übrigen heute schon flächendeckend vorhanden und praktisch nie Raubkopien von elektronischen, sondern immer von gedruckten Ausgaben sind) unterliegen keinerlei Kopierschutz. Sie können frei von jeden Beschränkungen genutzt und ohne Installations- bzw. Kompatibilitätsproblemen auf jedem Lesegerät gelesen werden. Und sie sind kostenlos. Nun erwartet man von seinen treuen, rechtmäßig handelnden Kunden, dass sie für ein Produkt mit signifikanten Einschränkungen auch noch fast den gleichen Preis wie für die gedruckte Ausgabe  zahlen. Wie sollen wir das unseren Kunden erklären?

Sollten wir nicht vielmehr darüber nachdenken, wie wir unseren Kunden den legalen Download schmackhaft machen? Sollten wir nicht eher jede Hürde beseitigen, die zwischen unseren Kunden und unseren Büchern steht? Sollten wir denjenigen Kunden, die ohnehin bereit sind, für Inhalte zu bezahlen, einen Vertrauensvorschuss geben?

Bei libreka! akzeptieren wir durchaus, dass Verlage gezwungen sind, DRM zu verwenden. Teilweise ist es die Natur der Titel, teilweise bestehen Autoren oder Agenten auf Kopierschutz. Daher bieten wir den Verlagen auch ab Mitte Juli an, ihre Titel DRM-geschützt zu verkaufen. Unsere Empfehlung könnte aber klarer nicht sein: Verzichten Sie auf DRM und versehen Sie Ihre E-Books mit einem psychologischen Kopierschutz, dem Wasserzeichen.

Fortsetzung folgt.

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14 Kommentar/e

Diskutieren Sie mit ...

  • Leander Wattig

    Leander Wattig

    Vielen Dank für diesen klasse Beitrag!

  • Mathias Schindler

    Mathias Schindler

    Cool, Libreka! gibt Verlagen die Freiheit, sich mit DRM in den Fuß zu schiessen. Und später noch "I told you so" zu sagen.

  • Johannes

    Johannes

    Schade, dass die Verlage offensichtlich nichts von der Musikindustrie gelernt haben und nun die gleichen schlechten Erfahrungen machen müssen.

    Schade auch, dass Sie als Geschäftsführer offensichtlich eine Minderheitsposition in Ihrem eigenen Verband vertreten bzw. es zumindest nicht gelungen ist, die von Ihnen repräsentierten Verlage von einem leserfreundlichen Vorgehen zu überzeugen. Sollte das überhaupt gewünscht sein (s. Link).

    Viele Grüße
    Johannes Haupt

  • Andrea

    Andrea

    Man muß sich doch wirklich fragen, ob alle, die sich mit dem Thema E-Book befassen in den Verlagen, die Entwicklungen und Erfahrungen der Musikindustrie gänzlich verschlafen haben oder einfach ignorieren.
    DRM hat auf dem Musikmarkt versagt - und genau den Effekt gehabt, den der Autor des Blogs beschrieben hat. DRM geschützte Dateien wirkten Verkaufsabschreckend - und nicht wenige haben dann doch lieber auf die frei verwendbaren mp3s aus den Tauschbörsen zurückgegriffen.
    Nun rudern alle zurück: es gibt mp3s allerorten - aber der angerichtete Schaden wird noch lange nicht wieder gut gemacht. Kunden, die es erst einmal gewöhnt sind, etwas umsonst zu bekommen und mit den Tauschbörsen erfahren sind, werden die Gewohnheit beibehalten.

    Warum nur will man die Erfahrungen mit ebooks unbedingt noch einmal machen?

    Der Weg, die Kunden zum Kauf zu animieren geht nicht über DRM sondern über Kaufanreize, z.B. Zugang zu Internetseiten, Experteninformationen, Blogs oder Diskussionsforen - nur so als Beispiel.

  • TD

    TD

    Kurze Anmerkung dazu noch:
    Apple und Amazon verzichten bei ihren MP3 Downloads inzwischen auf DRM. Und auch andere Firmen wie Microsoft oder Yahoo haben festgestellt, dass der Aufwand den sie (also die Hotlines) damit haben kaum zu finanzieren ist.

    Und das DRM Probleme mit dem Kindle macht kann man wunderbar in diesem Blog nachlesen. Einfach zum totlachen, was da passiert.:

    http://www.geardiary.com/2009/06/19/kindles-drm-re ars-its-ugly-head-and-it-is-ugly/

  • ebook-freund

    ebook-freund

    Endlich jemand, der wirklich begriffen hat, worum es geht - ich hatte schon nicht mehr an soviel Ausbruch gesunden Menschenverstands geglaubt ... Danke dafür!

    Sie haben übrigens das Paradebeispiel dafür, daß man mit freien Ebooks (also ebooks, die weder DRM noch Wasserzeichen besitzen) hervorragend Geld verdienen kann, nicht erwähnt - den amerikanischen Spartenverlag Baen Publishing und sein Portal Webscription. (Links am Ende des Beitrags)
    Dieses Portal gibt es bereits seit 10 Jahren, und von Anfang an hat Baen seine Bücher dort ohne DRM und zu hochattraktiven Preisen verkauft
    (gedrucktes Buch im Hardcover: 26-28 USD; zeitgleich erscheinendes ebook: 6 USD; die Produktion eines Monats (5-7 Titel, davon 3-4 echte Neuerscheinungen, der Rest von der Backlist) für 15 USD; Advance Reader Copies - also ebooks, die auf dem unredigierten Text beruhen und bis zu 5 Monate vor der Papierausgabe erscheinen) für ebenfalls 15 USD usw.) - und nicht nur das Portal wächst und gedeiht; auch der Absatz der gedruckten Werke läßt nichts zu wünschen übrig ...

    Natürlich könnte man jetzt einwenden "Baen ist ein SciFi- bzw Fantasy-Verlag, der eine ganz spezifische Klientel anspricht; mit den Lesern, die sich z.B. Bücher von Günther Grass kaufen, würde das nicht funktionieren" - aber ich glaube, da unterschätzt man die Leser von, z.B., Günther Grass, ganz gewaltig. Es käme halt nur auf einen Versuch an - und die betreffenden Verlage (und Autoren) müßten bereit sein, in Vorleistung zu treten und auch mal etwas zu riskieren - aber ich bin mir ziemlich sicher: das Ergebnis nach, sagen wir, einem Jahr, würde den "Zauderern" regelrecht ins Gesicht springen (jedenfalls, solange die betreffenden Verlage und Autoren einen solchen Versuch nicht gerade hintenrum blockieren).

    Hier nun die versprochenen Links
    Baen-Homepage: http://www.baen.com
    Webscription-Homepage: http://www.webscription.net

  • Christian Berger

    Christian Berger

    Endlich findet mal jemand klare Worte.
    DRM behindert den ehrlichen Kunden und für Raubkopierer ist es kein Problem das DRM zu entfernen.
    Es gibt auch deutsche eBook Shops die das schon kapiert haben (siehe http://www.ebook-journal.de/alle-ebooks-ohne-drm )

  • Reiner Klink

    Reiner Klink

    Na endlich !
    Das hat aber gedauert, bis diese Aussagen in dieser Klarheit zu lesen waren.
    Ich freue mich - und weiter so.

  • Pawel Piotrowicz

    Pawel Piotrowicz

    Genau aus diesen Gründen sind alle unsere E-Books ohne DRM zu kaufen - und es bleibt auch so!

  • Christoph Kaufmann

    Christoph Kaufmann

    Sehr vernüftig was Herr Schild sagt.

    wie haben vor kurzem alle eBooks mit DRM aus unserem ebook Shop entfernt und immer mehr Verlage sind inzwischen bereit diesen kundenfreundlichen Weg mit zu gehen.

  • Jakob

    Jakob

    Wunderbar. Hoffentlich können Sie Ihre Position gewinnbringend einsetzen um die Verlagsbranche zu überzeugen und vor Schlimmeren zu retten.

  • Dennis Schmolk

    Dennis Schmolk

    Inhaltlich stimme ich da ja gerne zu. DRM ist von vorne bis hinten monopolistischer Schwachsinn und Betrug am Kunden. (Und es freut mich, eine derartige Stimme im Börsenblatt zu lesen; den Brückenschalg zu kommerziellen Allmende-Projekten hätten sie aber ruhig noch wagen können, wie ebook-freund korrekt anmerkt.) Aber dass Piraten (vermutlich meinen Sie jene Personengruppe, die die (Musik-)Industrie-Propaganda als "Raubkopierer" tituliert) diesen restriktiven Kopierschutz lieben, dürfte ein Gerücht sein. Die mittlerweile sogar im Europaparlament vertretene Partei dieser Klientel schreibt es sich auf die Freibeuterflagge, DRM zu bekämpfen.

  • Geralt

    Geralt

    Danke für den guten Artikel! Ich kann ich dem Gesagten in weiten Teilen nur anschließen. Nur einem Punkt möchte ich explizit widersprechen: Auch Wasserzeichen kommen für mich nicht in Frage. Kaufe ich ein Produkt im Laden, kann ich das problemlos anonym tun. Das gilt auch für freie oder unerlaubt digitalisierte Werke.

    Warum sollte ich es also gegen Bezahlung hinnehmen untrennbar mit dem erworbenen Buch verbunden zu sein? Was wenn ich es weiterverkaufen oder verschenken möchte? Was wenn es verloren geht? Wie Sie selbst bereits anmerkten fehlt den Verlagen schlicht das Vertrauen in die eigenen Kunden und die Annahme technischen Fortschritts. Digitalisierung *ist* Kopieren.

  • Jennifer

    Jennifer

    Ich schreibe derzeit eine Studienarbeit über das Thema "Kopierschutz und seine Auswirkungen im Internet". Dabei bin ich auch auf Statistiken gestoßen, die aussagen, dass die Piraterie in den letzten Jahren durch Maßnahmen wie DRM und auch die Verfolgung der Übeltäter auf Torrent Seiten deutlich zurückgegangen ist. In den nächsten Monaten soll dazu auch eine neuere Studie über die Entwicklung während der letzten 2 Jahre rauskommen auf die ich auch schon sehr gespannt bin.

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