Meinung: Übersetzen

Der Text ist sakrosankt

Übersetzer schlagen sich mit Verlagen herum, vor allem aber mit Wörtern. Von Hans-Christian Oeser.

Hans-Christian Oeser

Hans-Christian Oeser © Doris Poklekowski

Dieser Tage standen sich Übersetzer und Verleger vor Gericht gegenüber. Es ging um die Existenzgrundlage der Übersetzer, um eine angemessene Vergütung: höheres Seitenhonorar, höhere Erfolgsbeteiligung und höhere Nebenrechtsbeteiligung. In 22 Jahren ist mein Grundhonorar von umgerechnet 12 Euro auf den als »hoch« eingestuften Satz von 20 Euro gestiegen; im gleichen Zeitraum belief sich die Inflation auf mehr als
50 Prozent. War schon die Ausgangsbasis denkbar niedrig, so kann von einem realen Zuwachs kaum die Rede sein.

Aber Übersetzer schlagen sich nicht nur mit Verlagen herum, sondern vor allem mit Texten. An deren Bearbeitung haben drei Instanzen Anteil: der Originalverlag, der Übersetzer und der Verlag der Zielsprache. Angesichts der Nachricht, dass ein Buch von Mark Twain von anstößigen Stellen gereinigt wurde, einige Betrachtungen. Immer wieder kommt es vor, dass literarische Erzeugnisse der Zensur zum Opfer fallen, nicht unbedingt der staatlichen, dafür immer öfter der verlegerischen und der übersetzerischen.

Mark Twains »nigger« wird durch »slave« ersetzt – ein Begriff, der nicht nur eine andere Konnotation, sondern auch eine andere Denotation hat. Eine amerikanische Kollegin besteht darauf, »piel roja« (spanisch für Rothaut) mit »Native American« zu übersetzen. Eine deutsche Übersetzung des Zauberers von Oz macht aus Onkel und Tante Dorothys deren Eltern. Aus pädagogischer Empörung über Gewalt und Sexualität werden die Grimm’schen Kinder- und Hausmärchen indiziert.

Allen diesen Eingriffen in die authentische Textgestalt ist eines gemeinsam: ein steriler Puritanismus, der mittels »Reinigung« verfälscht. Dies ist umso erstaunlicher, als sich die heutige Zeit einer Erinnerungskultur verschrieben hat. Das historische Bewusstsein soll geschärft werden. Seltsam, dass ausgerechnet schriftliche Dokumente davon ausgenommen sind. Wie kann man unterschlagen, dass andere Menschen zu anderen Zeiten anders gedacht haben?

Der Text ist sakrosankt. Text­kritik muss außerhalb seiner selbst erfolgen. Der »menschliche Makel« eines Autors lässt sich nicht durch willkürliche Interventionen ungeschehen machen, sondern nur durch kontextualisierende Kommentare.

Sollen wir Platons Dialoge expungieren, weil der philosophorum pater die Euthanasie befürwortete? Sollen wir Werkausgaben von Fichte und Arndt zerstückeln, weil diese völkisch dachten? Sollen wir die Bücher liberaler Freiheitsprediger verbieten, weil sie gleichzeitig Advokaten der Sklaverei waren? Soll ich »old folk« mit »Senioren« übersetzen, weil wir uns bemüßigt fühlen, die Dinge zu beschönigen? Politische Korrektheit pflegt eine euphemistische Redeweise, die gesellschaftliche Missstände durch Sprachregelungen zu bewältigen sucht. Aber Identitätsbezeichnungen sind flottierende Signi­fikanten.

Der Übersetzer ist einem von der Treue zum Text geleiteten Berufs­ethos verpflichtet. Er hat das Recht, einen Auftrag abzulehnen, wenn ihm das Werk suspekt erscheint. Sobald er jedoch die Aufgabe übernimmt, darf er Unliebsames nicht ex post korrigieren, eliminieren, eskamotieren. Nicht umsonst untersagt der Übersetzervertrag »Kürzungen, Zusätze oder sonstige Veränderungen«.

Man schüttelt den Kopf und wundert sich. Wie über die Verleger, für die der Übersetzer nichts weiter als ein Kostenfaktor zu sein scheint.

Schlagworte:

3 Kommentar/e

Diskutieren Sie mit ...

  • TB

    TB

    Inhaltlich stimme ich zu --aber bei der Wortwahl könnte ich schreien... Gibt es wirklich Menschen, die Worte wie "eskamotieren" auch im Gespräch benutzen?!?

  • Steffen Deutschbein

    Steffen Deutschbein

    Hervorragend, Herr Oeser! Danke! Wobei sich das, was Sie sagen, von selbst verstehen sollte - tut es aber aus mannigfaltigen Gründen keineswegs, insbesondere angesichts dieser fatalen "political correctness".

    Gleich werde ich im Internet mal schauen, was ich sonst noch von Ihnen / über Sie finden kann.

    Herzlich,
    Steffen Deutschbein
    (deutscher Muttersprachler, 66, seit 43 Jahren in Frankreich lebend)

  • cornelius

    cornelius

    In einem Artikel im Börsenblatt vom 9. August 1996 mit der Überschrift "Übersetzer - ein unmöglicher Beruf" schrieb Volkhard Bode: „Setzten 1980 die Verlage noch ihre ‚Spitzenhonorare‘ auf 25 Mark pro Manuskriptseite, müßte man heute eigentlich bei 50 Mark angekommen sein, denn das monatliche Durchschnittseinkommen hat sich in Deutschland seitdem fast verdoppelt."
    Wohlgemerkt, das war 1996! Seither sind die Honorare der Übersetzer gegenüber der allgemeinen Einkommensentwicklung weiter zurückgefallen. Ihre Hochachtung oder Geringschätzung der unverzichtbaren Leistung der Übersetzer könnten die Verleger nicht treffender zum Ausdruck bringen. Wenn sie so etwas wie Schamgefühl kennen würden, müßten sie puterrot durch die Gegend rennen.

    Enragé,
    Cornelius

    • Informationen zum Kommentieren

      Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

    • Mein Kommentar

      Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

      Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

      (E-Mail wird nicht veröffentlicht)
      CAPTCHA image
      Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination.

      * Pflichtfeld