Kommentar

Urheberrecht: Lautstarke Lobbyisten

Vorsicht, im politischen Streit gilt das Geräusch oft nicht weniger als der Gedanke. Ein Kommentar von Börsenblatt-Chefredakteur Torsten Casimir.

Torsten Casimir

Torsten Casimir © Werner Gabriel

Am Urheberrecht scheiden sich die Geister. Zwei Lager streiten unversöhnlich miteinander. Leider geht es nicht nur um die stärkeren Argumente, sondern auch um besseres Gehör vor der Berliner und der Brüsseler Politik. In den vergangenen Tagen gab es zunächst Grund zur Freude: Kulturstaats­minister Neumann hatte in seinem klug abwägenden Positionspapier einem Recht das Wort geredet, das in erster Linie die Interessen des Werkschöpfers schützen soll. Das Papier kommt einer intellektuellen Wohltat gleich, weil sich hier einer weigert, digitale Erleichterun­gen für Urheberrechtsbrüche zur Norm eines neuen Rechts zu verklären, das vorgibt, nutzerfreundlich zu sein. Wer im vermeintlichen Vorrang von Verbraucherinteressen die Belange der Kreativen und der Verwerter verrät, ris­kiert den Verlust kultureller Vielfalt. Denn wo kein Werk, da auch kein Verbrauch.
Die Freude über Neumanns Klarheit blieb aber nicht lange ungetrübt. Vertreter eines "Systemwechsels" haben zu Wochenanfang bei einer An­hörung der zuständigen Enquetekommission gleich den Aufmerksamkeitskonter probiert. Haben eine »Legitimationskrise« des Urheberrechts herbei­zureden versucht. Haben­ einen "Gleichklang" von Nutzern und Kreativen propagiert. Haben den einst passiven Konsumenten (der mittlerweile ja als Prosument, also als Verbraucher mit produktiven Anteilen teilgeadelt ist) endgültig in den Rang eines Werkschöpfers erhoben. Das alles mag zwar in einem idealen Diskurs als Unfug zu entlarven sein. Aber Vorsicht, die politische Meinungsbildung folgt anderen Regeln! Hier gilt das Geräusch oft nicht weniger als der Gedanke. Man muss deshalb die Phonstärke halten. 

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5 Kommentar/e

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  • Peter

    Peter

    Lassen wir die vermeintlich wichtige Phonstärke doch einmal beiseite und befassen wir uns zur Abwechslung auch wieder etwas mit Fakten ;o)

    Ein interessanter Lektürevorschlag:

    http://www.cippm.org.uk/alcs_study.html

    "AUTHORS' EARNINGS FROM COPYRIGHT AND NON-COPYRIGHT SOURCES: A SURVEY OF 25,000 BRITISH AND GERMAN WRITERS

    Martin Kretschmer and Philip Hardwick, Uni Bournemouth, GB

  • Kuhlen

    Kuhlen

    Wie wäre es gleichberechtigt zu behandeln?

    Denn wo kein Werk, da auch kein Verbrauch.
    Denn wo kein Verbrauch, da auch kein Werk.

    Nicht nur in der Wissenschaft, sondern bei jedem kreativen Handeln, sind AutorInnen immer auch NutzerInnen. Und wenn die Politik des Börsenvereins so weiter betrieben werden, vermutlich in der Zukunft auch immer mehr auch VerwerterInen.
    Wäre besser, wenn die Trias, Urheber, Verwerter, Nutzer wieder zu einem ausbalancierten Konsens kommen würde.

  • Andrea Kamphuis

    Andrea Kamphuis

    Lieber Herr Casimir,
    die nach einem transparenten Verfahren von den im Bundestag vertetenen Parteien benannten Fachleute, die am Montag von der Enquete-Kommission befragt wurden, als Lobbyisten zu schmähen, die einen lautstarken Aufmerksamkeitskonter landen wollten, statt redlich zu argumentieren - das ist schon starker Tobak.

    Ich empfehle die gelassene Lektüre der schriftlichen Stellungnahmen, z. B. unter http://gruen-digital.de/2010/11/das-urheberrecht-u nd-die-digitale-gesellschaft-entwicklungen-und-aus blicke-anhoerung-am-29-11-2010-in-der-enquete/ - da werden Sie wenig Geschrei, aber viele Argumente finden.

    Wenn Sie die Legitimationskrise des Urheberrechts für herbeigeredet halten, zeigt dies meines Erachtens vor allem, dass Sie in den letzten Jahren etliche Analysen von wissenschaftlichen Experten und Juristen sowie Schilderungen der Informationsbeschaffungs- und -vermittlungsprobleme von Bibliothekaren, Forschern, Studenten oder freien Publizisten ausgeblendet haben.

  • Daniel Schultz

    Daniel Schultz

    Dass durch weniger rigide Schutzansprüche ein Verlust kultureller Vielfalt entstehen würde, ist eine nicht belegte ideologisch verbrämte Behauptung.

    http://www.presseschauer.de/?p=1201

    Ansonsten wäre es schön, wenn der Börsenverein auf fragewürdige Indoktrination seiner Meinung bei Kindern verzichten würde. Zumal man noch nicht einmal in der Lage ist, auf diesbezüglich hervorgebrachte Kritik überhaupt zu reagieren

    http://www.presseschauer.de/?p=1123

  • Jens Best

    Jens Best

    Ihnen sind ja schon länger die Argumente ausgegangen (also die echten, nicht die konstruierten), aber das sie jetzt so öffentlich eingestehen, dass sie nichts weiter können als rumzunöhlen.....

    bye bye

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