Buchtipp

Vom Kritiker zum Netzwerker

Wie sich das Gespräch über den Marktplatz Literatur verändert: Wo gestern die Soziologie des Betriebs aus kritischer Perspektive stattfand, verstehen sich heute alle ziemlich prima, konstatiert Werner Irro, nachdem er "Literaturbetrieb in Deutschland" gelesen hat. VON WERNER IRRO

Ein Vorzug des Begriffs „Literaturbetrieb“ war von Anfang an seine entschiedene Ausrichtung: Über Literatur zu sprechen heißt, ihre Entstehungsbedingungen mitsamt den Marktmechanismen mitzureflektieren. Als 1971 der Band „Literaturbetrieb in Deutschland“ erstmals erschien, war das der selbstverständliche Konsens aller Beiträger, ebenso wie 1981 bei der revidierten 2. Auflage, die sich gar als „kritisches Handbuch“ vorstellte. Nach fast 30 Jahren liegt nun Version 3 in einer vollständigen Neufassung vor. Als Dauer-Herausgeber hat sich Heinz Ludwig Arnold das Verdienst erworben, Fixpunkte im Treibsand des literarischen Geschehens zu markieren und Blicke hinter die Kulissen zu ermöglichen.

Entgegen einem Blick auf Abhängigkeiten und Einflussnahmen, proklamiert der neue Band eine überraschend deutlich formulierte Wertfreiheit: „Leser gehen heute unbefangener mit der kommerziellen Seite der Literatur um, und der Begriff ‚Literaturbetrieb’ hat seinen abwertenden Akzent weitgehend verloren“, so die Herausgeber.

Zu 30 Themen werden Informationen geliefert, das Spektrum reicht von Literaturhäusern bis zu Literatur im Radio, von Kleinverlagen bis zu Bestsellerlisten, von Autorenverbänden bis zu Books on Demand oder zur Situation in den deutschsprachigen Nachbarländern. Dass dabei exzellente Analysen (etwa Taschenbuchmarkt, Hörbuch, Literaturkritik) neben eher referierenden Materialsammlungen stehen, gehört zu solchen Bänden, ebenso der Spagat zwischen historischem Überblick und Gegenwartsbericht.

Jürgen Kolbe und Michael Krüger stellten 1971 ihrem Beitrag über die „Reihe Hanser“ fünf Punkte voran, etwa „1. daß wir Angestellte des Hanser-Verlages sind; (...) 3. daß wir also über innerbetriebliche Produktionsbedingungen (...) nicht berichten können (...).“ Es gehörte damals zum Ritual, eigenes Interesse wie berufliche Verstrickungen offenzulegen. Auch viele jetzige Bandmitarbeiter sind natürlich im Betrieb engagiert, haben aber kaum mehr Interesse daran, ihren Gegenstand auf Distanz zu rücken oder seine Funktion innerhalb des Betriebs zu untersuchen. Gehört es zum Berufsbild Übersetzer nicht dazu, über die aktuelle, sehr grundsätzliche Honorardebatte zu informieren? Könnte man neben den neuen Autorenausbildungen nicht auch umreißen, wie sich die Literatur dabei verändert? Warum haben Lektoren es offenbar zunehmend mit von anderen gemachten Büchern zu tun? Wäre es für das Agentenwesen nicht aufschlussreich, die Beziehung Verlag – Autor/Werk – Markt zu analysieren, anstatt ein verbessertes Agentenimage zu feiern?

Alle reden – das Modewort der Stunde auch hier – von den Netzwerkern, aber fast niemand mehr davon, wie diese die Strippen ziehen. Aus Polemiken sind brave Geschäftsberichte geworden, wer in welcher Rolle am Tisch des Literaturbetriebs sitzt. Was bei Tische verhandelt wird, wäre das eigentliche Thema. Beiträge, wie heute z. B. das Marketing Erfolge generiert oder wie Handelsketten bis in Programmentscheidungen hinein Einfluss nehmen, sucht man vergeblich.

Eine etwas unabhängigere Haltung hätte dem Ganzen gut getan. So zeigt der Band, wie aus einer vormals kritischen Betriebsbesichtigung eine muntere Klassenfahrt von Betriebs-Netzwerkern geworden ist. Auch das ist aufschlussreich.

 

 

Literaturbetrieb in Deutschland. Hrsg. von Heinz Ludwig Arnold und Matthias Beilein. 3. Auflage, Neufassung. edition text + kritik. 440 Seiten, Paperback, 42 Euro.

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