Kinder-und Jugendhörbuch des Jahres

Die Hörprobe auf dem Anrufbeantworter

Was dazu führte, dass Hörbuchsprecher Martin Baltscheit eine Kostprobe seines schauspielerischen Sprechtalents auf dem Anrufbeantworter von Eva Kutter (Fischer-Schatzinsel) hinterließ, blieb ungesagt. Doch diese außergewöhnliche Nachricht führte wohl dazu, dass Martin Baltscheit schließlich die Sprecherrolle des "Simpel" bekam - und dafür am gestrigen Sonntag in Wiesbaden ausgezeichnet wurde. Die Juroren der hr2-Hörbuchbestenliste hatten das Hörbuch "Simpel" (Hörcompany), nach dem gleichnamigen Roman von Marie-Aude Murail, zum "Kinder- und Jugendhörbuch des Jahres 2009" ernannt. Das wurde in einer Kinder-Hörgala mit buntem Programm gefeiert. VON PG

Die Preisträger im Gespräch über den "Simpel"

Die Preisträger im Gespräch über den "Simpel" © Paul Müller

In ungewohnter Rolle: Laudator Jan-Uwe Rogge

In ungewohnter Rolle: Laudator Jan-Uwe Rogge © Paul Müller

Die Kinder-Hörgala war der Schlussakkord des Wiesbadener Hörfestes, das die Stadt zusammen mit dem Hessischen Rundfunk zum neunten Mal ausgerichtet hat. Erneut hat die Stadt auch das Preisgeld von 10000 Euro für den Siegertitel gestiftet. Außerdem gibt es inzwischen in den Bibliotheken der Stadt Hörstationen … Warum die Stadt sich für das Hören engagiert? Kulturdezernentin Rita Thies beschrieb, warum die „Person“ sich vom lateinischen „personare“ ableitet, warum Stimme und Stimmung untrennbar sind – und weil die Stimme eines Schauspielers, gerade in einem Hörbuch, ermöglicht, in ein anderes Leben, in eine andere Welt einzutauchen.

Und so konnte man sich von Stimm- und Stimmungswundern überraschen lassen: Die Musikclowns Zinnobro und Mrs. Papagello begrüßten die Kinder schon an der Garderobe mit Tröten und Klamauk und zankten sich mit Moderator Niels Kaiser über die das Wann und Wie ihrer Bühnenpräsenz, räumten dann aber doch zugunsten des Beatboxers Robeat den Bretterboden.

Robeat trommelte ohne Schlagzeug und dröhnte ohne Didgeridoo. Mit schierer Mundakrobatik flüsterte er seinem Mikrofon Geräusche zu, die man eher von anderen Instrumenten und Geräten erwartet hätte – und das dann noch in rasendem Tempo. Der 20jährige Stimmprofi hatte das Publikum direkt mit seinem Beatbox-Lernprogramm im Griff (Übungstext: Von "Böse Katze" zu "Bktze") und klärte nebenbei darüber auf, dass dieser rhythmische Stimmsport mit "Boxen" nur meint, das die Hand einen Resonanzraum, eine "Box" bildet. Für die leiseren Töne und ein ruhiges Tempo sorgte dann Liedermacher Gerhard Schöne, der für Kinder und Eltern den Klassiker "Jule wäscht sich nie" spielte und seinen eigenen Ohrwurm "Der Hahn ist tot" mit Lust bis zu "Der Hahn fährt Boot" verballhornte.

Bei so viel Quatsch wurde sogar Laudator Jan-Uwe Rogge übermütig und zog einen jungen Gast sowie Musikclown Mrs. Papagello mit sich auf die Bühne, um dann seine Laudatio mit roter Clownsnase und karierter Mütze zu verlesen, was angeblich alles nicht so geplant war. Rogge lobte - inzwischen wieder ganz ernsthaft - die Romanvorlage für ihre einfühlsame Beschreibung des geistig behinderten Barnabé und Martin Baltscheit für seine "anrührende, aber niemals kitschige" Lesung: "Sie haben uns ein Kunstwerk geliefert".

Den Dank reichten die Verlegerinnen Angelika Schaack und Andrea Herzog direkt an den Fischer Verlag weiter, der die Hörbuchrechte an die Hörcompany gegeben hatte - wobei Martin Baltscheits besagte Hörprobe auf dem Anrufbeantworter möglicherweise eine entscheidende Rolle spielte. Einig waren sich Sprecher Martin Baltscheit und Übersetzer Tobias Scheffel, dass die Lesung und Nachdichtung der Wortschöpfungen Barnabés "ein großer Spaß" waren. So waren alle froh, bis Kulturdezernentin Rita Thies bei der Urkundeübergabe bemängelte, dass das Wiesbadener Wappen falsch rum auf der Mappe gedruckt sei, und die Urkunde mehrfach drehte, um sie dann doch korrekt zu verlesen. "Das sieht man bei der Radioaufzeichnung doch gar nicht", beschwichtigte der herbeieilende Moderator, konnte aber das vermeintliche Unglück aber nicht mehr bremsen. Das Missgeschick wurde dann als Streich der Clowns dargestellt, die mit diesem Unfug aber nun wirklich nichts zu tun haben wollten, aber tapfer die rote Nase weiterhin oben behielten.

Mit Gerhard Schöne und Robeat konnte das Publikum zum Abschluss bei einem Mitmachsong auch noch einmal selbst singen, bis Clown Zinnobro die Gäste hinauskehrte.

Bilder der Veranstaltung finden Sie in der Bildergalerie.

Gesendet wird die Aufzeichnung am 7. Februar in hr2-Kultur von 12.05 Uhr bis 13 Uhr

Marie-Aude Murail, "Simpel", übersetzt von Tobias Scheffel, gelesen von Martin Baltscheit. Hörcompany, Hamburg 2009, ca. 5 Stunden, 19,95 Euro
Buchausgabe: Fischer Schatzinsel, 304 Seiten, 7,95 Euro

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