Interview

"Jedes Buch hat seinen eigenen Markt"

Tredition bietet Self-Publishing-Autoren ein Partnermodell an: Das Unternehmen stellt Zeitungshäusern, Fachportalen oder Hochschulen eine Web-Anwendung zur Verfügung, über die Autoren Bücher veröffentlichen können. Der Autor profitiert vom Marketing des Partnerunternehmens, tredition selbst ist am Erlös durch eine Provision beteiligt. Geschäftsführer Sönke Schulz über das Geschäftsmodell und den Self-Publishing-Markt. Mehr zum Thema Selfpublishing im aktuellen Börsenblatt 18 / 2011. VON INTERVIEW: MICHAEL ROESLER-GRAICHEN

Sönke Schulz

Sönke Schulz © privat

Nur 0,5 Prozent der bei klassischen Verlagen eingereichten Manuskripte werden in Deutschland auch veröffentlicht. Wie hoch könnte diese Quote sein, wenn mehr Autoren Self-Publishing-Dienstleister nutzten?
Sönke Schulz: Statistisch gesehen muss ein unbekannter Autor sein Manuskript bei 200 Verlagen einreichen, bis er den ersehnten Autorenvertrag erhält. Wenn durch den Zuwachs an Self-Publishing-Dienstleistern eine wachsende Zahl von Autoren diese "Ochsentour" durch die klassischen Verlage nicht mehr auf sich nehmen muss, sondern auf eigene Faust veröffentlicht, erreichen weniger Manuskripte die klassischen Verlage.

Das Ganze ist eine simple Rechnung: 2010 wurden über 211.000 Titel im Verzeichnis lieferbarer Bücher angemeldet (inkl. Neuauflagen). 2008 waren es noch 146.000. Dieser Zuwachs an Neuveröffentlichungen von 65.000 lässt sich vor allem durch Self-Publishing erklären, da die Anzahl der Neuveröffentlichungen klassischer Verlage nahezu konstant bei 90.000 Titeln lag. Durch Self-Publishing sinkt auch die Summe der eingereichten Manuskripte. Dies bedeutet, dass die geringe Quote von 0,5 Prozent steigt und damit die statistische Chance, bei einem klassischen Verlag verlegt zu werden.

In den USA werden inzwischen mehr Titel über Self-Publishing-Plattformen veröffentlicht als in herkömmlichen Verlagen. Wie hoch ist der Anteil?
Sönke Schulz: Genaue Zahlen liegen uns nicht vor. Ein direkter Vergleich zum deutschen Markt würde zudem ein falsches Bild abgeben, da in den USA vor allem E-Books eine wesentlich bedeutendere Rolle spielen, und die Konzentration auf eine geringere Anzahl von Buchhändlern berücksichtigt werden muss.

Self-Publishing klingt verlockend. Welche Nachteile hat das gängige Geschäftsmodell mit Druckkostenzuschuss?
Sönke Schulz: Da muss man zwei Modelle klar unterscheiden. Es gibt Self-Publishing-Anbieter, die Autoren Kosten für die Veröffentlichung in Rechnung stellen. Mittlerweile haben sich die meisten dieser Anbieter für eine Online-Publikation entschieden, also ohne technische Unterstützung für den Autor, die sich bei unter 200 Euro eingependelt hat. Das dient nur der reinen Kostendeckung, um einen Titel verfügbar zu machen. Bei tredition kostet eine Veröffentlichung beispielsweise 149 Euro, oder ein Autor nimmt 25 Exemplare zum reduzierten Autorenpreis ab. Ein Druckkostenzuschuss sagt hingegen aus, dass eine Auflage auf (Teil-)Risiko des Autors gedruckt wird. Die Kosten dafür sind häufig fünfstellig.

Das erste Modell hat keine Nachteile für Autoren – im Gegenteil: Autoren haben meistens freie Wahl bei der Gestaltung und Ausstattung des Buches sowie der Ladenpreisfestsetzung. Im Self-Publishing wissen sie, dass sie selber für einen Großteil der Werbung verantwortlich sind. Das entscheidende Kriterium lautet hier: Finde den Self-Publishing-Dienstleister, der für beste Werbeunterstützung und Vertriebskanäle sorgt. Das ist der Grund warum tredition mit reichweitenstarken Vermarktungspartnern Buchreihen ins Leben ruft.

Sie bieten branchenfremden Lizenznehmern, vor allem Tageszeitungen, aber auch Fachportalen, eine (für die Autoren kostenlose) Web-Anwendung für die Herausgabe eigener Buchreihen an. Womit verdienen Sie dann Geld – mit der Lizenz, die die Herausgeber erwerben? Oder mit einer Provision, die vom Endverkaufspreis der Bücher einbehalten wird?
Sönke Schulz: Die Nutzung oder Einbindung der Web-Anwendung mit Namen "publish-Books" ist kostenlos, es fallen für die Partner – also Tageszeitungen, Fachportale und andere – keinerlei Lizenzgebühren oder Ähnliches an. Für die Autoren ist das Nutzen der Anwendung ebenfalls kostenfrei, allerdings berechnet der Partner eine frei wählbare Veröffentlichungsgebühr.

tredition bietet das Modell als White-Label-Lösung an. Das bedeutet, dass die Web-Anwendung "publish-Books" an das Corporate Design des Partners angepasst und in dessen Internetauftritt eingebettet wird. Dieser legt ebenfalls alle Konditionen fest, die ein Autor für eine Veröffentlichung in seiner Buchreihe zu zahlen hat. Im Gegenzug bekommt der Autor je nach Partner und Veröffentlichungsangebot diverse Leistungen angeboten – beispielsweise Werbeanzeigen, ein professionelles Korrektorat oder den Satz seines Textes im Rahmen der Veröffentlichung. Wir erhalten einen Anteil der Veröffentlichungsgebühr der Autoren, den weit größeren Anteil aber durch Provisionen, die pro verkauftem Buch generiert werden – frei nach dem Motto: Die Masse macht‘s! 


Die Lizenznehmer benötigen keine Verlagserfahrung und sollen ohne Aufwand produzieren können, tredition übernimmt sämtliche verlegerischen Tätigkeiten inklusive Vertrieb und Marketing. Wie werden diese Aktivitäten mit dem Herausgeber abgestimmt?
Sönke Schulz: Kern unseres "White-Label"-Geschäftsmodells ist die Bündelung der Stärken von tredition mit denen unserer Partner. tredition erbringt sämtliche verlegerischen Tätigkeiten wie Buchprüfung, Druck und Vertrieb. Die Vermarktung der Buchtitel übernimmt zu einem Großteil unser Partner. So schaltet beispielsweise eine Tageszeitung Werbe-Anzeigen für unter ihrer Marke erschienene Buchtitel, die Autoren dort im Self-Publishing veröffentlicht haben.

Einer unserer Partner ist die Tageszeitung "Neue Westfälische" (tägliche Auflage 450.000 Exemplare). Die Kooperation hat vor wenigen Wochen begonnen und mittlerweile veröffentlichen wir 1-2 Titel pro Woche. Die Bücher handeln meistens von Themen rund um das Verbreitungsgebiet der Neuen Westfälischen. Die Neue Westfälische erreicht mit einer Anzeige für einen Buchtitel mit dem regionalen Bezug die Leserzielgruppe sehr genau. Ein Buchverlag oder Self-Publisher, der zu der Region keinen Bezug hat, kann diese Werbeleistung für einen vergleichbaren Titel nie erbringen – oder nur zu sehr hohen Kosten. Wir nennen das eine Veröffentlichung am "Point of interest".

Über Marketingaktivitäten stimmen wir uns regelmäßig ab. Wenn eine Tageszeitung Anzeigen für einen Buchtitel schaltet, sorgen wir für ausreichend erhältliche Exemplare. Durch diese Kooperation hat tredition das Dilemma der bei nahezu allen Self-Publishern fehlenden Vermarktung gelöst.

Wie ist das Feedback aus dem Buchhandel?
Sönke Schulz: Unsere Titel haben durchschnittlich einen etwas höheren Ladenpreis als Bücher klassischer Verlage. Das freut den Händler! Alle unsere Titel sind über die Barsortimente oder direkt bei unserer Auslieferung Brockhaus Commission zu branchenüblichen Rabatten erhältlich. Daher sind Buchhändler mit der Leistung von tredition zufrieden und verkaufen unsere Bücher gern.

Haben Sie den Eindruck, dass durch Ihr Lizenzmodell neue Autoren entdeckt werden oder schon worden sind, die die Buchwelt bereichern?
Sönke Schulz: Unsere Unternehmensgründung basiert auf der Annahme, dass jedes Buch seinen eigenen Markt hat – sei dieser noch so klein. Deswegen bereichern bereits jetzt jede Menge unserer Autoren die Buchwelt: Krimis mit regionalem Bezug, die bei Tageszeitungen erscheinen, Ernährungstipps aus aller Welt, die bei Gesundheitsportalen veröffentlicht werden, Promotionen von Doktoranden, die in die Schriftenreihe einer Partnerhochschule aufgenommen werden, um nur einige Beispiele zu nennen.

tredition dient auch in wachsendem Maße dazu, neue Talente zu entdecken. Autoren konnten sich über das Veröffentlichungsmodell von tredition einen Namen machen und haben in der Folge Bücher unter anderen bei Campus, Conte, Highlights oder dem Wu-Wei Verlag veröffentlichen können.

Die Fragen stellte Michael Roesler-Graichen.

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2 Kommentar/e

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  • Joko Sander

    Joko Sander

    Als Ex-Agenturmann brauche ich keinen (richtigen) Verlag, um einen Roman zu veröffentlichen, denn ich veröffentlichte die Geschichte als Softcover und parallel als eBook über tredition in Hamburg, dabei sind die klassischen
    Verlage aussen vor geblieben.

    Ich lebe heute in der Nähe von Kapstadt und betreibe zusammen mit meiner Frau ein Gästehaus und wenn ich mich nicht gerade um meine Gäste kümmere, schreibe ich.
    Ich habe viele Jahre für Verlage gearbeitet. Dann recherchierte ich die dramatische Lebensgeschichte meines Großonkels und schrieb einen Roman darüber. Ob das genug ist, um damit eine literarische Karriere zu beginnen? Nein, fanden Literaturagenten und Lektoren, auch Trüffelschweine genannt, die ich im Verlauf von zwei Jahren von Südafrika aus anzusprechen versuchte.
    Schließlich fasste ich den Entschluss, der alles veränderte.
    "Jeder ist Verleger! Ich mach es selbst und muss einfach zurückkommen!"
    Durch einen Artikel in Buchmarkt.online war ich auf den tredition Verlag aufmerksam geworden. Im Januar 2011 veröffentlichte ich über tredition meinen Roman "Der Schatten des Fotografen". Gedruckt wird die Geschichte "nur" als Taschenbuch, parallel wird der Roman als E-book bei den Online-Buchhändlern gelistet. So kann man die Geschichte als Softcover bestellen oder auf allen eBook-Readern lesen. Das eBook ist weltweit verfügbar und lässt sich in wenigen Minuten herunterladen. Verkauf und Inkasso laufen über tredition, Gutschriften und evtl. Remissionen erfolgen über den Verlag.
    Am 7. April 2011 habe ich den Roman der deutschen
    Community in Kapstadt präsentiert. Frank Laufenberg, der legendäre Musik-Journalist, machte das Buch am 19. März 2011 zum Thema seiner Sendung. Er spielte dazu
    Original-Aufnahmen von Blind Lemon Jefferson, dem "Vater des Texas-Blues", einem der Helden des Romans, sowie Cover-Versionen seiner Songs von den Beatles und Bob Dylan.
    Am 9. Mai ist eine Sendung mit NRW.TV vereinbart - der Knoten ist geplatzt! Eine Film & TV Produktion hat Interesse angemeldet.
    Wie das alles so schnell hat passieren können, weiß ich selbst nicht "Ich habe einen Roman geschrieben, wie viele. Ja klar, ich habe in den letzten Monaten genau das für mich gemacht, was ich früher für meine Verlage
    gemacht habe und wenn es auch vielleicht nach mehr aussieht, es ist wirklich nur eine "one-man-show". Ich habe ein Konzept entwickelt, ein Plakat und
    einen Prospekt gestaltet, einen Buchtrailer produziert, die Lesereise organisiert."
    Am 13. Mai geht es los im Stadtgalerie Cafe, in Osnabrück, dann folgen Termine in Oesede, Ostercappeln, Siegen, München und Landshut.
    Nur Mut, es geht! Man muss nur wollen.
    Joko Sander, Somerset West - Kapstadt

  • Michael Dreusicke

    Michael Dreusicke

    Klasse Artikel :)
    Im digitalen Zeitalter können Startups durch Innovationen ganze Märkte umwälzen. Umso wichtiger wird für die "klassischen" Verlage die Markenbildung.

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