Meinung

Literaturzeitschriften: Stille Stimmen

Warum die große Zeit der Journale für Literatur vorbei ist. Von Susanne Krones.

"Probebühnen in Zeitschriftenform werden von Autoren kaum mehr gebraucht" Susanne Krones, Lektorin bei dtv

"Probebühnen in Zeitschriftenform werden von Autoren kaum mehr gebraucht" Susanne Krones, Lektorin bei dtv © Daniel Hintersteiner

Sie waren einmal Stimmführer auf dem Literaturmarkt: literarische Zeitschriften. "Akzente" etwa, seit 1954 im Carl Hanser Verlag, verstand sich von Gründung an als Plattform für die Etablierung junger Talente: Hans Magnus Enzensberger debütierte in den "Akzenten", Günter Grass publizierte dort als junger Autor und wurde in der Folge wesentlich von Herausgeber Walter Höllerer gefördert, Ingeborg Bachmann war von der ersten Ausgabe an "Akzente"-Autorin. Die Zeitschrift wurde zum Seismograph literarischer Strömungen und spielte eine zentrale Rolle für die Durchsetzung ausländischer Literatur in der Bundesrepublik.
Es gibt sie bis heute: literarische Zeitschriften, die sich wie "Am Erker" um bestimmte Genres verdient machen, offene Lesebühnen wie "lauter niemand", die sich ausdrücklich als Entdeckerzeitschriften verstehen, traditionsreiche Blätter wie "Wespennest", "Akzente" oder "Sinn und Form". Doch die einstigen Monopolisten der Präsentation und Diskussion von Literatur spielen heute im Konzert der Literaturvermittler die leiseste Stimme. Sie üben keine erkennbare Funktion mehr aus.
Ihr Monopol haben sie an Feuilletons, Literaturpreise und Institutionen der Literaturförderung verloren, viele ihrer genuinen Zielgruppen sind auf andere Medien ausgewichen. Leserinnen und Leser verfolgen literarische Debatten heute in den Tages- und Wochenzeitungen. Redakteure und Lektoren akquirieren mithilfe von Agenturen. Autorinnen und Autoren wiederum brauchen den Werkstattcharakter literarischer Zeitschriften immer weniger, seit die Angebote des Literarischen Colloquiums Berlin oder der Literaturhäuser einen solchen Rahmen bieten und seit auch online publiziert werden kann.
Parallel zur literarischen Zeitschrift hat sich in den letzten Jahrzehnten auch das Medium Buch verändert: Sein Erscheinungsrhythmus, insbesondere der des Taschenbuchs, das sich für Originalausgaben geöffnet hat, hat den der literarischen Zeitschrift überholt. Das Buch ist heute auch für Experimente zu haben, die früher der Zeitschrift vorbehalten waren. Unbekannte Autoren nehmen die Hürde zur Buchpublikation schneller als in den 50er oder 60er Jahren. Probebühnen in Zeitschriftenform werden von Autoren kaum mehr gebraucht – und von Verlagen und Publikum nicht wahrgenommen.
Dass ein Medium wie die literarische Zeitschrift im Wandel der Medien verschwindet, ist nicht tragisch, sondern Normalität. Tragisch wäre es, wenn mit dem Medium die Formate verschwänden, um die sich literarische Zeitschriften besonders verdient gemacht haben: insbesondere die Lyrik und der Essay. Solange sich dafür – im Web 2.0 oder in klassischer Printform – keine Schutzräume aufgetan haben, sind literarische Zeitschriften noch immer überlebenswichtig für die Literatur.
Damit leise Stimmen hörbar werden, brauchen sie Resonanzräume. Literarische Zeitschriften funktionieren heute überall dort, wo solche Resonanzräume gegeben sind: die "Sprache im technischen Zeitalter" etwa in ihrer Bindung an das Literarische Colloquium Berlin oder die inzwischen wohl wichtigsten und einflussreichsten Zeitschriften für neueste deutschsprachige Literatur, "Edit" und "Bella triste", in ihrer räumlichen und institutionellen Nähe zu den renommierten universitären Schreibstudiengängen in Leipzig und Hildesheim. Gerade diese Bindung an Institutionen der Aus- und Fortbildung entspricht genuin dem, was Zeitschriften immer ausgemacht hat: Es sind Genera­tionenprojekte.

Susanne Krones hat die Monografie "'Akzente' im Carl Hanser Verlag. Geschichte, Programm und Funktionswandel einer literarischen Zeitschrift" verfasst (Wallstein)

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2 Kommentar/e

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  • Bundesverband junger Autoren und Autorinnen (BVjA)

    Bundesverband junger Autoren und Autorinnen (BVjA)

    Es gibt sie durchaus noch: Die Literaturzeitschriften für junge Autoren. Unser Verband gibt etwa jetzt schon im 24. Jahr die "Konzepte - Zeitschrift für Literatur" heraus, die sich großer Beliebtheit und Rezensionen von FAZ über ZEIT erfreut. Ausdauer und kreative Freude am geschriebenen Wort sind das Erfolgsrezept für eine solche Zeitschrift.
    Nur die großen Verlage ziehen sich seit Jahren aus diesem Genre zurück und sind offensichtlich nicht mehr mutig genug, auch zu experimentieren und jungen Autoren eine Chance zu geben - so dass es auch künftige Günter Grass und Enzensbergers geben kann. Die Verlage zielen heute oftmals nur noch auf den schnellen Erfolg. Bei einer erfolgreichen Literaturzeitschrift ist jedoch Ausdauer und immer wieder die neue Lust des Experimentierens gefragt, um etwas für junge Autoren zu bewegen.

  • Anton G. Leitner

    Anton G. Leitner

    Heute sind mir zwei Beiträge in die Hand gekommen, die mich zunächst an einen Aprilscherz glauben ließen.

    Michael Krüger, vielgelobter Geschäftsführer des Carl Hanser Literaturverlages in München und langjähriger Herausgeber der Literaturzeitschrift Akzente, liefert in einem Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ) eine simple Erklärung dafür, dass so wenig Menschen Lyrikbände kaufen: "Sie sind halt zu ungebildet".

    Im Börsenblatt-Newsletter erklärt die dtv-Hanser-Lektorin Susanne Krones Literaturzeitschriften für tot. Sie hält Literaturzeitschriften heute u. a. deshalb für weitgehend funktionslos, weil Taschenbuch-Originalausgaben zum Teil jene Entdecker- und Auswahlfunktion übernehmen können, die früher literarischen Zeitschriften vorbehalten war. Allerdings verschweigt sie, dass Lektorate wie ihr eigenes besonders gern Redakteure oder Herausgeber von Literaturzeitschriften wie mich (und andere) damit beauftragen, eben diese Originalausgaben für sie zu edieren. Denn natürlich weiß auch Susanne Krones, dass im Zeitalter der Digitalisierung jedermann ohne größeren Aufwand eine eigene Internetseite, ein Internettagebuch (Blog) eröffnen oder seine eigenen Werke oder die seiner Freunde im Wege des Digitaldrucks (meist unredigiert) publizieren kann.

    Wer sich im Netz umsieht, findet teilweise ganze Internetportale oder Blogs, auch für Lyrik, die technisch perfekt gemacht sind und deshalb zunächst professionell wirken. Beim Lesen bemerken Besucher, die über einen gesunden Menschenverstand und einen eigenen literarischen Geschmack verfügen, aber schnell, dass dort gute und schlechte Texte wie Kraut und Rüben durcheinandergewürfelt präsentiert werden. Diese qualitative Nivellierung wird nicht selten durch flankierende Rezensionen oder Notate zum Literaturbetrieb verstärkt. Oft schwingen sich da Autoren zu Kritikern auf, denen der eigene literarische Erfolg bislang weitgehend verwehrt geblieben ist.

    Gerade vor diesem Hintergrund ist die aus manchen literarischen Zeitschriften jahrzehntelang erwachsene redaktionelle Kompetenz heute unverzichtbarer denn je. Sich dabei einzig und allein auf universitäre-germanistische Projekte zu verlassen, wie Susanne Krones dies vorschlägt, ist eine Milchmädchenrechnung. Denn gute Literatur setzt fast immer ein intensives Leben und Erleben voraus, und jeder, der einmal selbst eine Universität besucht hat und sich später im wirklichen Leben bewähren musste, weiß, dass diese beamtenähnlich geschützten akademischen Welten und nach Fachbereichen gegliederten "Unterwelten" wirklich nur einen beschränkten Teil der Lebenswirklichkeit und Praxis widerspiegeln und deshalb meistens lediglich ein Publikum zu begeistern vermögen, das sich noch selbst in diesem Millieu bewegt.

    Literaturzeitschriften leisten nach wie vor literarische Basisarbeit. Gerade im Bereich der Lyrik schaffen sie bis heute die Grundlage für neue Schriftstellerkarrieren und dokumentieren die Vielvalt unseres Literaturbetriebs.

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