Interview

Krimiautor Stefan Kiesbye: Neue Heimat USA

Nur durch Zufall stieß der Frankfurter Verleger Jens Seeling auf Stefan Kiesbyes Buch "Next door lived a girl", das unter dem Titel "Nebenan ein Mädchen" von Januar bis April ununterbrochen auf der Krimiwelt-Bestenliste stand. Kiesbye, 1966 in Eckernförde an der Ostsee geboren, lebt seit 1996 in den Staaten. Bereits 2004 hat er dort seinen Roman veröffentlicht, der die gewaltgeladene Atmosphäre der späten Nachkriegsjahre in der niedersächsichen Provinz aufgreift. Boersenblatt.net hat mit dem deutschen Autor in Los Angeles telefoniert. Mehr zum Thema Krimi lesen Sie in unserem aktuellen Extra Krimi in Börsenblatt 29 / 2009.

© Stefan Kiesbye

Wie sind Sie eigentlich in den USA heimisch geworden?
Stefan Kiesbye: Zum ersten Mal war ich 1992 in den Vereinigten Staaten und bin dort einen Monat lang herumgereist. Damals habe ich dann von einer Freundin erfahren, dass man überhaupt so etwas wie Amerikanistik studieren kann – das wusste ich vorher gar nicht. 1993 habe ich mich also am John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien bei der FU Berlin eingeschrieben. Mithilfe eines Stipendiums bin ich dann 1996 zunächst in Buffalo im Staat New York gelandet. Dort habe ich mich sehr wohl gefühlt und meinen ersten Masterabschluss gemacht. Wenn man mich heute nach meiner Heimat fragt, dann sage ich gern: Buffalo. Dort war ich im Grunde heimischer als in der Heimat. Es folgten acht gute Jahre in Michigan, wo ich den Master of Fine Arts in Creative Writing erworben habe. Damit durfte ich dann auch selbst an der Universität unterrichten. Heute will ich allerdings nicht mehr aus Los Angeles weg: Von Winter und Schnee habe ich entschieden genug. Durch meine Frau Sanaz, die Amerikanerin ist, habe ich natürlich auch immer einen etwas leichteren Zugang zum Leben in den Staaten gehabt. Aber auch, wenn ich sie nicht kennen gelernt hätte, wäre ich bestimmt geblieben.

Welche Unterschiede zum Leben in Deutschland gefallen Ihnen besonders, welche weniger? Können Sie sich vorstellen, irgendwann wieder nach Deutschland zurückzukehren?
Stefan Kiesbye: Meine Frau träumt davon, mal für eine gewisse Zeit in Deutschland oder Europa zu leben und zu arbeiten. Konkrete Pläne haben wir da aber zurzeit nicht. Mir gefällt an den USA besonders gut, dass die Leute hier sehr zukunftsorientiert sind. In Europa lebt man irgendwie mehr in der Vergangenheit. Das liegt wohl an der langen europäischen Geschichte, die immer irgendwie besser klingt, als das, was vor einem liegt. Die Amerikaner leben dagegen nach dem Motto: "Das Beste kommt noch!" Hier gibt es auch weniger Vorurteile gegenüber Leuten, die ihre Karriere wechseln. Ein fünfzigjähriger Arzt kann zum Beispiel seinen Beruf aufgeben und ein Kunststudium beginnen, ohne dass man ihn deshalb krumm ansieht. In Deutschland hat so was immer einen etwas negativen Touch. Dafür ist das Essen in Deutschland besser: Man wird weniger fett davon. In den USA gibt es zu viele süße und fettige Sachen, da vermisse ich die europäische Küche schon.

Auf Ihrer Internetseite bieten Sie "literarische Dienstleistungen" an, das heißt Sie schreiben nicht nur selbst, sondern helfen auch anderen Menschen beim Verfassen von kurzen Texten bis hin zu ganzen Büchern. Sind solche Dienstleistungen in den USA weit verbreitet, oder haben Sie da eine Marktlücke entdeckt? In Deutschland gibt es so etwas jedenfalls kaum. Woran könnte das aus Ihrer Sicht liegen?
Stefan Kiesbye: Da muss ich natürlich vorsichtig sein, weil ich seit 1996 kaum in Deutschland war. Ich kann mich zumindest noch an die Schreibschule Erfurt erinnern. Als ich damals weggegangen bin, wurde in der Literaturszene aber noch sehr stark der Geniekult gepflegt: "Man hat es, oder man hat es nicht. Wer es hat, muss es nicht lernen – wer es nicht hat, der kann es auch nicht lernen." Die Amerikaner haben da eine viel pragmatischere Herangehensweise. Kurse in Creative Writing gehören seit langem zum Angebot an den Universitäten. Aber nicht alle können zur Uni gehen. Manche haben zum Beispiel einfach Lust dazu, Kurzgeschichten zu schreiben, wissen aber nicht, wie sie da rangehen sollen. Da gebe ich dann Nachhilfe und kann die Leute von ihren Ängsten befreien. Das wird auch gern angenommen, womit wir wieder bei der amerikanischen Lebenseinstellung wären: dem Vertrauen darauf, immer besser werden zu können. Außerdem gibt es hier gerade eine richtige Modewelle, seine eigene Geschichte für die Nachfahren aufzuschreiben. Beim Verfassen von solchen privaten Memoiren helfe ich dann ebenfalls gern aus. Außer mir gibt es da aber natürlich auch andere Anbieter.

Wie hat Ihr Roman "Next door lived a girl", der in der niedersächsischen Provinz spielt, das Interesse Ihres amerikanischen Verlags geweckt? Ist der Ort der Handlung nicht etwas zu exotisch für das US-Publikum?
Stefan Kiesbye: Zu exotisch kann man eigentlich nicht sagen – eher schon nicht exotisch genug. Im Grunde haben wir es hier mit zwei großen Schulen zu tun: der amerikanischen Literatur und den extrem exotischen Vertretern. Aber wenn die Amerikaner solche Exoten suchen, dann nicht unbedingt bei den deutschen Autoren. Ich habe allerdings auch mal eine Agentin getroffen, die sich explizit für deutsche Literatur interessiert hat. Die hat mir dann wiederum gesagt, mein Buch sei ihr nicht deutsch genug – das fand ich wirklich ziemlich lustig. Bei "Next door lived a girl" kam als besondere Schwierigkeit ja außerdem dazu, dass es sich eher um eine Novelle handelt, vom Umfang her also viel zu kurz für die großen Verlage. Mit so etwas haben da nur schon sehr bekannte Autoren eine Chance, bei denen das Ganze dann auf 200 Seiten aufgeblasen wird, damit es funktioniert. Erfolgreich war ich schließlich bei einem Wettbewerb von Low Fidelity Press, bei dem es genau um solche knappen Formen ging. Als Preis für den Sieg gab es die Veröffentlichung. Preisrichter war übrigens der Schriftsteller Robert Olmstead, der ebenfalls Creative Writing unterrichtet und den ich bereits Jahre zuvor einmal während meiner Zeit in Berlin im Amerika-Haus getroffen hatte. Ein Mitarbeiter von Low Fidelity hat mir später mal im Scherz gesteckt, dass meine Geschichte in dem Moment gekauft war, als mein Protagonist Moritz mit seiner Schwester geschlafen hat. So was finden die Leute hier eben spannend (lacht).

Es heißt, Ihr deutscher Verleger Jens Seeling sei zufällig über Ihr Buch gestolpert. Hatten Sie es zuvor selbst schon aktiv deutschen Verlagen angeboten? Falls ja, warum ist es dann abgelehnt worden?
Stefan Kiesbye: Ich hatte 2005 mal bei verschiedenen deutschen Verlagen angeklopft, nachdem ich den Preis bei Low Fidelity gewonnen hatte. Die Antwort war eigentlich immer: "Zu schmal und zu brutal." Große Verlage haben ja immer auch große Bedenken. Jens Seeling ist dann irgendwann über das Internet auf mein Buch aufmerksam geworden, und ich bin wirklich froh, dass er mich gefunden hat. Er ist ein Super-Typ und hat den Titel ganz wunderbar herausgebracht.

Wie sind Sie auf den düsteren Stoff für Ihr Buch gekommen? Spielen da gar eigene Jugenderfahrungen eine Rolle?
Stefan Kiesbye: Also ich habe da ganz bestimmt keine Autobiographie geschrieben. Aber es war mir ein Anliegen, die Stimmung einzufangen, mit der ich groß geworden bin. Es geht um die Atmosphäre, wenn der Krieg beim Aufwachsen noch unausgesprochen mitspielt. Es wurde damals in den Siebzigern ja noch viel totgeschwiegen, man sprach vom Krieg nur als "die schlechte Zeit". Was sollte das denn heißen? Das war so, als hätte man einen Geist im Schrank und alle sagen: "Nee, nee, da ist nichts." Die Gewalt lag aber immer noch deutlich spürbar in der Luft, und manchmal entlud sie sich dann eben. Das war in der Zeit ein Phänomen, das auch im Fernsehen vorkam. Ich erinnere mich zum Beispiel an die Spielfilm-Reihe "PS", in der jugendliche Schlägertrupps eine Rolle spielten. Mit rund dreizehn Jahren ist man der beste Beobachter für die Auswüchse einer solchen Atmosphäre, weil man noch über kein historisches oder philosophisches System verfügt, in das man die Dinge einordnen kann. Das ist auch der Grund dafür, dass ich im Buch keine genauen Jahreszahlen genannt habe: Beim Aufwachsen lebt man ganz im Heute und ist sich keiner anderen Zeit bewusst.

In verschiedenen deutschen Rezensionen wurde Ihr Buch mit Andrea Maria Schenkels "Tannöd" verglichen (etwa von Sylvia Staude in der Frankfurter Rundschau und von Ulrich Noller vom Funkhaus Europa). Kennen Sie diesen Roman? Wenn ja, wo sehen Sie selbst Parallelen und Unterschiede?
Stefan Kiesbye: Über die Presse habe ich mich sehr gefreut. Da ich "Tannöd" nicht gelesen habe, kann ich aber zu den Vergleichen nicht viel sagen. Auf jeden Fall halte ich mich nicht für einen regionalen Schriftsteller. Andrea Maria Schenkel wird ja gelegentlich so gesehen. Ich weiß nicht, ob das von ihr selbst so gewollt ist, oder ob man sie da hineingezwängt hat. Insoweit habe ich die Vergleiche in den Rezensionen mit einer gewissen Skepsis verfolgt. Das Regionale finde ich eher seltsam, damit möchte ich nichts am Hut haben. In den USA gibt es das eigentlich gar nicht – klar, William Faulkner wird immer mit dem amerikanischen Süden in Verbindung gebracht, aber schließlich muss eine Geschichte ja irgendwo stattfinden. Dass "Nebenan ein Mädchen" mit dem historischen Hintergrund so nicht in Amerika spielen kann, liegt natürlich auch auf der Hand. Aber letztlich kommt es doch auf die Geschichte an und nicht auf den Ort.

Arbeiten Sie zur Zeit an einem neuen Buch, auf das sich (auch) die deutschen Leser freuen dürfen?
Stefan Kiesbye: Ja, es gibt Pläne. Und es wird auch ein neues Buch geben, wahrscheinlich einen Roman. Zum jetzigen Zeitpunkt kann und möchte ich darüber aber noch nicht reden: Es ist noch nichts wirklich spruchreif.

Eine letzte Frage: Wie spricht man eigentlich Ihren Nachnamen richtig aus?
Stefan Kiesbye: Mit einem "ü" am Ende, also "Kiesbü". In Schleswig-Holstein gibt es eine Gemeinde namens Kiesby (ohne "e" am Ende). Im Dreißigjährigen Krieg soll ein Findelkind in Kiesby nach dem Dorf benannt worden sein. Das ist wohl der Ursprung meines Familiennamens.

Interview: Christian Winter

 

Mehr zum Thema Krimi gibt's im aktuellen Börsenblatt-Extra in Heft 29.

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