Die Sonntagsfrage

Was muss ein Lesekünstler können, Herr Gemmel?

Stefan Gemmel ist Lesekünstler des Jahres 2011. Der Kinderbuchautor liest auch schon mal in einer Turnhalle vor 200 Kindern, 250 Termine im Jahr absolviert er spielend. Wie er mit kleinen Störern umgeht, was die Kids von ihm wissen wollen und wie seine Entertainer-Qualitäten mit der eher stillen Schriftstellerei zusammenpassen, erklärt Stefan Gemmel in der Sonntagsfrage.

Stefan Gemmel

Stefan Gemmel © privat

Vom Umgang mit kleinen Störern

Wenn es gelingt, den Funken überspringen zu lassen, wenn ich meine Begeisterung an der Literatur regelrecht ausstrahle, dann überträgt sich das schnell auf die Kinder und man wird während der Veranstaltung eins. Klar, Kinder, die partout nicht stillsitzen können, gibt es immer. Manchmal reicht schon ein kleines Nicken in die Ecke, in der solche Kinder sitzen oder ein kurzer Pfiff. Ansonsten spreche ich die Kinder direkt an und schlage ihnen ein Abkommen vor: Ich werde dafür sorgen, dass sie nicht die ganze Zeit sitzen müssen, wenn sie dafür sorgen, dass ich mein Lesen nicht mehr unterbrechen muss. Wir besiegeln das dann mit Handschlag (oder manchmal auch mit Handschlägen) und meistens reicht das auch aus. Zwischen den Lesungen sorge ich ohnehin für Bewegungspausen. Bei älteren Kids reicht es, sich auszustrecken, bei jüngeren machen wir Phantasiewanderungen an die Handlungsorte oder steigen in ein imaginäres Flugzeug, um die Szenerie von oben zu betrachten. In Rollenspielen zeige ich gerne den Entstehungs-Weg eines Buches auf und suche mir als Protagonisten die Kids heraus, die vorher in den Lesungen Probleme hatten, still zu sitzen.

Der schnöde Mammon

Die häufigste Frage von Kindern, die nicht so gern lesen, ist exakt die Frage, die mir auch die meisten Erwachsenen stellen: „Was verdienst du in deinem Beruf?“ Kinder, die selbst gern lesen – vielleicht sogar selbst schreiben – kommen hingegen mit ganz anderen Fragen: „Wie schaffst du es, eine Geschichte so zu schreiben, dass du nicht nach einigen Seiten schon die Lust verlierst?“ Oder: „Was kann ich mit meiner geschriebenen Geschichte anfangen?“ Oder: „Woher kommen deine Ideen und wie erstellst du Geschichten daraus?“ Und ganz häufig bekomme ich folgende Frage gestellt – wiederum von Groß und Klein gleichermaßen: „Warum hast eigentlich nicht DU den Harry Potter geschrieben?“

Zwei Seelen, ach, in meiner Brust

Den Entertainer gebe ich ausschließlich auf der Bühne. Ich liebe es, aufzutreten und all meine Energie auf Bühne und Publikum zu übertragen. Doch beim Schreibprozess bin ich ein ganz anderer Mensch. Mit sehr viel Ruhe (die mir die meisten meiner Leser, die mich auf der Bühne haben herumspringen sehen, niemals zutrauen würden) erarbeite ich mir meine Stoffe, entwerfe die Figuren und feile unerbittlich an einzelnen Sätzen. Handlungsstränge werden wieder und wieder durchdacht, umgestellt, neu durchdacht, wieder neu formuliert. Und so wohnen zwei Seelen, ach, in meiner Brust. Doch da die beiden sich prima ergänzen und keiner dem anderen was neidet, klappt diese „Autoren-WG“ in meinem Inneren ganz hervorragend.

 

Der Autor: 

Stefan Gemmel wurde 1970 geboren und leitet neben seiner Tätigkeit als Autor Literaturprojekte und Schreibwerkstätten. Er hat bislang 26 Bücher veröffentlicht und war viele Jahre aktives Vorstandsmitglied im Verband Deutscher Schriftsteller. 2007 wurde Gemmel für seine lesefördernden Veranstaltungen mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

 

Der Preis: 

Mit der Auszeichnung Lesekünstler, die in diesem Jahr zum dritten Mal verliehen wird, kürt die Arbeitsgemeinschaft Leseförderung des Sortimenter-Ausschusses im Börsenverein den besten Vorleser unter den Kinder- und Jugendbuch-Autoren.

Schlagworte:

6 Kommentar/e

Diskutieren Sie mit ...

  • H. Kraft

    H. Kraft

    Ich finde dies sehr gut, dass Herr Stefan Gemmel in Schulen für Kinder vorliest und so das Medium Buch den Kindern und Jugendlichen öffnet. Das Lesen eines Buches soll ja doch auch immer mit einer Überraschung zu tun haben. Sicher treten Hemmschwellen zurück, wenn Kinder den Texten von Stefan Gemmel zuhören.
    Der Preis an Herrn Gemmel - Lesekünstler des Jahres 2011 - ist somit mehr als berechtigt, denn als Autor versteht er es auch, Kinder ernst zu nehmen und ihnen zu zeigen wie der Umgang mit Büchern Freude bereiten kann.
    Stefan Gemmel fördert bei Kindern mit seinem Vorlesen auch den Wunsch nach Büchern und so etwas ist nur ausdrücklich zu loben.
    H. Kraft, München

  • Peter Peterknecht

    Peter Peterknecht

    Stafan Gemmel ist nicht nur der Lesekünstler 2011. Er ist überhaupt ein Lesekünstler.
    2010 war er Gast der Erfurter Kinderbuchtage. Es war wirklich ein Erlebnis und zwar so nachhaltig, dass uns heute noch Kinder darauf ansprechen.

  • Stefanie Reiber

    Stefanie Reiber

    250 Termine pro Jahr schafft er "spielend"! Tolle Leistung, ich bin beeindruckt. Wenn man bedenkt, dass das Jahr 365 Tage hat, davon 52 Sonntage, 52 Samstage, und dann noch 6 Wochen Sommerferien, 2 Wochen Osterferien, Pfingstferien und Weihnachtsferien... dann frage ich mich, wie der Autor das schafft... ;-)

  • Stefan Gemmel

    Stefan Gemmel

    Hallo, zusammen.
    Vielen Dank für die herzlichen Glückwünsche und die Zustimmung. Nun muss ich mich aber doch kurz melden, Frau Reiber, denn die Frage, die Sie stellen, höre ich immer wieder: "Ist das Jahr nicht ein bisschen zu kurz für 250 Lesungen?"
    Der "Trick" besteht darin, dass ich nur selten für eine einzige Lesung eingeladen werde. Meistens führe ich zwei, sehr oft auch drei Lesungen an einem Tag durch. Und wenn ich dann noch auf dem Rückweg von einer Lesereise am Nachmittag statt einer Mittagspause eine Lesung in einer Buchhandlung oder Bücherei einschiebe, dann sind es auch mal (selten) vier Lesungen an einem Tag. Wenn man das nun durchrechnet, dann passt es so, dass ich sogar 10 Wochen "lesefreie Zeit" in den Sommerferien habe, in denen ich dann die größeren Buchprojekte angehe.
    Danke, Frau Reiber, für Ihren Kommentar, denn so konnte ich dies mal an dieser Stelle veranschaulichen.
    Herzliche Grüße und vor allem DANKE an alle Buchhandlungen und Büchereien, die mir ihre Stimme für den Lesekünstler gegeben haben. DANK auch für den unermüdlichen Einsatz der vielen Veranstalter für alle Mühe im Vorfeld und in der Nachbereitung der Lesungen, denn ohne Ihren Einsatz wären solche lebendigen Veranstaltungen gar nicht möglich.
    Stefan Gemmel.

  • Kerstin Köcher

    Kerstin Köcher

    Stefan Gemmel ist ein außergewöhnlicher Lesekünstler und ich freue mich, dass er diesen verdienten Titel nun auch offiziell erhält.
    Eine "Lesung" mit Stefan Gemmel ist eigentlich nicht die richtige Bezeichnung für das Erlebnis, welches er jedes mal den (freiwilligen oder durch schulische Zwänge verpflichteten) Zuhörer/innen schenkt. Er liest nicht einfach. Er bezieht wie kein Anderer das Publikum ein. Mit seinem Tempo, Wortwitz und schauspielerischen Talent fesselt er auch diejenigen, die nie freiwillig ein Buch lesen oder gar zu einer Lesung gehen würden.
    Stefan Gemmels pädagogisches Geschick bewundere ich und wünschte mir, dass viele Lehrer/innen ihn zum Vorbild nehmen würden, nicht nur beim Umgang mit "Störenfrieden".
    Die vielen Termine der Lesungen zu koordinieren, beweist Organisationstalent. Schon das ist bewundernswert.
    Was ich mich jedoch immer frage: "Woher nimmt er nur diese Energie?"
    Ob es die erste, zweite oder gar schon dritte Lesung eines Tages ist, merkt das Publikum nicht. Stefan Gemmel sprüht immer vor Energie und Begeisterung. Er stellt sich blitzschnell auf sein Publikum ein und dadurch wird jede Lesung ein besonderes und einmaliges Erlebnis.
    Eine Leistung, die wirklich eine Auszeichnung verdient.

  • Stadlmann Alfred

    Stadlmann Alfred

    Mein Respekt gilt all jenen, die sich vor ihre zukünftigen Leser hinstellen und sie zum Zuhören bewegen. Herr Gemmel scheint das mühelos zu vollbringen, wie ich den Kommentaren entnehmen kann. Selbst habe ich schon Bücher geschrieben, aber noch keine Lesung gehalten. Zu viel Bammel, würde ich sagen, vielleicht auch zu wenig Selbstvertrauen, weiß auch nicht. Doch noch ist nicht aller Tage Abend und ich würde gerne selber mal eine Lesung besuchen. Leider lebe ich in Liezen, in der Obersteiermark (Österreich), umgeben von herrlichen Skibergen und Tourismusorten im literarisch gesehen luftleeren Raum. Eher selten, werden hier Lesungen abgehalten. Aber was nicht ist, kann ja mal werden. Lieber Herr Gemmel, alles Gute für Ihr weiteres Schaffen und viele staunende Kinderaugen bei Ihren Lesungen.
    Alfred Stadlmann

    • Informationen zum Kommentieren

      Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

    • Mein Kommentar

      Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

      Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

      (E-Mail wird nicht veröffentlicht)
      CAPTCHA image
      Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination.

      * Pflichtfeld