Literaturhotels in Deutschland

"Das Frühstück ist der Kick!"

Wer Lesestoff in schöner Umgebung genießen will,  fühlt sich in einem Literaturhotel gut aufgehoben. Hier können sich Vielleser mit ihrem Buch zurückziehen und finden bei Bedarf weitere Anregung und Gespräche mit Gleichgesinnten. boersenblatt.net zeigt Beispiele mit Literaturmenüs, gut ausgestatteten Bibliotheken, Lesungen, Buchtauschbörsen und besonderen Arrangements für lesewütige Gäste. VON CHRISTINA BUSSE

© Kati Molin / bibliotels.com

Andrea Reichart macht Träume wahr: Bekannten Autorinnen und Autoren abends bei der Lesung zum Greifen nahe kommen, anschließend fachsimpeln oder einfach über Gott und die Welt plaudern und am Morgen danach auch noch gemeinsam das Vier-Minuten-Ei am Frühstückstisch köpfen. Fast jedes Wochenende macht sich ein Schriftsteller auf den Weg ins sauerländische Iserlohn, um im Literaturhotel Franzosenhohl vor einheimischen und zugereisten Gästen zu lesen. „Das Frühstück ist der Kick an diesem Arrangement“, sagt Andrea Reichart, Mitinitiatorin und Beraterin der in dieser Form einmaligen, 2008 eröffneten Beherbergungsstätte. „Unser Highlight ist in diesem Jahr Klaus Bednarz!“

Reichart, die selbst in Essen eine Buchhandlung hatte, bevor sie gemeinsam mit dem befreundeten Mediziner Helmut Holzhauer die Idee des Literaturhotels voller Elan in die Tat umsetzte, weiß, was Literaturfans wünschen. Zum einen natürlich Bücher. Davon gibt es hier jede Menge und täglich werden es mehr. Denn die Verlage spielen mit und versorgen das Hotel mit ihren Neuerscheinungen. Mehr als 2.000 Titel tummeln sich zurzeit im Foyer, auf den Fluren, in den 24 Gästezimmern, in der Bar und andernorts. Die Bücher – grundsätzlich nach Verlagen geordnet - sind ständig in Bewegung, trotzdem behält die ehemalige Sortimenterin den Überblick und stellt auf Wunsch den Gästen „handverlesene Literatur“ griffbereit neben das Bett.

Was das Hotel darüber hinaus für Bücherfreunde so interessant macht, sind die vielfältigen Aktivitäten. Schreibseminare, zum Beispiel ein Krimi-Workshop mit Regula Venske, eine Hörspielwerkstatt und praktische Anleitungen zum Drehbuchschreiben bietet das Programm, gezielt kombiniert mit vielfältigen Wellness-Angeboten im Freien oder im hauseigenen, jüngst eröffneten Spa-Bereich. „Lesen, schreiben und entspannen - das Konzept kommt fantastisch an!“, berichtet Reichart, die im vergangenen Jahr von der Stiftung Lesen mit der Auszeichnung „AusLese“ bedacht wurde und seit Neuestem mit dem Mitglieder-Vorteilsprogramm Seitenweise des Börsenvereins kooperiert. „Unter der Woche kommen überwiegend Geschäftsleute, ab Donnerstag geht der Lesetourismus los.“ Die angestrebte Wochenend-Auslastung von 60 Prozent sieht sie damit in greifbarer Zukunft liegen.

Herzblut, Kreativität und Leidenschaft zeichnet die Betreiber von Literaturhotels deutschlandweit aus. Christa Moog, selbst Autorin, führt in Berlin das Literaturhotel Friedenau: „Die reiche literarische Landschaft von Friedenau und die eigene Begeisterung für die Literatur haben wir hier zusammengeführt.“ Den Charme des im Biedermeierstil eingerichteten Hauses mit seinen 18 Gästezimmern - Moog hat die Einrichtung bis hin zur Leselampe liebevoll eigenhändig zusammengetragen – machen auch die Bibliothek und die gemütlichen Leseecken in Haus und Garten aus. „Das wird von den Gästen als Bereicherung, als schöne kulturelle Beigabe gesehen. In erster Linie sind wir ein Hotel“, sagt Moog, die etwa alle zwei Monate den Frühstücksraum zum Uwe-Johnson-Literatursalon umfunktioniert und hier bis zu 60 Gäste zu Lesungen und Gesprächen empfängt. Bisher haben vor allem Einzelreisende das besondere Schmuckstück in Berlin-Friedenau für sich entdeckt. „Gruppen, wie zum Beispiel Teilnehmer einer literarischen Städtereise, wären schön“, sagt Moog, die dazu auch eine Vernetzung der Literaturhotels anregt.

Eine Kooperation mit Bibliotels testet jetzt Stefan Grättniger, Inhaber des Hotels Lindau am Bodensee. 2004 hat er die Marketingidee „Literaturhotel“ aufgegriffen. Seiner Erfahrung nach „ein eher schwieriges Thema – nicht leicht zu etablieren und manche Leute waren abgeschreckt“. In den 26 Zimmern, die nach klassischen Autoren benannt sind, finden sich kleinere Bibliotheken, es gibt eine Buchtauschbörse und eine Zusammenarbeit mit dem Marburger Literaturverein „Die 42er“. Gemeinsam wird zwei Mal jährlich zur Autorenlesung mit Vier-Gänge-Menü eingeladen. „Mehr für die Seele, als für den Geldbeutel“, resümiert der Hoteldirektor in der gutbesuchten Bodenseeregion, der hofft, über das Bibliotels-Portal, eine österreichische, im Aufbau befindliche Initiative, verstärkt lesehungrige Urlauber anzusprechen.

Auf einer engen Zusammenarbeit mit der Hamburger Literaturszene basiert die Idee des Hotels Wedina. Der Inhaber, der sich als Mäzen versteht, lässt Autoren, die im Hamburger Literaturhaus und im Rahmen andere Literaturveranstaltungen in der Hansestadt lesen, gegen ein signiertes Werk gratis in einem der 59 Zimmer übernachten. So ist in zehn Jahren eine beachtliche Sammlung von rund 1.500 Büchern zusammengekommen, in der die Gäste gerne stöbern. „Literaten im Hotel“ heißt die Lesereihe, die im Wedina vom Literaturhaus organisiert wird, weitere Lesungen und Verlagsveranstaltungen finden ebenfalls seinen Platz. 14 Zimmer sind zudem nach Autoren benannt – von Fontane bis Bachmann. „Das Pessoa-Zimmer ist besonders beliebt“, so Maike Bunsen, stellvertretende Geschäftsführerin. Ob es am Autor liegt oder an der Lage des Zimmers, das sei dahingestellt.

Bücher, wohin man blickt, das erwartet die Gäste des Gutshotels Groß Breesen, das sich als Erstes Bücherhotel Deutschlands positioniert. Das 1833 erbaute Gutshaus im Mecklenburgischen bietet Arrangements wie „Kuschelzeit für Leseratten“ und „Bett, Buch, Rotwein“, Vollmond-Lesungen auf dem Wasser, Ausflüge auf den Spuren Theodor Fontanes, Schreibunterricht und vieles mehr. 80.000 Bücher, „völlig unsortiert“, und unter anderem aus dem Bestand der ehemaligen Pädagogischen Hochschule in Güstrow stehen in Haus, Hof und Scheune nicht nur zum Lesen, sondern auch zum Tausch bereit.

Während viele kleinere Spezialveranstalter das Thema „Literatur und Reisen“ erfolgreich für sich entdeckt haben, geben sich die größeren noch zurückhaltend. Die TUI beispielsweise, größte deutsches Tourismusunternehmen, lädt im Mai erstmals zu einer Literaturwoche nach Kreta ein: Zwei Lesungen mit Charlotte Thomas und Michel Birbeck und ein Hörbuch-Abend gelten als kostenloses Zusatzangebot für kulturinteressierte Gäste. Zielgruppe sind Paare zwischen 45 und 60 Jahren mit hohem Komfortanspruch. Das Pilotprojekt, so Kathrin Spichala, TUI-Unternehmenskommunikation, promote das neue Fünfsterne-Hotel Sensimar Royal Blue Resort & Spa (190 Zimmer), beworben werde das Kultur-Bonbon allerdings nicht explizit. Auch für den Kooperationspartner Lübbe Verlag, der bereits exklusiv die 50 Titel umfassenden Bibliotheken der insgesamt sechs Sensimar-Häuser ausgestattet hat, ist die Literaturwoche ein Testballon. „Wir sind gespannt, wie die Resonanz sein wird, es soll nicht das letzte Mal sein“, ist man sich in den beiden Unternehmen einig.

Literaturhotels (Auswahl):

www.gutshotel.de

www.hotel-friedenau.de

www.hotelwedina.de

www.insel-hotel-lindau.de

www.literaturhotel-franzosenhohl.de

www.bibliotels.com

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2 Kommentar/e

Diskutieren Sie mit ...

  • Stephan Jaenicke

    Stephan Jaenicke

    >>„Das Pissoa-Zimmer ist besonders beliebt“, so Maike Bunsen, stellvertretende Geschäftsführerin.<<

    Hmmm, sehr mysteriös.

    Ist da "Pessoa" gemeint oder vielleicht doch "Pissoir"?

    Fehlende Literaturkenntnisse im Hotel oder beim Redakteur?

    Grübel...

    SJ

  • Redaktion Börsenblatt

    Redaktion Börsenblatt

    Danke für den Hinweis. Wir haben das geändert.

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