Bachmann-Wettbewerb

Die Aufrechten im Frühbeisl und andere Klagenfurt-Helden

Glutorange leuchtende Kellnerohren, Jörg Haider im Botanischen Garten, eine im Taxi davonbrausende Punkerin, Grabenkriege der Juy und das Bangen mit dem eigenen Autor. Galiani-Verleger Wolfgang Hörner über sein Klagenfurt. VON WOLFGANG HöRNER

Wolfgang Hörner

Wolfgang Hörner © Tobias Bohm

Zwei Glücksmomente gibt es, deretwegen ich immer wieder zum Bachmann–Wettlesen nach Klagefurt fahre: Die Euphorieinjektion, die ein grandioser literarischer Text, der auch noch grandios vorgetragen wird, mir einjagen kann und die - ich gebe es zu - doch etwas idiosykratische Freude, wenn im berühmten, auf eine Halbinseln in den Wörthersee hineinragende Restaurant Maria Loretto die untergehende Sonne ihre Strahlen in dem Moment durch die sehr weit abstehenden Ohren des zwielichtigen kroatischen Kellners wirft, in dem er sich zum Aufnehmen der Bestellung zum Gast vor einem hinabbeugt und die Ohren einen Lidschlag lang in warmen Glutorange aufleuchten. Dass es dazwischen dann auch noch jede Menge anderer Texte, Bekanntschaften, Kontakte, Hoch und Tiefs gibt, muss nicht erst gesagt zu werden, das weiß jeder.

Das textliche Glücksmoment ließ heuer allerdings ziemlich auf sich warten: Nach einem eher zäh vertröpfelten ersten Tag, in dem nicht unüble, aber halt auch nicht begeisternde Texte auf eine ebenfalls nicht unüble, aber mehrheitlich auch nicht eben besonders gut vorbreitete und erst recht nicht besonders scharfrandig argumentierende Jury trafen, ging es zum Baden an den Wörthersee mit anschließenden Empfang des  Bürgermeisters, von dem man munkelt, er habe eine Art Jörg-Haider-Altar nebst Kerze im Amtszimmer stehen. Stadtschreiber Karsten Krampitz bestätigt mir auf Anfrage das Gerücht: er sei auch schon selbst in der Amtsstube gewesen, es sei wahr. Allerdings habe er längere Zeit an der tatsächlichen Existenz des Bürgermeisters gezweifelt, denn bei mehreren Bürgermeisterempfängen sei nie der Bürgermeister dabei gewesen.

Aufgrund dieser Aussage gucke ich dann auch gar nicht richtig hin, als irgendjemand beim Empfang eine angenehm kurze Ansprache über die Schönheiten des Kärntner Landes und die touristische Attraktion Bachmann-Wettbewerb von sich gibt. Nachher sagt man mir, es sei tatsächlich der Bürgermeister gewesen. Nachher meint: Am nächsten Tag – aber bis dahin ist noch lange von jener Nacht aus gesehen. Denn nach dem Bürgermeisterempfang (es ist inzwischen schon eine eher fortgeschrittene Stunde), zieht eine nicht eben kleine Schar Vergnügungsfreudiger, angeführt pikanterweise von deutschen Verleger eines berühmten genuss-, körper-, trink- und generell freude-feindlichen Bußpredigers der Renaissance in eine Tanzbar. Diverse Autoren, Journalisten und Mitarbeiter von Verlagen wie Hanser, Ullstein, Suhrkamp, Dumont, Manesse, Galiani, dva, Kiepenheuer & Witsch, Rowohlt und Fischer u.a. reden, trinken und tanzen, bisweilen enthemmt, zu einem Musikmisch, wie man ihn in Deutschland bestenfalls noch in einer Dorfdisco zu hören bekommt. Egal.

In Klagenfurt ist die Stimmung ein wenig wie auf einer Buchmesse, nur, dass man nicht am nächsten Tag um 9 den ersten Termin hat und dann im Halbstundentakt den ganzen Tag über weitere. Staunend verfolgen einige den nächtlichen Ausdruckstanz des Autors Peter Wawerzinek, der immerhin als einer der Favoriten gilt. Einige Stunden später, die Stimmung ist jetzt sehr gelöst, verlegt ein kleines Fähnchen Aufrechter noch ins sagenumwobene Frühbeisl, einen Lokalität, die ohnehin erst um halb vier Uhr morgens öffnet, in der extrem laute Musik die Verständigung erheblich erschwert und deren Intellektuellen-Jahresmittel am heutigen Morgen durch den Besuch von Vertretern illustrer Verlage wie Fischer, Ullstein, dva, Dumont u.a. massiv angehoben wird. Clemens-Meyer-Milieu. Aber nicht auf dem Papier.

Keiner der Anwesenden wäre auf die Idee gekommen, allein hier reinzugehen. Mit aufkommender Morgenhelligkeit tröpfelt das Grüppchen auseinander und mit ein wenig schlechtem Gewissen lassen die beiden letzten den Bußprediger-Verleger allein zurück, der von einer Punkerin, die eingangs allerdings behauptet hatte, lesbisch zu sein, bedrängt wird und die in weitgehend unverständlichem Kärntnerisch pausenlos auf ihn einredet. Am nächsten Tag hört man verschiedene Versionen der weiteren Vorgänge im Frühbeisl. Alle jedoch weisen eine Reihe identischer Elemente auf: anderer Mann, Streit zwischen Punkerin und anderem Mann, Schlichtungsversuche des Verlegers, standfeste Zurückweisung von Angeboten sexueller Natur, im Taxi davonbrausende Punkerin, die (wem?) den Stinkefinger zeigt. Eine Version erzählt noch von einem das Taxi verfolgenden Mann (der andere? Der Verleger? Ein Dritter?), der an einer roten Ampel auf dessen Dach eingehämmert, weil die Türen von innen verriegelt bleiben.

Die Texte, die am nächsten Tag die besondere Zustimmung der Jury genießen, haben eine auffallende strukturelle Ähnlichkeit zum Stichwortpuzzle der Fühbeisl-Geschichte: so ganz zusammenreimen kann sie sich beim ersten Hören niemand, auch die Jury nicht (die die Texte ja vorher hätte mehrfach lesen können), aber es gibt jede Menge verstreuter Hinweise, die einem das Gefühl vermitteln, bei genauem Lesen gäbe alles einen Sinn. Jemand in der Jury behauptet, die Texte mehrfach gelesen zu haben und trotzdem keinen Sinn gefunden zu haben, einer weigert sich, einen offenkundig sinnlosen Text mehrfach zu lesen. Die meisten finden die Texte aber doch ziemlich gut. Besser jedenfalls als die weniger rätselhaften Texte, die man sonst zu hören bekam. Man einigt sich auf die Formel, es fehle, das Feuer. Bei mir immerhin leises Glücksgefühl bei Aleks Scholz. Und die Aussicht, abends vielleicht mal wieder des Anblicks der Leuchtfeuerohren des kroatischen Kellners teilhaftig zu werden, der Gutteil des Klagenfurt-Trosses macht sich schon mal auf zum See.

Vorher aber geht es für mich in den botanischen Garten. Zusammen mit einem Klagenfurter  Bekannten habe ich eine „Umgehung der Jörg Haider-Ausstellung“ organisiert, die  zwischen dem letzten und diesem Bachmann-Wettbewerb bizarrerweise mitten in den botanischen Garten hineingewuchtet wurde, in einen Stollen, der im Zweiten Weltkrieg angeblich auch als Gauleiter-Unterstand gedient haben soll. Der Direktor des Botanischen Gartens führt uns durch den ausnehmend interessanten Garten (ich interesiere mich für Pflanzen), erläutert dessen weltweit anerkannte  Bedeutung. Allerdings muss der Garten mit einem Jahresetat von 20.000 Euro auskommen, Dritte-Welt-Niveau. Er zeigt uns verschimmelte Herbarien aus dem 18. Jahrhundert, die der Restaurierung harren, zeigt uns die Lehrpfade, die honorarfrei hergestellten Hochglanzpublikationen des Gartens, die zahlreichen Aktivitäten, die seine Mitarbeiter für Schüler, Blinde, und generell botanisch Interessierte organisieren. Ich verpasse zu fragen, was die Haider-Ausstellung gekostet hat, bzw. was deren laufende Kosten sind.

Die will man dann nämlich doch sehen, und ist über die Kärntner Mentalität mal wieder sprachlos: Der Versuch von Personenkult der Klasse Mao oder Kim Il Sung, die in diesem Stollen und weil sie dann doch ein wenig auf Sparflamme gekocht wird, unfreiwillig zur Parodie mutiert. Neben Devotionalien wie der ersten Aktentasche, dem ersten Schaukelpferd und dem Brautkleid von Haiders Ehefrau, offen ausliegende Redestichwortszetteln Haiders von kaum zu übertreffender Bizarrerie, der Schreibtisch Haiders undundund, das alles musikalisch untermalt von Kärntner Volkstrauermusik aus der Konserve. Ein ganzer Wurmfortsatz des Stollens, Teil drei der Ausstellung, trägt die Überschrift „Der Tod“. Eine penibel wirkende Rekonstruktion der Todesnacht, allerdings unter Aussparung fast aller pikanten Details und mit dem Versuch, einer Verschwörungstheorie Bahn zu brechen, Haider sei von dunklen Mächten ermordet worden. Irgendwo bei den Bildern sehe ich auch das Amtszimmer des Bürgermeisters – mit Haiderbild und Kerze.

Kaum etwas ist aufschlussreicher als das Gästebuch (die neue Ausgabe der Zeitschrift Volltext beinhaltet übrigens eine Rezension der Eintragungen in jenes Gästebuch. Zwar nicht die jüngsten - siehe unten - , aber trotzdem unbedingt lesen!): Neben Eintragungen wie „Unsere Sonne ist vom Himmel gefallen“, „Ich vermisse dich!“ und „Danke Jörg!“ auch hin und wieder mal was vom Kaliber: „Saufen und Autofahren passt halt nicht zusammen. Mögest du den Frieden, den du auch Erden nicht hattest, haben. Mögest du deine Sexualität jetzt ausleben können. Ich gönn es dir!“

Danach endlich wieder Licht, Dank dem Klagenfurter Bekannten, durch dessen sachkundige Kommentare (nämlich meist: Ergänzung des dort Verschwiegenen) die Ausstellung erst den richtigen Rahmen bekam und das unbedingte Verlangen, mehr über dieses seltsame Gewächs des freiheitlichen Kärntners mehr zu erfahren. Statt roter Kellnerohren (Einheimische lassen sich eher ungern im Loretto mit überteuerten Rechungen überziehen) also eine Essenseinladung an den Bekannten, die im Augustiner ausgegeben wird, wo nach 22 Uhr dann aber ohnehin wieder ein Teil des Bachmann-Preis-Clubs zusammentröpfelt. Heute aber, wie Samuel Pepys zu sagen pflegte, „zeitig ins Bett“.

Samstag: Mein Autor liest, Peter Wawerzinek. Ich gehe ins ORF-Theater, den Aufnahmeraum, den ich sonst oft zu scheuen pflege. Ich geh sonst nur rein, wenn ich sicher bin, dass ein wirklich guter Text gelesen wird. Sonst besteht keine Fluchtmöglichkeit. Ich nutze sonst schlechte Lesungen immer zur Erledigung des email-Verkehrs, zum Kontakt mit dem Verlag, Telefonaten mit Presse und Autoren, zum Schreiben von Klappentexten oder – am besten – zum Meinungsaustausch mit anderen vom grade aktuellen Text frustrierten Kollegen aus Presse und Verlagen.

Jetzt also direkt ins ORF-Theater. Die Stimmung ist da natürlich ganz anders, viel intensiver. Dass Peters Text extrem gut ist, weiß ich natürlich schon vorher, sonst würde Galiani ihn ja nicht drucken – aber wie wird die Jury reagieren? Wie das Publikum? Im Schnellspulgang gehe ich durch alle Zweifelsphasen, die mich sonst in den Wochen vor der Veröffentlichung jedes Galiani-Buches befallen. Habe ich mich doch nicht geirrt, mir per Autosuggestion den Text nur gut geredet? Hat sich auch meine Kollegin Esther Kormann getäuscht? Oder ist der Text doch so gut, wie ich denke, aber vollkommen erratisch und unverständlich? Habe ich vielleicht doch Myriaden sprachlicher Schnitzer übersehen? Hätten wir doch den einen anderen Abschnitt wählen sollen? Und und und ….

Peter liest grandios. Der Text ist so gut, wie ich ihn erinnere. Eigentlich kenne ich ihn ja fast auswendig. Das Publikum geht mit. Glücksgefühl ob des Textes – aber den kannte ich ja und bin, bei aller Restdistanz zu den Büchern des eigenen Verlags, mir natürlich meiner hoffnungslosen Befangenheit bewusst. Ich glaube hundertprozentig an die Kraft des Texts, spüre sie, traue aber meinen Gefühlen nicht. Schiele deshalb nach dem Publikum – das scheint mir voll dabei zu sein, zum Teil hingerissen. Aber so recht traue ich auch meiner Wahrnehmung nicht. Die Jurydiskussion dann aber teilweise doch recht gespalten, bei allem Grundrespekt vor dem Text, der bei allen durchleuchtet. Ich bekomme einen Hauch dessen zu spüren, was ein Autor durchmachen muss. Man kennt die Texte auswendig, wenn gelobt wird, hält man das für eine Selbstverständlichkeit, man kennt ja die Stärken, aber man ist fassungslos ob mancher Fehldeutung oder manchen wirren Arguments.

So wird es übrigens jedem Autor gehen, egal wie er abschneidet. Zum Glück muss ich nicht dort vorn sitzen, wo Peter sitzt. Der gibt danach Interview auf Interview, und nimmt es locker. Kollegen kommen, klopfen auf die Schulter, meinen, es ja toll gelaufen. Na ja, ziemlich sicher ist: irgendeinen Preis wird er kriegen, unklar ist allerdings, welchen. Dessen war ich mir allerdings, ehrlich gesagt, auch schon im Vorfeld des Wettbewerbs sicher. Während des Tages noch ein-, zweimal das Gefühl, dass die Meinung des nun ziemlich aufgeweckten Publikums und das Urteil von Teilen der Jury auseinandergehen. Die ist natürlich uneinheitlich, scheinen auch den oder anderen Grabenkrieg auszufechten. Wenn man nicht selbst betroffen ist, findet man das eher erfrischend.

Peter erzählt mir in einer Pause, ein Freund sei aus Rostock angekommen, er habe gestern einen Club aufgetan, in dem er heute Abend ein ad-hoc-Konzert gebe. Da muss ich natürlich hin. Zuvor den Text fürs Börsenblatt schreiben. Es wird also heuer nichts mit dem Loretto und den roten Ohren des Kellners. Morgen muss ich gleich nach der Preisverleihung zum Flugplatz. Streng genommen habe ich also alle echten Klagenfurt-Ziele verpasst. Ein Glücksflash beim eigenen Autor zählt natürlich nicht wirklich. Ein schlechtes Klagenfurt deshalb? Nein, auch diesmal war es spannend. Manchmal muss man einfach neue Prioritäten setzen. Auf zum Konzert …

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